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Die Cilantro-Cafés: Weibliche Refugien in Kairo

November 5, 2015

Cafés und vor allem Teehäuser sind in Kairo wie im gesamten Nahen Osten eine absolute Männerdomäne. Das beginnt sich deutlich zu ändern, seitdem  in den westlicher geprägten Vierteln mindestens 100 Filialen moderner Caféketten aus dem Boden geschossen sind. Ganz anders als in den „klassischen“ Teehäusern und dem guten Dutzend meist seit etwa 1890-1920 existierenden Cafés der Kairoer Gründerzeit, vielleicht mit Ausnahme des Simonds, finden sich hier viele Frauen. Alleine oder mit Freund oder Freundin. Am  erfolgreichsten von diesen „Coffeeshops“ ist das „Cilantro“. Hier kann man sogar von einer Frauendominanz sprechen. Die Kette im italienischen Stil spricht mit ihrem spielerisch-jugendlichen Design vor allem diejenigen jungen Menschen an, deren Sehnsucht nach einem liberalerem Leben durch wohlhabende Eltern halbwegs gelebt werden kann. Aber auch Frauen in den 40ern, die beruflich erfolgreich sind und das Cilantro auch als Büro-Extension nutzen. Die Atmosphäre ist nicht nur im westlichen Empfinden angenehm vertraut im Vergleich zu dem (anderen) Charme der typischen Tee- und Kaffeehäuser der Stadt. Ein Besuch lohnt unbedingt, will man die Gelegenheit nutzen, sich ein Bild vom Lebensgefühl der jungen Erwachsenen der Mittel- und Oberschicht zu machen. Nicht umsonst heißt der Slogan der mit viel Marketingaufwand gestalteten Cafés „Appetite for life“:

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Hier Eindrücke vom Cilantro im westlich geprägten, sehr wohlhabenden südlichen Vorort Maadi, das morgens wie abends gut besucht ist:

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

In der Innenausstattung herrschen rote, braune und orangefarbene Töne vor. Die Räume mit ihren Sesseln und Sofas sind sehr sauber, bewusst etwas verwinkelt, es gibt für manche Gäste sogar „Kuschelecken“ mit Sichtschutz. Andere genießen die Ruhe und den guten Espresso oder Cappuccino, um sich am Laptop bzw. heute längst am Smartphone Facebook und anderen sozialen Medien zu widmen, zu arbeiten, oder Zeitschriften zu lesen, die zur Lektüre ausliegen. Einige Regale bieten auch gebrauchte Bücher zur Ausleihe.

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Cilantro-Cafés boten schon vor der (ebenfalls stark weiblich) beeinflussten Revolution vor allem einen – vor konservativer Sozialkontrolle – sicheren Treffpunkt für studierte junge Frauen und Männer, einen halböffentlichen Raum, in dem man ein Stück Freiheit leben kann. Die pistazienfarben gekleideten Kellner bringen neben Kaffee und Fruchtdrinks auch Muffins, Brownies, Kuchen oder Sandwichs – allerdings zu nicht eben billigen, fast prohibitiven Preisen, die vielleicht auch gewährleisten (sollen), dass man unter sich bleibt.

Hier die Filiale in Doqqi am Md. Missaha, gegenüber der weißen Villa der Sprachabteilung des Goethe Instituts:

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Auch das Publikum der Filiale am westlichen Ufer der Nilinsel Zamalek wirkt deutlich gebildeter, als dasjenige manch anderen Cafés im Viertel:

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Ein halbes Dutzend Mal waren wir zwischen 2008 und 2013 mit Exkursionsgruppen der Geographen der Ruhr-Universität Bochum im Cilantro am zentralen Maidan Fuad Muhiy ad-Din in Mohandessin, um anschließend in die völlig andere Welt des von der Metropole überprägten Dorfes Mit Oqba einzutauchen, deren Bewohner sich hier nie hereintrauen würden:

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Die Cilantro-Cafés: ein weibliches Refugium in Kairo © Ekkehart Schmidt

Meine Lieblingsfiliale in einem historischen Gebäude nahe des Midan Tahrir und gegenüber des früheren Haupteingangs der American University in Cairo (AUC) in der durch ihre Graffitis berühmten Sh. Mohammed Mahmoud, die einzige Filiale in der Innenstadt, scheint in Folge der Revolution und des Auszugs der AUC nach „New Cairo“ in der östlichen Wüste, geschlossen worden zu sein. So jedenfalls der Eindruck Anfang Oktober diesen Jahres.

Cilantro Kairo (c) Ekkehart Schmidt

Im März 2013 schaute man hier aus dem Erdgeschoss oder vom Balkon noch auf die revolutionären Graffitis auf der anderen Straßenseite oder konnte sich in diversen Ecken des Obergeschosses ganz der Außenwelt entziehen:

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Woher der Name dieser größten ägyptischen Café-Kette stammt (der englische Begriff Cilantro bedeutet Koriander) hat sich mir bisher nicht erschlossen. Die Webseite ist zur Zeit „under construction“. Möglicherweise hat sich da seit meinen letzten Besuchen 2013  nicht nur hier in der Straße etwas negativ entwickelt?

Die Cilantro-Cafés: Weibliche Refugien in Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Kairo

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  1. Wo Kairo zu sich kommt | akihart

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