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Midan Tahrir 2015_Kairo

Dezember 6, 2015

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Dieser seit der Revolution von 2011-13 weltweit bekannteste Kairener Platz hat schon viele Transformationen und Nutzungsänderungen erfahren, zuletzt 2014-15. Wenn auch stählernen Fußgängerbrücken (bis 1982), Busbahnhöfen (bis vor wenigen Jahren), riesigen Werbetafeln auf den Dächern der Häuser am Platz (bis kurz vor der Revolution) und zentralen Denkmälern nur ein vergleichsweise kurzes Leben beschieden blieb, so ist seine Funktion als wichtigster Verkehrsverteiler der Stadt für täglich rund drei Millionen Autos gleichwohl unverändert geblieben. Wer vom westlichen Nilufer, vom Flughafen und den Vierteln im Norden, wie auch aus Garden City und anderen Vierteln im Süden in die Innenstadt gelangen will (und umgekehrt), hat diesen weiten Platz mit seinem riesigen Kreisel, der in mehreren Fahrspuren umrundet wird, zu passieren. In der Regel geht dies trotz mancher Staus relativ schnell.

Während von 2011-13 hier insofern Anarchie herrschte, als sehr lange Zelte von Protestierenden die Wiesenfläche des Kreisels und die Umgebung blockierten, mitlaufende Händler Tee, Gebäck oder Revolutionssouvenirs anboten, viele Geschäfte geschlossen hatten und die Bewohner der umliegenden Häuser Angst verspürten, herrscht jetzt Ruhe. Der Platz ist nur noch Verkehrsverteiler.

Als ich 1988/89 acht Monate am Tahrir gewohnt habe, war der Platz mit seinen riesigen Leuchtreklamen auf den Dächern der Häuser am Nordostrand, manchen Cafés und vor allem der 1919 in einem ehemaligen Palastbau eingerichtete Amerikanischen Universität (AUC), die 2008/09 im Wesentlichen aber in die östliche Wüste nach New Cairo verlegt wurde, noch die Verheißung modern-westlichen Lebens in der hier beginnenden Neustadt Ismailiya. Heute ist er nur noch ein Raum für den Verkehr, ein Durchgangsraum, erzeugt Frustration bei den engagierten Revolutionären und wurde architektonisch durch die endlich eröffnete Freifläche über der Metrostation und dem neuen Parkhaus vor dem ehemaligen Nile Hilton (heute „The Nile Ritz-Carlton“) sowie die Installation einer völlig überdimensierten Flagge auf einem Betonpodest, die wie ein triumphierender Faustschlag ins Gesicht der Revolution wirkt, für die ja die Fahne ausdrücklich das Volk und nicht das Regime symbolisierte, furchtbar verunstaltet.

Der nicht umsonst „Freiheit“ genannte Hauptplatz der nach 1952 sich entwickelnden jungen nasser’schen Republik wird umgeben von sieben dominanten und teils emblematischen Gebäuden, hinter denen sich viel Symbolik verbirgt. Das 1897-1902 errichtete Ägyptische Museum ist noch ein Bau der Kolonialzeit. Die beiden in den 1950er-Jahren vollendeten Landmarken Nile Hilton und Mogamma repräsentieren dagegen gewissermaßen die Gegensätze  des zeitgleich mit der Unabhängigkeit einsetzenden kalten Krieges in der Blockkonfrontation, durch die sich das junge Ägypten unter Nasser und Sadat stolz einen eigenen Weg zu bahnen suchte. Ersteres war nach seiner Fertigstellung 1957 das erste Luxushotel, durch das in der postrevolutionären Ära ein von dunklen Kolonial- und Kriegsjahren befreites amerikanisches Lebensgefühl Einzug in Kairo hielt.

Dagegen ist die 1946 konzipierte und 1954 fertig gestellte Mogamma mit ihrer konkav zum Platz hin geformten, massiven, monotonen und strengen 18-stöckigen Vorderfront ein Verwaltungsbau, der für Selbstbestimmung und Macht des neuen Ägypten stehen sollte. Die Bürokratie sollte hier erleichtert werden, doch wurde die hier von täglich 30.000 Besuchern erlebte Willkür und Ineffizienz einer Mischung aus pharaonischer und britischer Bürokratie spätestens ab den 1970er-Jahren zunehmend als stalineskes Bürokratie-Ungetüm empfunden, das nun für Unfreiheit stand. Der den Platz dominierende und nach Süden begrenzende 50 m hohe Bau wurde sicher nicht zufällig an der Stelle des letzten Palastes der osmanischen Regierung in Kairo errichtet. Nachdem dieser funktionslos geworden war, errichteten die Briten auf dem heutigen Grundstück des Nile Hilton ihre „Barracks“: Kasernen, in denen bis 1947 die Soldaten der Protektoratsarmee lebten. Zwischen beiden steht heute die Omar Makram Moschee, die praktisch ausschließlich Trauerfeiern dient, weshalb auch das Minarett eher funktionslos ist. Die Kulisse hinter dem Minarett vervollständigt der in den 1980er-Jahren entstandene Luxushotelbau des Semiramis.

Für den „dritten Weg“ zwischen den um die Gunst des geostrategisch bedeutsamen Landes sich bemühenden beiden Supermächte, stehen der ehedem für den Prinzen Kamal al-Din errichtete weiße Palast des Außenministeriums, der gegenüberliegende Querbau der 1945 gegründeten Arabischen Liga und der aus der Entfernung den Platz überragende Cairo-Tower, der 1961 mittels eines heimlichen amerikanischen Geldgeschenks errichtet wurde. Symbolisch für die Sadat- und Mubarak-Ära stehen das im November endgültig abgetragene, während der Revolution am 28. Januar 2012 ausgebrannte NDP-Parteigebäude zwischen Nile Hilton und Ägyptischem Museum sowie eine seit meinem ersten Besuch 1988 bis heute unverändert abgewrackte Teestube im Durchgang des Hauses 1, Midan Tahrir. Das 30 m entfernte „Ali Baba Café“, in dem der bislang einzige arabische Literaturnobelpreisträger Naguib Mahfouz gerne Menschen beobachtete, ist im Zuge der Revolution ebenfalls geschlossen worden.

Abends lohnt es sich, über die Löwenbrücke in Richtung der Nilinsel Zamalek zu laufen und die bunte Atmosphäre von Booten und angestrahlten Hochhäusern der „Waterfront“ zu betrachten, oder in der Sh. Champollion einen Blick in die aktuelle Ausstellung moderner ägyptischer Kunst in der Mashrabia Gallerie zu werfen und vielleicht anschließend im nahen Goethe Institut in der Sh. Bostan vorbei zu schauen. Mit etwas Glück findet dort gerade eine Vernissage oder eine Vortragsveranstaltung in deutscher Sprache statt. Danach kann man in den coolen Musikclub „After Eight“ oder zur „Townhouse Gallery“ gehen und im „Takieba“ einen Tee trinken. Alternativ kann man die Sh. Talaat Harb in Richtung Midan Talaat Harb laufen, vielleicht im Felfela drei bis vier Fool- und Fellafel-Sandwichs essen, oder aber auf dem Weg in Richtung Midan Falaky in der Sh. Tahrir in der Pizzeria Fatatri Tahrir einkehren, um mit einer ägyptischen Blätterteig-Pizza etwas wirklich besonderes zu  probieren.

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Interessiert man sich für die Revolution 2011-13, sollte man dagegen am Südwestrand des Platzes rund um die AUC und das im Dezember 2011 abgebrannte und notdürftig sanierte, aus napoleonischen Zeiten stammenden „Institut d’Égypte“ an der von Süden und dem Regierungsviertel kommenden Sh. Qasr el-Aini schauen, ob sich noch Reste von Straßensperren aus Betonklötzen und Graffitis in der Sh. Mohammed Mahmoud finden. So beeindruckend diese auch sind: Die Zeiten kleinerer und größerer Demos wie anlässlich der Mahnwache für Mohammed al Guindy sind jedenfalls seit der Restauration des Militärregimes unter al-Sisi definitiv vorbei. Der Midan Tahrir steht heute für eine schlimmere Repression als je zu Mubaraks Zeiten erlebt. Gefühlt jedenfalls. Die Fallhöhe nach der Euphorie von 2011 war höher, als man es sich damals hätte träumen lassen können.

Zum Übernachten am Platz können die Luxushotels für normale Reisende nicht wirklich empfohlen werden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist, außer für sehr ängstliche Naturen, sehr schief. Neben dem Semiramis, dem Nile Hilton und dem Ramses Hilton am Nil gibt es erstaunlicherweise nur noch Hotels am anderen Ende der Skala und des Platzes, wie das Ismailiya House Hotel und das Hotel Suisse am Eingang zur Neustadt. Für den richtigen Mittelweg muss man anderswo suchen.

Verwendete Quellen: Bergmann, Kristina: Tausendundeine Revolution. Ägypten im Umbruch, Zürich 2012, S. 10, 20; Schmidt-Fink, Ekkehart: Im Schatten der Mogamma: Durch den Süden der Neustadt, Papyrus Magazin, 31. Jg., Heft 2, Nov./ Dez. 2010, S. 41-46

Midan Tahrir 2015_Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Anders leben, Kairo

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