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Midan Ataba_Kairo

Dezember 3, 2015

Midan Ataba_Kairo © Ekkehart Schmidt

In Bezug auf die gängigen Klischees von Verkehrschaos und undiszipliniert strömender Menschenmengen erfüllt der Midan Ataba für einen westlichen Besucher sicher alle Vorstellungen. Gerade hier, im Herz der Innenstadt, an der Schnittstelle zwischen Alt- und Neustadt, wo sich so viele Wege von Passanten und Autofahrern kreuzen, lohnt es aber sehr, sich Zeit zu nehmen und auf die Details zu achten. Zwar gibt es am Platz kein einziges Café, das zum ruhigen Betrachten der Szenerie einladen würde, dafür lohnt es sehr, einmal rund um den Platz mit seinen Nebenstraßen zu laufen und sich danach bei einem Tee auszuruhen, zum Beispiel im „Al Musher“ in der Sh. Muhammad Ali.

Der einfachste Zugang zum Platz, neben dem Weg durch die Metrostation Ataba und dem Bücherbasar, ist derjenige vom Midan Obera – jenem Platz nahebei, an dem einst die Oper stand. Per Taxi kommt man nur schwer aus der Neustadt hierher. Hält man sich links vom Parkhaus, das anstelle des Opernhauses errichtet wurde oder rechts der Ezbekiya-Gärten, kann man auf schmalen Bürgersteigen zwischen der Auffahrt einer Hochstraße zum Midan al-Hussein im Herz der Altstadt und einem die Altstadt vollständig durchquerenden Tunnel zum Ataba gelangen. Links stehen im Park einige Theater, ihnen gegenüber stehen rechts die Hauptfeuerwache und Hauptpost der Stadt. Diese Standorte verdeutlichen, dass am Atabaplatz als Scharnier zwischen Alt- und Neustadt zentrale Einrichtungen angesiedelt worden sind. Durch den Tunnel, der unter der Altstadt durch zur Sh. Salah Salem führt, sowie die Azhar-Hochstraße zum Midan Hussein und dem Khan el-Khalili, wurde der Ataba vom Autoverkehr in Ost-West-Richtung befreit. Auch die Straßenbahn fährt hier nicht mehr durch. Bis in die 1990er-Jahre war hier noch der Hauptkreuzungspunkt der Linien. Der Nord-Süd-Autoverkehr, den die vom Busbahnhof und dem Hauptbahnhof kommenden Fußgänger hier queren müssen, reicht jedoch dafür aus, dass der Platz so quirlig wie eh und je ist.

Der Weg durch den Bücherbasar führt einen an einem sehr belebten Busbahnhof vorbei, ehe man nach Überquerung der Sh. al-Ghury entsprechend der zentralen Lage des Platzes sehr eng gedrängt Läden und fliegende Händler verschiedener Branchen wahrnimmt: Bis in den letzten Winkel des dortigen Gebäudeblocks finden sich Händler von Goldschmuck, Uhren, Handies und anderen Elektroartikeln. Durch einen Stoff- und Textilienmarkt links des Gebäudes strömen die von der Metro und dem Busbahnhof kommenden Passanten in Richtung Altstadt, konkret: zum Eingang der Sh. Muski. Etwa 100 m nordwärts lohnt ein Blick in das 1930 entstandene Kaufhaus Sednaoui. Biegt man am Ende des kleinen Platzes links ab und gleich nach der Moschee wieder rechts in eine Gasse, findet sich der Suq el Waraq: Einige Gassen mit einer deutlichen Konzentration von Papierhandel und -druckereien, die sich auf Visitenkarten, Geschenkpapier sowie Glückwunschkarten spezialisiert haben. Fast alle Geschäfte sind in koptischem Besitz.

Überquert man nun die Sharia al-Gheish auf der Höhe der ehemaligen Patisserie Barki und läuft rechts weiter, erreicht man den eher unscheinbaren Ausgang der Sh. Muski, deren Bedeutung als Westtor zur Altstadt durch den hohen Passantenverkehr unübersehbar ist. Würde man dieser von Napoleon zur militärischen Kontrolle der arabischen Stadt als neue Ost-West-Achse in die Altstadt hinein gehauenen Straße folgen, würde sie als wichtigste Stoff- und Kleidungsverkaufsstraße der Stadt immer quirliger werden, bis man am Khan el-Khalili herauskommt. Ein hundertjähriges Relikt in einer links abzweigenden Gasse lohnt jedoch schon nach wenigen Metern eine genauere Betrachtung: Den Schriftzug „Tiring“ kennt sicherlich jeder, der schon öfters auf der Hochstraße zum zentralen Basar gefahren ist. Ein Herkules hält dort oben weit sichtbar eine Glaskuppel auf den Schultern und erinnert daran, dass in diesem ehemaligen Kaufhaus neben dem Sednaoui einst der Nexus, das zentrale Glied, im Netz des Kairener Einkaufsviertels zu finden war. Die Geschichte des 1912/13 durch Victor Tiring errichteten Baus kennt hier niemand mehr. In seiner Hochphase war dieser Konsumtempel fast den Galeries Lafayette des großen Vorbilds Paris ebenbürtig. Dieser Schrein kapitalistischen Unternehmertums war einer der wenigen Orte in Kairo, in dem man unter einem Dach englische Stoffe, Pariser Haute Couture und Parfüms sowie deutsche Haushaltswaren kaufen konnte. Tiring dominierte die Szene des gutbürgerlichen Kairo der Belle Epoque. Auf die Revolution folgten ungeklärte Eigentumsverhältnisse. Heute bietet das Gebäude einer Hundertschaft von illegalen Siedlern und Ausbeuterbetrieben eine Bleibe. Grotesk, dass der alte Namenszug unverändert etwas anderes vortäuscht.

Geht man weiter in Richtung der Hochstraße, gelangt man zum sich nun weit öffnenden Platz, der vollständig Midan al-Ataba al-Khadra heißt und von dem es vor 100 Jahren hieß, er sei das Tor zwischen Kairos glorioser Vergangenheit und der Zukunft. Nun ist die Zukunft hier auch schon wieder Vergangenheit. Es ist dies der richtige Ort, über die mit dem explosionshaften Wachstum der Metropole erfolgten räumlichen Verschiebungen der Zentren und der notwendigen Veränderungen der Verkehrsinfrastruktur zu staunen. Denn hier stand von 1877 bis 1934 das Oberste Gericht der Stadt, ehe es der Einmündung der Sharia al-Gheish und der Sharia al-Azhar, einem 75 Jahre später parallel zur Sharia Muski geschlagenen Straßendurchbruch durch die Altstadt, weichen musste. Damals hatte Kairo eine Millionen Einwohner. Der dreieckige Raum, der sich von hier einerseits zum Midan Ramsis am Hauptbahnhof, andererseits zum Midan Tahrir am Ägyptischen Museum erstreckt, bildet in etwa den Raum der an die Altstadt angegliederten Neustadt ab. Heute bedecken Alt- und Neustadt vielleicht noch 10 Prozent der Fläche der Gesamtstadt.

Der Atabaplatz hat für den Verkehr in Ost-West-Richtung die Funktion eines Scharniers zwischen Alt- und Neustadt. Hier kreuzen sich Ost-West- und Nord-Süd-Achsen, letztlich für den Durchgangsverkehr zwischen dem Nildelta und Oberägypten. Rund um diesen Platz lässt sich die Gemengelage zwischen traditionell arabischer und neuzeitlicher Stadt, von Menschen, die zu Fuß oder motorisiert in jeweils unterschiedliche Welten streben, am besten beobachten. Jenseits der Hochstraße über der Sh. Al Azhar befindet sich der eher unscheinbare Eingang zum zentralen Fleischmarkt. Wer sich den Gerüchen und optischen Impressionen dieses über 100-jährigen überdachten Marktgebäudes nicht aussetzen mag, kann statt geradeaus durch den Markt zu gehen, eine Gasse weiter links oder rechts zur Sh. Muhammad Ali durch laufen, um dann den schon angekündigten Tee zu trinken oder sich die dortigen Geschäfte mit Musikinstrumenten anschauen. Man kann aber auch die Rundung des Platzes weiter ablaufen und sich die Hauptpost und die Feuerwehr anschauen, die etwa 1906 von G. Garozzo and Sons erbaut wurde. Geht man zwischen beiden Gebäuden durch, erreicht man den „Suq Karaba„, den Markt für alle Arten von Elektroartikeln für den Haushalt und den Hausbau, der sich in einem sehr heruntergekommenen Restbaubestand der Altstadt zwischen Sh. Muhammad Ali und Sh. Gumhuriya ausdehnt.

Dieser Rundgang um den Ataba ist hier noch ausführlicher beschrieben

Midan Ataba_Kairo  © Ekkehart Schmidt

From → Kairo, Märkte

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