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Zum Schiffchen_St.Goarshausen

November 18, 2015

Letzten Freitag waren wir in St.Goarshausen kurz vor Saisonende auf der Suche nach einem Speiselokal, das nicht in überbordend verkitschter Rheinromantik um russische, amerikanische oder japanische Gäste buhlt. Fündig wurden wir etwa südlich der Fähranlagestelle mit einem äußerlich schlicht und authentisch wirkenden Lokal, das einen Doppelnamen trägt: einerseits „Weinstube Koch“, andererseits „Zum Schiffchen“. Man betritt das 1802 entstandene Haus, dessen ursprünglicher Treppenaufgang bei einer Sanierung entfernt wurde, durch einen heimeligen Hausflur.

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Im rustikal und gemütlich eingerichteten Inneren erzählt uns die Inhaberin Isabell Colonius später, was es mit den Namen auf sich hat. Natürlich war uns bewusst, dass die Geschichte des Rheintals über ihre Burgen und den Weinanbau hinaus vor allem mit der Rheinschifffahrt verbunden war und ist. So lange es noch Dampfschifffahrt gab, also vor 1824, war der Mensch auf Ruder und Segel angewiesen, um mit dem Strom zu fahren. Die Fahrt gegen den Strom aber, also “zu Berg”, wie man sagt, war nur mittels “Halftern” möglich. Die Boote mußten von Menschen, Pferden oder Eseln auf Leinpfaden gezogen werden.

Eine „allerseits gern gesehene St. Goarshäuser Sonderheit“ war im 19. Jahrhundert das unter dem Namen “Koche Jacht” bekannte Weinschiff des Schiffers Jakob Koch, der zudem Wirt der schon damals bestehenden Weinstube “Zum Schiffchen” war. Er fuhr ab 1847 jedes Jahr zweimal mit seiner alkoholischen Ladung zur Messe nach Frankfurt, „allwo sich an Bord seines Schiffes unter Gesang und Musik ein humpenfröhliches Treiben entwickelte, von dem die Teilnehmer des Rühmens voll waren“, wie es in einer Publikation der Stadt heißt. Wie genau es aussah, ist nicht mehr bekannt, erzählt Frau Colonius. Sicherlich aber nicht wie das an eine spanische Galeone erinnernde Schiff auf der Laterne.

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Die beiden Räume sind wirklich gemütlich, also mit viel Holz in warmen Farben ausgestattet. Und: man erlebt mehr oder weniger den Originalzustand. Die Wandvertäfelungen wirken zwar wie Repliken aus den 1980er-Jahren, sind aber um Jahrzehnte älter, nur abgeschliffen worden. Der Nikotinbelag sei einfach zu derbe gewesen, so Frau Colonius. Nur der Ofen ist neu, was ich weiß, weil wir uns dieses Jahr den gleichen gekauft haben: Ein Modell aus der Slowakei. Aber stilecht. Der Kachelofen in der Ecke wird dagegen nicht mehr benutzt.

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

In der Gaststube fallen die vielen Porträts von Weinköniginnen auf, nicht nur auf dem Klavier, unter denen sich auch mehrere Bilder einer Gisela Koch von 1951/ 52 befindet, der Mutter von Isabell Colonius, die 1956 zudem zur ersten deutschen Weinkönigin nach dem 2. Weltkrieg erkoren wurde. Einige Jahre später bewirtschaftete dann ihr Mann Karl-Heinz Colonius die Weinberge der Familie Koch, nachdem man schon viele Generationen mit Wein zu tun  hatte. In den 1970er-Jahren wurde die damalige Wirtschaft aufgegeben und stand über 20 Jahre leer. Frau Colonius und ihr Mann machten eine Gastronomieausbildung und beschlossen anschließend, das Lokal wieder zu eröffnen. 2006 oder 2008, wenn ich das richtig verstanden habe. Colonius ist ein sehr bekannter Name hier, schließlich steht am Rheinufer etwa 400 m weiter flussabwärts eine imposant riesige Hotelanlage gleichen Namens, die heute vom Bruder von Isabell geführt wird.

Eine nette Kellnerin bringt uns zum zweiten Glas 2013er Spätburgunder vom Kauber Weingut „Am Löwenkopf“ für 3,20 EUR, dazu einen Aktenordner voller Originalfotos seit dem 19. Jahrhundert, in dem die Geschichte dieses H0tels, aber auch der Rheinschiffahrt beschrieben wird. Drei Dutzend dieser Fotos hängen hier als Vergrößerungen und akurat beschriftet an den Wänden. Ich bin sicher nicht der erste, der hier einige Entdeckungen macht und nachfragt.

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Wir haben hier zwei Mal gegessen: gutes deutsches Essen, also stark schnitzellastig mit Preisen um die 14 EUR, aber durchaus mit Überraschungen wie einem überbackenen Schafskäse mit Salat für 8,10 EUR. Das Fleisch stammt jedoch von einem hiesigen Metzger bzw. aus der Region, weshalb ich ausnahmsweise nicht widerstehen konnte. Alle Speisen werden selbst produziert, betont die Inhaberin: Ihr Mann kocht und nichts kommt aus der Dose in die Pfanne. Die Preise sind dennoch moderat. Es schmeckt vor allem deshalb besonders gut, weil man das Gefühl hat, hier – trotz mancher Touristen – ein Refugium der St.Goarshäuser entdeckt zu haben, inklusive eines Thekenstehers, der hier mangels einer Kneipe vor Ort sein Bier trinkt. Geöffnet hat das „Schiffchen“ außerhalb der Saison freilich nur von Donnerstag bis Sonntag.

Vor dem Haus befindet sich ein Bier- bzw. Weingarten mit gutem Blick einerseits auf die Loreley, andererseits auf St. Goar und die Burg Rheinfels. Dreht man sich hier um und schaut über das Haus, entdeckt man oben thronend die Burg „Katz“. Aber zurück zum namensgebenden „Schiffchen“, das auf der Eingangstür unterhalb der Burg eingraviert wurde: Frau Colonius zeigt es mir im Wissen, dass das Original der „Koche Jacht“ völlig anders ausgesehen haben muss. Vielleicht so ähnlich wie das Treidel-Weinschiff auf einem der Bilder in der Gaststube?

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

Adresse: Dolkstr. 23, 56346 Sankt Goarshausen, Tel: 06771-59 94 26
Verwendete Quellen: Stadt St. Goarshausen: Rhein. Schifffahrt und Schifferleben, TV Mittelrhein: Entdecke Rhein und Lahn. Haus der besten Schoppen 283: Zum Schiffchen, 10.02.2014
Zum Schiffchen_St.Goarshausen © Ekkehart Schmidt

From → SaarLorLux

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