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Die Teestube am Tahrir _Kairo

Dezember 8, 2015

Hier bin ich seit September 1988 mindestens 550 Mal vorbei und durch gelaufen, aber nur ein halbes Dutzend Mal habe ich hier auch einen Tee getrunken. Anfangs deshalb nicht, weil ich acht Monate lang genau gegenüber gewohnt habe, danach vor allem, weil dieses Teestubenhäuschen in der Passage zwischen dem Midan Tahrir und einer kleinen Hintergasse nicht wirklich einladend ist, selbst für hartgesottene Leute, die auch in den zweifelhaftesten hygienischen Verhältnissen ihren Tee genießen können. Ich kenne keine andere Gasse direkt am Hauptplatz einer Millionenmetropole – von Berlin über Paris, London oder New York und Los Angeles, bis Istanbul, Teheran oder Manila -, die trotz zentraler Lage am Rand der City derart abgewrackt ist und in der sich nur so wenig Umsätze machen lassen wie hier, wo es nur einen Zeitungsstand, ein Lager für die Verteilung von Zeitungen, eine Hinterhofmoschee und eben diese Teestube gibt, die inmitten von starrendem Schmutz trotzdem eine kleine Oase der Ruhe bietet.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Sh. Munsheiet al-Mahrani im toten Winkel der Passantenströme liegt, die von diesem wichtigsten Kairener Platz zur Verteilung des Verkehrs am Rand der Innenstadt entweder sofort weiter nach Süden, oder nach Nordosten, aber kaum nach Osten in die Sh. Tahrir oder die Sh. Mohammed Mahmoud streben, die zum Midan Falaky führen. Am Tahrir hat man sich bis zur Revolution von 2011-13 nicht aufgehalten, außer man war Tourist. Während der Revolution war alles anders, da strebte alles zum Tahrir, aber jetzt ist es wieder wie früher, wie ich im Oktober feststellen konnte. Nur frustrierender.

Das Haus mit der Adresse 1, Midan Tahrir war schon immer vor allem eine Fassade, die jeder Kairener kannte, weil es so isoliert am Platz steht und man von Westen und Nordwesten kommend im Schritttempo genau auf es zu fuhr, ehe man in den Kreisel einbog. Hinein oder dahinter hat kaum jemand geschaut, abgesehen von Gästen des Hotels Ismailya House oder Studenten der American University in Cairo (AUC), für die die Passage eine Abkürzung zum Nebeneingang in der Sh. Mohammed Mahmoud war.

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Während der Revolution war das völlig anders: Fernsehteams drehten von den oberen Etagen des Hauses Reportagen über die Geschehnisse unten, im Durchgang zur Teestube würden Verletzte in einer improvisierten Krankenstation behandelt, in der Sh. Mohammed Mahmoud entstand die bedeutsamste Graffitiwand Kairos und die Teestube, deren Namen ich nicht kenne (wahrscheinlich gibt es keinen), machte sicherlich bessere Umsätze als je zuvor. Die Gasse war zudem Ort des Geschehens einer üblen Massenvergewaltigung.

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Wie 1988 sortiert hier immer noch der Lagerist neben der Teestube (oder dessen Nachfolger) große Stapel Zeitungen zur Weiterverteilung. Auch die andere kleine Gasse ist noch immer vollständig zugeparkt und wird von defekten Wasserleitungsrohren tröpfchenweise geflutet. Vor unserem Haus steht noch immer die kleine Mauer aus dem Krieg 1973 gegen Israel, die den Eingang vor Splittern schützen sollte. Nur vier Dinge haben sich in all den Jahren verändert: Die Rückwand der Teestube wurde mit einer ägyptischen Flagge bemalt, die Stühle wurden mehrmals ersetzt und die Hinterhofmoschee hat freitags so eine hohe Nachfrage, das man zwischen den Häusern über der Gasse Gestänge zur Befestigung von Sonnenschutzplanen angebracht hat (dann werden auch die Teestubenstühle zur Seite geschoben). Schließlich bietet auch der Blick auf die AUC wechselnde Graffitis, vor allem Porträts von Märtyrern der Revolution, meist aus Fans des Fußballclubs El-Ahly Kairo hervorgegangenen Aktivisten. Jetzt im Dezember 2015 ist auch das hässliche blaue AUC-Gebäude hinter der Graffitiwand abgerissen worden. Drinnen blieb im Wesentlichen alles gleich:

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Das Alter der Teestube ist mir unbekannt. Das Haus selbst, genannt ‚Aziz Bahri Building, wurde 1934 vom Architekten Antoine Selim Nahas errichtet. Der Apartment-Komplex besteht aus dem achtstöckigen Vorderhaus und dem kleineren Hinterhaus jenseits der Gasse, in dem ich damals wohnte. Der Architekt führte damit einen völlig neuen Maßstab an Gebäudegröße ein, der sich schnell zum Standard der Neustadt entwickelte. Die zweistöckige Passage mit der Teestube war ursprünglich als eine Art schattiger Garten gedacht gewesen, so die Information von Capresi/ Pompe.

Verwendete Quelle: Capresi, Vittoria/ Pompe, Barbara (Hg.): Discovering Downtown Cairo. Architecture and Stories, Berlin 2015, S. 170-75

Die Teestube am Tahrir _Kairo © Ekkehart Schmidt

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