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Midan Talaat Harb_Kairo

November 29, 2015

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Midan Talaat Harb in Kairo 2013 (c) Ekkehart Schmidt

Hier kreuzen sich die Hauptverkehrsachsen der Neustadt Ismailiya, hier schlägt das Herz des ab 1870 entstandenen „Paris am Nil“ mit seinen architektonisch wertvollen Wohn- und Bürohäusern. Der etwa 1874 entstandene, wohl am gepflegtesten wirkende Platz der Metropole, trennt die in Nord-Süd-Richtung verlaufende Sh. Talaat Harb in zwei Teile: Nordwärts dominieren – neben Dienstleistungsbetrieben in den oberen Etagen – auf Straßenniveau vor allem die Branchen Bekleidung und Schuhe mit je gut 50 Geschäften. Hier, in Richtung einiger Kinos wie dem „Miami“, dem „Metro“  oder dem „Radio„, beginnt der wohl beliebteste Straßenabschnitt zum abendlichen Schaufensterbummel in Kairo.

Der erste Häuserblock rechterhand in Richtung Norden beherbergt die Baehler-Passage, die Ende des 19. Jahrhunderts entstandene einzige als solche errichtete Einkaufspassage des Zentrums. Im Südabschnitt der Straße dominieren dagegen Reisebüros und Büros von Fluggesellschaften. Gleiches gilt für die vom westlich am Midan Tahrir gelegenen Luxushotels sowie dem Ägyptischen Museum kommenden Straßen Sh. Mohammed Bassiyuny und Sh. Qasr el-Nil, die hier etwas heruntergekommen wirken, für Touristen mit Interesse an der Stadt aber die Hauptwege in die Neustadt bilden. Die dortigen Reisebüros, Souvenirläden und Billighotels wie das „Hotel Suisse“ wirken sehr verstaubt. Bei den Souvenirläden wie dem Memphis Bazaar ist das wohl ein Marketingtrick.

Ebenfalls im Osten des Platzes finden sich mit dem „Atelier du Caire“ und der „Townhouse Gallery“ zwei wichtige künstlerische Ausstellungsorte, letztere in einem ehemaligen Dorf namens „Maarouf“, das seit Jahrzehnten von Autoreparaturläden und Garagen dominiert wird. Für viele von Interesse sind dort im Quartier auch zwei sehr alte Alkoholläden und natürlich Abou Tarek, das berühmteste Kosheri-Hochhaus der Stadt.

Die Wege der (wenigen) Touristen kreuzen sich am Platz mit denen der tiefer in der Innenstadt beschäftigten und dort einkaufenden Passanten, von denen viele westwärts die Sh. Qasr el-Nil in Richtung der Banken und Versicherungen sowie dem Midan Obera an den Ezbekiya-Gärten laufen. So ist der wie ein Nadelöhr wirkende Midan Talaat Harb mit seinen sechs Straßenabzweigen zu allen Tageszeiten belebt durch ein hohes Fußgänger- und Taxiaufkommen in allen Richtungen. Preiswerte Hotels wie das „Cairo Inn“ in den oberen Stockwerken, mehrere Versicherungen sowie Geschäfte am sternförmigen, sehr europäisch wirkenden Platz, ziehen dagegen vergleichsweise wenig Passanten an, obwohl viele sehr bekannt sind. Das war noch anders, als hier von 1899 bis 1930 das renommierte „Hotel Savoy“ stand. Es lohnt sehr, einmal inne zu halten und sich die vier kuchenförmig auf dreieckigen Grundrissen in den Platz ragenden Gebäude anzuschauen, die zwei halbrunde Bauten flankieren.

A propos Kuchen: Das wohl heute noch berühmteste Haus am Platz ist das 1884 entstandene und hier seit 1924 ansässige „Groppi„, eine der ältesten Konditoreien der Stadt. Ähnlich altehrwürdig ist das „Café Riche“, etwas südlich des Platzes, das längst vor allem ein von Touristen besuchtes, aber dennoch preiswertes ordentliches Restaurant ist. Die Häuser stammen aus einer Zeit, als die von gut 30.000 Europäern und Levantinern bewohnte Kairoer Neustadt noch wirklich kosmopolitisch war.

Ebenfalls eine Institution ist das in den 1950er-Jahren entstandene Fellafel-Lokal „Felfela“ noch etwas weiter südlich, nicht weit von den in Bezug auf Revólutionen wichtigen Lokalen „Café Riche“ und „Zahrat al-Bustan„. Eher versteckt finden sich am Platz über dem Groppi der Griechische Club und in einer Seitengasse das Restaurant „Estoril“ sowie an der Townhouse Gallery das Shisha- und Teehaus „Takieba„. Sie, wie auch die beiden bekannten Buchhändler  „Madbuli“ und „Shorouk“, die sich vor der Revolution auch als Verlag mit der Publikation gesellschafts- und regierungskritischer Literatur (Belletristik und Sachbücher) einen Namen gemacht haben, ziehen eine kritisch-intellektuelle Kundschaft an. Ihr Angebot an fremdsprachiger Literatur ist aber eher gering und beschränkt sich auf Fachbücher und Reiseführer.

Älteren Taxifahrern kann man noch Midan Soleiman Pascha zurufen und sie werden einen ohne Nachfrage hierher fahren: So hieß der Platz zu Ehren des Franzosen Octave de Sèves (1788-1860), der mit seinem Übertritt zum Islam den Namen Soleiman annahm und es bis zum obersten Befehlshaber der Armee brachte. Etwa seit 1964, als hier die Statue des Gründers des ägyptischen Bankenwesens, Muhammad Talaat Harb (1867-1941) aufgestellt wurde, heißt der Platz nicht mehr nach einem Militär, sondern einem Wirtschaftsboss. Talaat Harb, der seit 1911 auch im Vorstand der damaligen Deutsch-Ägyptischen Hypothekenbank saß, gründete später die ägyptische Nationalbank Bank Misr, deren historische Zentrale man von hier aus in wenigen Minuten an der Sh. Qasr el-Nil erreicht. Kurz vorher findet der aus dem Backpackeralter herausgewachsene, etwas anspruchsvollere Tourist rechterhand das Hotel „Cosmopolitan„, das mit dem“Windsor“ zu den empfehlenswertesten Hotels der Innenstadt zählt. Die 2013 noch sichtbaren revolutionären Graffitis auf seinem Sockel sind bis Oktober 2015 wieder entfernt worden.

Midan Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

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