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Midan Orabi_Kairo

Dezember 1, 2015

Midan Orabi_Kairo © Ekkehart Schmidt

Midan Orabi_Kairo © Ekkehart Schmidt

 

Die Menschenmenge, die sich abends an diesem Platz am Übergang zwischen den beiden Ende des 19. Jahrhunderts in Kairo entstandenen Neustadtgebieten Ismailiya und Taufikiya drängt, entsteht anders als an anderen sehr belebten Plätzen wie dem Midan Ramsis, dem Midan Ataba oder dem Midan Tahrir nicht durch Metro- oder Busbahnhöfe mit der Funktion als Verkehrsknotenpunkt, sondern weil es hier sofort ins pralle Leben mit seinen Vergnügungen geht. Jedenfalls am Ostrand des Platzes, von wo es an der Sh. Alfy in das traditionelle, fast könnte man sagen „einfache“ neustädtische Vergnügungszentrums Kairos geht: mit Bauchtanzlokalen, Kinos, Patisserien, Cafés und Bars, Shawerma-Restaurants sowie besseren Lokalen mit langer Geschichte, wie dem „Alfy Bey„.

Der Platz hieß bis 1958 nach dem Sohn des Khediven Ismail Midan Taufikiya, dann erhielt er den Namen seines stärksten Widersachers, General Orabi. Er hatte gegen die durch Taufik hingenommene Machtübernahme der Briten revoltiert. Am sehr harmonischen, runden Platz lohnt gegenüber der Einmündung der Sh. Alfy ein Blick in das kolonialzeitliche Labna-Käsegeschäft Gibna „Au Petit Suisse“. Die breite Sh. Alfy ist eine der wenigen Fußgängerzonen Kairos. Das ist kein Zufall: Hier hat sich eine eigene Welt entwickelt, die weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt ist. Die Vergnügungsetablissements bestehen zum Teil schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Noch immer ist dies das Haupt-Vergnügungsviertel der Neustadt. Betrachtet man die Kundschaft, wird aber auch deutlich, dass dies kein Ort der oberen Mittelschicht und Oberschicht mehr ist – vielleicht mit Ausnahme des schon genannten, 1938 gegründeten Restaurants Alfy Bey unter dem Nachtclub „Shahrazad“. Ursprünglich befand sich hier im Haus das Teatro Printania, das 1946 durch das Cinema Capitol ersetzt wurde und nun – auf der Rückseite – auch das „Cairo Palace“ beherbergt. Gegenüber, im „New Arizona“ kann man Bauchtanz erleben. Sehr plötzlich endet diese Welt nach wenig mehr als 100 Metern an einer Absperrung an der Kreuzung mit der für ihre Kinos berühmten Sh. Emad ed-Din. Geradeaus gelangt man in abrupt unvergnüglicher Atmosphäre zum Windsor Hotel und dem ehemaligen Restaurant „Kursaal„.

Geht man hier aber rechts bis zur Mündung der Sh. Saray al-Azbakiya und diese schmalere Straße parallel zur Sh. Alfi zurück zum Midan Orabi, so finden sich unter anderem mit der Abdelhalim Hafez Bar und dem „Café Soma“ Zeugen einer legendären Vergnügungsinfrastruktur, als hier noch die berühmtesten Sängerinnen und Sänger der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auftraten. Die Abzweige nördlich der Sh. Alfi führen nach einigen, sich auf die Straße ausbreitenden Tee- und Shishahäusern schnell in ein Viertel, das bis zum Midan Ramsis vom Verkauf von Maschinen, vor allem landwirtschaftlicher Produktionsmaschinen, geprägt ist. Hier gab es kürzlich einen – zumindest für mich interessanten – Hauseinsturz. Empfehlen würde ich jedoch eine Erkundung der Viertel weiter süd-östlich.

Zum Platz gelangen die meisten Menschen von Süden her über die Verlängerung der Sh. Talaat Harb und der Kreuzung mit der Sh. 26. Julio. Über die dortigen Fußwege entlang hunderter Schuhgeschäfte und Boutiquen zum Schaufensterbummel finden viele zum Midan Orabi. Andere zieht es von der nahen Metrostation „Nasser“ am Obersten Gerichtshof direkt zur Sh. Alfi. Auf ihrem Weg kommen sie linkerhand am Taufikiya-Straßenmarkt vorbei, dem einzigen verbliebenen Obst- und Gemüsemarkt der Innenstadt unter freiem Himmel, der von der Ausbreitung von Autozubehörgeschäften weiter westwärts bedroht wird.

Nahe der sehr lebendigen Kreuzung finden sich mit dem „Rivoli“-Kino und dem Wohn- und Geschäftshaus „La Genevoise“ zwei architektonisch interessante Bauten, sowie mit dem „Grand Hotel“ und dem „Carlton Hotel“ zwei sehr alte und empfehlenswerte Hotels, dazu die berühmte Patisserie „El Abd“ und die ersten Alkoholläden und Bars wie das „Löwenbräu“, die jedoch meist eher versteckt sind. In einer ruhigen Passage von der Sh. 26 Julio zum Taufikya Markt gegenüber des Grand Hotels, die wohl einst ein Schlupfloch für die Halbwelt war, findet sich heute mit Internetcafés und einem bunt bemalten Teehaus für Rucksacktouristen der umgebenden Billigpensionen, Shisharaucher, Backgammonspieler und andere Müßiggänger eine attraktive Ruhezone. eingeweihte nennen sie „Gase der Gelassenheit“, heißt es. Das Alkoholgeschäft „Nikolakis & Fils“ ist dagegen sehr auffällig und bunt gestrichen. Südlich der Sh. 26. Julio locken mit dem Kaffeehaus „À L’Americaine“ und dem Restaurant „L’Excelsior“ weniger überlaufene, eher gediegene Orte für eine Ruhepause.

Noch ein Stück südwärts finden sich nicht nur die deutschsprachige Buchhandlung Lehnert & Landrock sowie die Kinos „Miami“ und „Metro“ als interessante Orte, sondern vor allem der „Yakoubian Bau“, in dem und im gesamten oben beschriebenen Viertel jener gleichnamige Roman von Alaa al-Aswany spielt, der kurz vor der Revolution von 2011 all das Tabuisierte beschreibt, das ausbrechen mußte. Im Gebäude befindet sich das „Brothers Hostel„: ein guter Übernachtungstipp, will man sich hier näher hineinfühlen.

Mehr zum Viertel: Schmidt-Fink, Ekkehart: Rund um die Sharia Alfi: Kairos altes Vergnügungsviertel, Papyrus Magazin, 29. Jg., Heft 5, Mai/ Juni 2010, S. 47-51

Midan Orabi_Kairo  © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Kairo

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