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Midan Falaky_Kairo

November 25, 2015

Dieser eher unscheinbar wirkende Platz führt Besucher, die sich in Kairo mitten ins Getümmel stürzen mögen, recht sanft und doch spannend ins Zentrum aktuellen Zeitgeschehens. Hier endete bis Ende der 1990er-Jahre – wo heute ein Parkplatz mit einer einsamen Palme die Platzmitte teilt – eine von ehedem acht Straßenbahnlinien aus den nordöstlichen Vororten. Von hier aus konnte man dann nach kurzem Fußweg hinter dem urig-heruntergekommenen Bab el-Louk Markt (Foto oben) in die südwärts bis Heluan fahrenden Vorortzüge umsteigen. Einen Bahnhof gab es nicht: Die Züge fuhren hier anfangs auf der Straße, erst weiter im Süden auf einer eigenen Trasse. Heute staut sich hier der Verkehr auf zwei Straßen in west-östlicher Richtung, die vom Abdin-Palast bzw. den Ezbekiya-Gärten zum Midan Tahrir führen, sich wegen des Parkplatzes aber nicht kreuzen, sondern nur tangieren. Die nördliche der beiden Straßen hat die funktion einer die Neustadt ringförmig umschließenden Straße. Der seit 1935 nach zwei Astronomen und Kartographen des 19. Jahrhunderts benannte Midan Falaky hat eine Scharnierfunktion zwischen der ab 1871 entstandenen Neustadt im Norden, dem seit der Revolution 1952 im Wesentlichen ungenutzten Abdin Palast im Osten, dem Midan Tahrir im Westen und dem Schul- und Regierungsviertel „al Parlaman“ im Süden. Zur Entstehungszeit des Platzes ragte ein altstädtischer Stadtteil von Osten her in das damalige Freigelände hinein, der fast vollständig mit neustädtischer Bausubstanz überprägt wurde. Reste davon finden sich jedoch noch nordöstlich des Platzes im Inneren manchen Baublocks. Wie ein Dinosaurier aus anderen Zeiten wirkt auch das wie eine Moschee wirkende Ministerium für religiöse Stiftungen, das man vom Ostrand des Platzes im Norden sieht.

An der nördlichen Längsseite des Platzes liegt mit dem „El Horreia“ bzw. „al-Hurriya„, einer Teestube mit abgetrennter Stella-Bar, die neben (oder räumlich ausgedrückt: gegenüber) der 1912 eröffneten Markthalle das wohl seit Jahrzehnten bekannteste Haus am Platz ist (Foto oben). Deutlich unauffälliger liegt in einer Seitenstraße das Café Al Nadwa Al Thaqaffiya, in dem der Autor Alaa al-Aswany vor der Revolution politische Debattierstunden abhielt. In entspannter Atmosphäre kann man hier eine Shisha rauchen und über die Ästhetik des Coca-Cola-Ladens gegenüber nachdenken. Nebenan, wie auch am Ostrand des Platzes, riecht es stark nach Kaffee: Dort finden sich mehrere Röstereien, aber auch Gewürzläden und ein bekanntes Fischrestaurant. Ansonsten gibt es hier für Touristen nur uninteressante Läden: Nördlich des Platzes finden sich Handwerker sowie Autoverkaufs- und -reparaturläden, in Richung Tahrir dominieren Elektro- und Computerzubehörläden, im Südosten beginnt ein Viertel mit Optikern und Sportgeschäften sowie Läden für Rollstühle und anderen Reha-Bedarf.

Gut 300 m östlich des auch „Bab el-Louk“ genannten Platzes trifft man auf den Palast-Vorplatz, auf dem während der jüngsten Revolution das Kulturfestival El-Fan Midan stattfand. Während dieser Jahre 2011-13 stank es eine Parallelstraße südlich des Platzes oft nach Rauch oder Tränengas: Durch die Nähe des Innenministeriums und insbesondere der Zentrale der Geheimpolizei an der Sh. Noubar wurde die zum Midan Tahrir führende Sh. Mohammed Mahmoud mit ihren Straßensperren aus Betonklötzen zunächst  zu einem wichtigen Schauplatz von Protesten und Kämpfen, später zum prominentesten Raum für Protest- und Märtyer-Graffiti. Platz dafür fand sich an den langen fensterlosen Fassaden mehrerer alter europäischer Schulen, darunter die Deutsche Schule der Borromäerinnen und das französische Lycee, sowie dem modernen Library-Gebäude der  American University of Cairo. Eine ehemaige griechische Schule wurde zum Technologiezentrum „GrEEK CAMPUS“ umgebaut. Jenseits der Barrikaden kann am Grabmal von Saad Zaghloul der kultige Vintage-Konzertraum des „Makan“ empfohlen werden, um Sufimusik zu hören.

Kinos oder Theater gibt es hier im Viertel keine. Nahe der früheren Endstation der Vorortbahn, die unterirdisch ab der Station Saad Zaghloul durch die Metro ersetzt wurde, findet sich lediglich das zerbröselnde Betongebäude eines mindestens seit 1934 bestehenden, heute aber aufgegebenen Kinos namens “Rio”, einem von vielen „toten“ Kinos der Stadt. Neben den drei Billigpensionen Sara Inn, Cecilia Hostel und Osiris Hostel im weiteren Umfeld des Platzes kann Reisenden mit schmalem Budget das Amin Hotel an der Ecke zur Sh. Tahrir empfohlen werden. Läuft man die Straße weiter, bietet sich die Pizzeria Fatatri El-Tahrir an, möchte man sehr gute Blätterteigpizzen probieren. Ansonsten kann neben dem genannten Fischrestaurant noch das Kosheri-Lokal „Lux“ empfohlen werden.

Verwendete Quellen: Arnaud, Jean-Luc: Le Caire, mise en place d’une ville moderne, 1867-1907, Paris 1998, S. 117, 122; Morgan, Ihab: Kairo. Die Entwicklung des modernen Stadtzentrums im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Bern 1999, S. 114, 197ff, 320

Midan Falaky_Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Kairo

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