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Midan Obera_Kairo

Dezember 2, 2015

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Dieser Platz ist eine furchtbare Wunde, ein Verlust, Anlass für Resignation und eine Demütigung. Jedenfalls wenn man sich hier auf einen Gang durch Zeit und Raum macht und die heutige Situation mit der vor einem Jahrhundert vergleicht. Steht man am Ezbekiyah-Park im städtebaulichen Zentrum Kairos, genauer gesagt: am Eingang der Metrostation „Ataba“ und betrachtet die bei den aktuellen Baumaßnahmen verbliebenen Bäume, können einem auch die Tränen kommen. Sie gehören zum Park, an dessen Stelle sich bis 1867 eine Lagune befand. Jenseits standen Palastbauten der Machthaber, hinter denen sich die Altstadt erstreckte. Hier richtete Napoleon 1798 sein Hauptquartier ein. Diesseits erstreckte sich ein weites Schwemmland bis zum Ufer des weit entfernten Nils. Dann errichtete der Khedive Ismail auf dem Schwemmland eine europäisch geprägte Neustadt.

Schaut man südwärts hinüber zur anderen Straßenseite, fällt ein großer ockerfarbener Bau auf: das ehemalige Hotel Continental Savoy (zweites Foto). Es bedarf einiger Phantasie, sich vorzustellen, wie hier vor einem Jahrhundert Pferdekutschen reiche Touristen aus Europa vom Bahnhof her durch die heutige Sharia Gumhuriya zu ihrem Domizil brachten. Von der Veranda aus konnten Engländer und Franzosen auf das bunte orientalische Treiben zu ihren Füßen herabschauen, ehe sie sich auf das Abenteuer eines Gangs in die Altstadt jenseits des Parks machten. Und bevor es mit Thomas Cook auf die große Tour in den Süden ging, konnte man sich beim renommierten Waliser Importeur Davies Bryan mit Reisekleidung, Schuhen und Hüten ausstatten – zu festen Preisen wohlgemerkt.

Mit der Veröffentlichung der Tagebücher einer englischen Mrs. Riggs finden sich auf dem Blog von AndrewH wunderbare Einsichten in die erste, von Thomas Cook organisierte Pauschalreise nach Ägypten.

Um 1900 hatten bis auf das Mena House an den Pyramiden, das Gezira Palace Hotel (heute „Marriott Zamalek“) und das Semiramis am Nil alle großen Hotels (neben dem Continental auch das Nationale, das Angleterre, das Windsor und natürlich das 1952 abgebrannte Shepheards) ihren Standort hier am Park. Wohlgemerkt diesseits, denn jenseits begann „der Orient“, mit einem städtischen Leben, das bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von jeder Art westlichen Einflusses unberührt geblieben war. Edward Lane hat den Lebensstil dieser „modernen“ Ägypter beschrieben – der durch die folgende Modernisierung verschwunden ist bzw. heute Ausdruck von Rückständigkeit ist. In Kairos Belle Epoque bekam die jeunesse dorée aus den Familien der Paschas jedoch Zutritt zu den Tanzbällen im Continental.

Die neue Stadt entwickelte sich zunächst von den Palästen jenseits der Lagune in Richtung zum neuen Bahnhof (dem neuen Tor zum Hafen von Alexandria und Europa), wobei ein Großteil der sich dort bis hinüber nach Boulaq erstreckenden Altstadt zerstört wurde. Der entscheidende Impuls zum Bau einer planmäßig errichteten Neustadt nach Pariser Vorbild ging jedoch erst 1869/70 vom Khediven Ismail aus. Er veranlasste die Bebauung der gesamten Agrarfläche zwischen Altstadt und Nil durch eine moderne Stadt mit von Prachtgärten umgebenen Villen, Theatern und anderen Vergnügungslokalen im europäischen Stil. Man kann schon von einer regelrechten Obzession des Khediven sprechen, hier ein Paris-sur-Nil zu bauen.

Anders als in den meisten nordafrikanischen Städten waren es nicht die Kolonialherren, die „ihre“ Stadt neben die der Einheimischen setzen, in Kairo war es der Herrscher selbst. Er ließ nicht nur architektonisch und städtebaulich das Haussmann`sche Vorbild nachahmen, sondern hatte auch das Ziel, „seine“ Hauptstadt insgesamt grundlegend zu europäisieren. Nicht umsonst wurde dieser Stadtteil „Al Qahira al-Ismailiya“ oder kurz „Ismailiya“ genannt. Zur Eröffnung des Suezkanals wollte der Vizekönig den europäischen Herrschern imponieren. Mit seinen Projekten verschuldete er sich jedoch so sehr, dass sich die Briten 1882 als Kolonialherren etablieren konnten.

Zurück zum Ezbekiyah-Park: Die Metro ist zwar längst in Betrieb, die Großbaustelle im Park selbst scheint aber auf kaum absehbare Zeit weiter zu bestehen. Es wird noch Jahre dauern, ehe die Nordhälfte des Parks wieder die grüne Oase ist, die er noch vor zehn Jahren war. Da, wo heute die Treppen zur Metrostation hinunter führen, setzte sich bis vor zehn Jahren noch die Sharia 26. Juli durch den Park weiter zum Midan Ataba fort. Als zentrale Ost-West-Achse verband sie den Hafenvorort Boulaq mit der Sharia Muski und der Altstadt. Beidseits der Straße verdeckten hier hunderte Verkaufsbuden den Blick in den Park. Fast der gesamte Fußgängerverkehr von der Neustadt in die Altstadt strömte hier durch. Entsprechend vielfältig war das Angebot. Als Besonderheit gab es hier auf alte Zeitschriften spezialisierte Händler – dem einzigen Überbleibsel der Belle Epoque. Der Bücherbasar hat jenseits der Metrostation eine neue Bleibe gefunden, aber die Straße ist verschwunden.

Geht man unter den Ästen der Parkbäume hindurch zum Midan Opera, dem ehemaligen Opernplatz, wird man diese Bezeichnung zunächst nicht verstehen. Man sieht eine Statue von Ibrahim Pascha auf einer Verkehrsinsel. Ismails Vater wendet nicht zufällig der Altstadt den Rücken zu und zeigt mit der Hand in Richtung Neustadt. Die Geschäfte der hier mündenden Straßen waren buchstäblich das glitzernde und hell erleuchtete Schaufenster Europas für den Orient. Doch das ist lange her. Denn: Das hässliche Parkhaus im Rücken Ibrahims steht an der Stelle der 1869 eingeweihten, 1971 jedoch abgebrannten Oper (Postkarte oben). Links des Parkhauses führt eine Hochstraße zum Herz der Altstadt, ein Tunnel durchquert sie sogar in gewundenen Wegen bis zur Sh. Salah Salem. Zwischen Parkhaus und Hochstraße kann man zu Fuß den Midan Ataba erreichen. Mit dem Verlust dieses kulturellen Zentrums einher ging ein schleichender Bedeutungsverlust des Platzes. Neues Zentrum wurde der Midan Tahrir am Westrand der Neustadt.

Die Auswirkungen des Neustadtbaus auf die Altstadt waren enorm. Neben dem Bedeutungsverlust der Altstadt kam es in dieser und anderen Übergangszonen zu Nutzungskonflikten. Zwar haben altstädtische Strukturen und Lebensweisen längst Teile der Neustadt zurück erobert, wie man in den Baublöcken im Westen des Platzes sehen kann, wo alle Zwischenräume zwischen den Gebäuden der Sh. Adly und der Sh. Abdel Khaliq Sarwat durch kleine und Kleinstläden vor allem mit einem Angebot an Bekleidung, Uhren und Schmuck genutzt werden. Die Trennlinie der damaligen bipolaren Welt ist jedoch im Kern bis heute die Sh. Gumhuriya geblieben, die den Platz in Nord-Süd-Richtung kreuzt. Sie verbindet Hauptbahnhof und Abdin-Palast und bis 1952 die zum Machtzentrum führende Straße.

Südwestlich des Platzes wachsen am Midan Mustafa Kamil Hochhäuser des Bankenviertels in den Himmel. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Nach einigen Metern südwärts ragt rechts eine der zwei einzigen, von vornherein als Gotteshaus errichteten, Moscheen in die Szenerie. Das Straßenmuster der Neustadt ist offensichtlich nicht nach Mekka ausgerichtet.

Hier kann man nun auch ostwärts in eine kleine Gasse gehen und taucht plötzlich in eine Insel altstädtischer Bausubstanz ein. Verkauft werden hier im Suq Karaba allerdings alle Waren, die elementar mit Elektrizität und Lampen (wie der Name sagt) zu tun haben. Die enge und quirlige Gasse führt nicht zufällig von der Altstadt zur Neustadt. Es handelt sich hier nur um ein Beispiel der Transformation westlicher Altstadtviertel in Reaktion auf etwa um 1950 entstehende neue Konsumbedürfnisse. Damals bestanden hier nur vier Lampengeschäfte, hört man auf Nachfrage. Heute findet sich – als Cityerweiterung in die Altstadt hinein – die größte Konzentration der Branche in ganz Kairo. Ähnliches erfolgte in Taufiqqiya, im Maaroufviertel und in Boulaq, wo sich Installateure, Kfz-Mechaniker und Händler von Sanitärwaren und Motoren ansiedelten. In den prachtvollen Gebäuden der Neustadt waren die hohen Mieten für diese Branchen nicht bezahlbar. Läuft man weiter, erreicht man einen Straßendurchbruch (die Verlängerung der Sharia al-Gheish vom Atabaplatz) und trifft auf eine jahrhundertealte Moschee, die inmitten von hier wieder bestehenden Bauten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts daran erinnert, dass die ehemaligen Altstadtränder hier längst überprägt wurden.

Auch die Auswirkungen des Bedeutungsverlustes des heute nur noch „Midan Obera“ genannten Platzes für die Neustadt waren enorm. In einer Parallelstraße links der Sh. Gumhuriya finden sich trotz der beschriebenen „Basarisierung“ noch Überbleibsel aus der Zeit, als die Ladenmieten hier zu den höchsten der Stadt zählten: Die kleinen Straßen hier weisen die höchste Konzentration an Goldschmieden und Juwelieren in ganz Kairo auf. Auffällig sind die armenischen Namen vieler Inhaber und die Tatsache, dass die Straßen hier vor allem als Parkfläche genutzt werden. Ein Café oder Restaurant suchte man hier bis vor etwa zehn Jahren aber vergebens. Dazu musste man ein kurzes Stück westwärts in die Sh. Sarwat zum Haupteingang des 1909 entstandenen Lokals Groppi Gardens laufen, dessen baumbestandener Hof ein guter Ort für eine Pause ist. Die renommierte Confiserie war 1890 zunächst in Alexandria gegründet worden. Seit etwa einem Jahrzehnt hat in den alten Goldscmuckgassen jedoch die sudanesische Community mit Cafés und Restaurants ihren Platz im Stadtraum gefunden: Es lohnt sehr, sich dort in ein Lokal zu setzen.

Westwärts sieht man in der Sh. Adly die graue, 1899 erbaute sephardische Synagoge, einen Tempel im neo-pharaonischen Stil. Neben dem Gotteshaus, das auf hebräisch Hachamaim („Tore des Himmels“) heißt, stand einst der Turf Club, der wohl exklusivste Club der Kolonialzeit. Er war ein streng bewachtes Refugium. 1952 wurde er als ein Symbol britischer Herrschaft zerstört.

Betritt man gleich zu Beginn der Sh. Sarwat hinter dem Continental Savoy eine enge Gasse mit Stoffhändlern, befindet man sich  nach wenigen Schritten im Gelände des ehemaligen Hotelgartens, dessen Vorderfront das Foto ganz oben zeigt. Die Passagen dieses gesamten Baublocks unterscheiden sich nur in der Geschäftsausstattung und im moderneren Angebot von Basargassen im altstädtischen Suq. Jegliche Raumreserve wird in enormer Verdichtung von Geschäften ausgenutzt. Personen mit Entdeckergeist können am Ende des Weges geradeaus, kurz vor der Mündung auf die Sh. 26. Juli rechts einen Hintereingang des Hotels suchen und die herunter gekommenen Treppen hochsteigen. Sie werden überrascht feststellen, dass fast alle gut 150 Zimmer und Suiten des Hotels heute Schneiderwerkstätten beherbergen. Selbstverständlich ohne Nutzungserlaubnis. Offiziell firmierte das Hotel als Sitz der ägyptischen Hotellerieverwaltung. Anfang 2018 begann der Abriss: Hier soll ein Fünfsternehotel entstehen – ein Schritt zur Gentrifizierung des Viertels.

Um eine Vorstellung vom ursprünglichen Flair der Hotels zu bekommen, lohnt ein Blick in das ähnlich alte Hotel Windsor, das wie der alte Nachtclub „Kursaal“ jenseits der Sh. 26. Juli liegt und nach wie vor einen etwas morbiden, aber sauberen britischen Charme ausströmt. Das erheblich renommiertere Shepheards Hotel, noch ein Stück weiter nördlich, hat einer Tankstelle und einem Büroklotz Platz machen müssen. Heute findet sich kein einziges Hotel mehr am Platz. Zu empfehlen sind neben dem Windsor aber Dina’s Hostel und die Pension Roma nahebei in der Neustadt.

Mehr zum Viertel: Schmidt-Fink, Ekkehart: Wust il-balad: 100 Jahre Lifestyle-Taktgeber der Nation. Ein Stadtrundgang, Teil 1, Papyrus Magazin, Jg. 29, Heft 4, Juni 2010

Quelle der Postkarte

Midan Obera_Kairo  © Ekkehart Schmidt

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