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Niedrigwasser bei Kaub

November 16, 2015

Gut, dass es endlich wieder regnet – jedenfalls aus Sicht der Rheinschiffer, deren Arbeit wegen der anhaltenden Trockenheit aufgrund des sinkenden Wasserstands des Rheins seit Wochen stark beeinträchtigt wird. Die Schiffe auf dem Weg von Basel oder Mannheim nach Duisburg oder Rotterdam können teilweise nur halb soviel Ladung wie üblich aufnehmen, sagte uns ein Fährmann bei unserem Besuch in Kaub am vergangenen Wochenende. Schuld daran ist vor allem der niedrige Wasserstand am hiesigen Pegel, der am Samstag zwischen 51 und  56 cm schwankte – der Mittelwert liegt bei etwa 2,24 Meter. Der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert lag bei 35 cm im Hitzejahr 2003. Der Höchstwert, über den man sonst spricht, lag bei 8,35 m und bedeutete Hochwasser bis in die ersten Stockwerke der anliegenden Häuser.

Hier in Kaub ist für Schiffe das Nadelöhr: Nirgendswo sonst ist der Rhein so flach. Er erklärte uns, dass er bei einem Pegel von 40 cm seine Überfahrten zur berühmten Burg Pfalzgrafenstein einstellen müsste. Auf Nachfrage erklärt er, dass das 40 cm über dem Mindestwert von 1,20 m bedeutet. Aber dennoch: Zur zeit könnte man hier – wäre die Strömung nicht so stark – fast zu Fuss durch den Rhein waten.

Von der nahe gelegenen Loreley aus sieht der Rhein noch wie der mächtige Strom aus, als den man ihn kennt. Etwas weiter stromaufwärts ragen freilich die „Sieben Jungfern“ genannten Felsen aus dem Wasser, die sonst nicht zu sehen sind. Bojen weisen den Schiffen den sicheren Weg.

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Nähert man sich von der Loreley aus weiter der Ortschaft Kaub, wird der Fluss immer schmaler: Eine große Sandbank – besser gesagt Kieselbank – ist hier entstanden:

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

In Kaub, wo der Pegel am Samstag 55 cm anzeigte, besteigen wir die Fähre zur Insel Falkenau mit der ab 1327 entstandenen Burg Pfalzgrafenstein, deren südwärts gerichtete Bastion normalerweise wie ein Schiffsbug im Wasser liegt. Die Keilform und die massiven Mauern der 1607 entstandenen Spitze diente der Abwehr von Geschossen, schützten die Burg aber vor allem vor Eisgang. In der Neujahrsnacht 1814 setzten hier unter Führung des Marschalls Blücher preußische und russische Truppenverbände, die den französischen Kaiser Napoleon I. verfolgten, auf das linke Rheinufer über.

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Bei der Fähre handelt es sich übrigens um ein umgebautes DDR-Grenzpatrouillenboot vom einstigen Volkseigenen Betrieb (VEB) Yachtwerft Berlin.

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Wir laufen gut 200 Meter südwärts durch Kieselsteinstrände und Muschelbänke. Grün schimmernde Muscheln zeigen an, dass sie noch mit Wasser gefüllt sind. Es ist faszinierend, dort zu laufen, wo sonst reißendes Wasser strömt. Die Burg interessiert uns erstmal nicht, was der Burgwärter, sich beleidigt gebend, anspricht. Also lassen wir uns überreden und steigen hoch in den Turm dieser „Perle“ des Weltkulturerbes Mittelrheintal, die ursprünglich als Zollfestung entstanden war.

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

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Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

Nachtrag vom 20. Oktober 2018: In den vergangenen Tagen wurden bei Kaub neue Niedrigwasser-Rekordwerte erreicht. Der Pegel lag teilweise nur noch bei 31 cm. Der Jahrhundertrekord im Hitzejahr 2003 hatte dort bei 35 Zentimetern gelegen, wie die Welt berichtet. Mit Folgen für die Schiffahrt und die Industrie: So kann BASF nicht mehr richtig per Schiff mit Rohstoffen beliefert werden und auch kaum noch Produkte ab Ludwigshafen nordwärts verschicken.

Nachtrag vom 21. Januar 2019: Ende letzten Jahres kam der Schiffsverkehr dann tatsächlich fast einen Monat lang zum Stillstand. Eine der wichtigsten Transportrouten Deutschlands entfiel damit. Firmen wie BASF oder Thyssenkrupp hatten so deutlich darunter zu leiden, dass es sogar auswirkungen auf das nationale Wirstchaftswachstum gab. Damit wurde wohl auch den letzten Ignoranten klar, dass selbst hochentwickelte Industrieländer mit den Auswirkungen der globalen Erwärmung zu kämpfen haben. Der Gletscherexperte Wilfried Hagg (Universität München) verwies darauf, dass der Rhein nicht nur von Regen, sondern auch von Gletschern gespeist werde, doch sind diese mittlerweile stark geschrumpft.

Nachtrag vom 29. Juni 2019: Die schwankende Tiefe des Flusses hat auch die 2014 begonnene und im Sommer 2019 abgeschlossene Sanierung der Burg beeinträchtigt: „MAl war der Rhein zu niedrig, dann wieder zu hoch. Immer wieder hat es Zwangspausen gegeben“, sagt die zuständige Direktorin der rheinland-pfälzischen Landeseinrichtung „Burgen, Schlösser, Altertümer“. Da seien immer wieder auch Firmen abgesprungen.

Verwendete Quellen: Albes, Jens: Das steinerne Schiff im Rhein, Journal, 29.06.2019); Focus.de: Niedrigwasser im Rhein wird für Schiffe zum Problem, 05.11.2015; Wikipedia-Artikel Pegel Kaub; Wilkes, William/ Dezem, Vanessa/ Parkin, Brian: Als der Rhein austrocknete, Tageblatt, 21.01.2019; wsv.de: Elektronischer Wasserstraßen-Informationsservice (ELWIS)

Niedrigwasser bei Kaub © Ekkehart Schmidt

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