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Midan Mustafa Kamil_Kairo

November 30, 2015

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Dieser zwar nahe des Stadtzentrums am Übergang zwischen Alt- und Neustadt gelegene, aber kaum von Passanten frequentierte runde Platz, bietet nur architektonisch und an der (ökonomischen) Kolonialgeschichte interessierten Besuchern etwas. Hier, vor allem aber im Süden und Osten finden sich fast nur Bauten großer Unternehmen ohne Ladenflächen, so zum Beispiel der Egyptian National Insurance Co. und einem halben Dutzend Banken. Südwärts zu laufen lohnt sich nur, ist man an der St. Joseph Kirche interessiert, dem größten religiösen Komplex der Innenstadt. Am Platz selbst dominieren neben Läden für Bürobedarf vor allem Boutiquen und Schuhgeschäfte für abendliche Schaufensterbummler, die vom Midan Talaat Harb über die Sh. Qasr en-Nil nordwärts in die Sh. Emad ed-Din (auch: Muhammed Farid) bummeln. Die Straße ist seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der halben arabischen Welt bekannt für ihre Kinos, von denen viele jedoch längst geschlossen sind. Das imposante, 1911 von Robert Williams hier errichtete Davies-Bryan Haus (auch Shurbagi Haus) aus Backstein, das man an der nächsten Straßenkreuzung nordwärts sieht, beherbergt unter anderem das sehr zu empfehlende Dina’s Hostel. Gleiches gilt für die Pension Roma, noch etwas weiter nördlich.

Tagsüber ist es hier im Viertel recht ruhig. Jedenfalls auf den Bürgersteigen. Das Viertel ist geschäftig, es gibt keinerlei Cafés, sieht man einmal von in schmalen Passagen zwischen den Häusern versteckten Teehäusern ab. Folgt man der Sh. Qasr en-Nil ostwärts in Richtung Altstadt, finden sich viele Uhrengeschäfte und Optiker, ehe sich linkerhand am Midan Obera alteingesessene, meist armenische Goldgeschäfte und Juweliere, aber auch Fischbratereien konzentrieren. Vor einem Jahrhundert war die Atmosphäre hier sicher noch deutlich gediegener, als sich in der Sh. Qasr en-Nil noch das Headquarter der Briten befand und der damals noch nach einem der wichtigsten jüdischen Immobilienhändler- und Bankerfamilien der Neustadt benanntem Rondpoint Suares das Zentrum ausländischer Banken war, so der Imperial Ottoman Bank und der Anglo-Egyptian Bank. Etwas weiter nördlich hatte die Deutsche Orientbank eine imposante Filiale, etwas weiter südlich lagen die Banca di Roma und die Bank of Athens. Diese Banken wurden nach der Revolution 1952 alle verstaatlicht und bekamen neue arabische Namen, so zum Beispiel die Bank Misr bzw. National Bank of Egypt. Noch vor Entstehen des Bankenviertesl befand sich ab etwa 1869 unmittelbar nordwestlich des Platzes eine Pferderennbahn, die zu der Vergnügungsinfrastruktur des nahen Opernplatzes und der Ezbekiya-Gärten gehörte, aber wohl schon zur Jahrhundertwende nicht mehr existierte.

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Das 1910/11 in Paris in Auftrag gegebene, heute namensgebende Bronze-Standbild von Mustafa Kamil (1874-1908), zeigt den jungen Anwalt und Nationalhelden in einer Rednerposition. Auf dem Platz wurde es jedoch erst 1940 auf Befehl von König Faruk auf den Sockel gehoben. Vorher wäre das wohl gegenüber den Briten zu provokant gewesen. Mit seinem Finger zeigt er auf Ägypten, das Land, während seine Augen in die Zukunft blicken und seine linke Hand auf dem Kopf der Sphinx ruht, welche die Wiedergeburt des ägyptischen Nationalismus symbolisiert. Am Fuße des Sockels findet sich eine junge Ägypterin vom Land, die – mit der Hand am Ohr – das Land repräsentiert, wie es den Rufen der Jugend nach Freiheit zuhört. Sie hat freilich noch einen Schleier auf dem Kopf: Mustafa Kamil war gegen eine Aufhebung des (gesellschaftlichen) Schleierzwangs.

Verwendete Quellen: Arnaud, Jean-Luc: Le Caire, mise en place d’une ville moderne, 1867-1907, Paris 1998, S. 17, 143; Lababidi, Lesley: Cairo’s Street Stories, AUC Press, Kairo 2008, S. 75f; Myntti, Cynthia: Paris along the Nile. Architecture in Cairo from the Belle Epoque, AUC Press, Cairo, New York 1999, S. 26

Midan Mustafa Kamil © Ekkehart Schmidt

From → Kairo

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  1. Midan Obera_Kairo | akihart

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