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Groppi Talaat Harb_Kairo

Oktober 25, 2015

Seit zwei Monaten wird es saniert, was mir, nachdem ich das gehört hatte, beim Vorbeilaufen Anfang Oktober ein ungutes Gefühl erzeugte. Natürlich ist das „Groppi“ nur noch ein Schatten seiner Vergangenheit gewesen, aber das 1884 Haus blieb als erstes ägyptisches Café europäischen Stils, eine Institution aus der „Belle Epoque“ der Kairoer Neustadt, wenn es auch an dessen zentralen Platz, dem Midan Talaat Harb, erst seit 1924 ansässig ist und mindestens seit 1988, also seit ich es durch einen ersten Besuch beurteilen kann, eher scheintot im alten Ruhm vor sich hin vegetierte: Das Gebäck trocken, die fein livrierten Kellner langsam, der Tee großzügig wässrig (den Kaffee habe ich nur ein Mal probiert), dafür immerhin noch die Möglichkeit, sich heimlich treffende Liebespärchen jüngeren und älteren Alters zu beobachten oder den Blick dezent durch die 5,50 m hohe hallenartigen Säle mit ihren architektonischen Details schweifen zu lassen.

Irgendwann in den vergangenen zwei Jahren wurde das Haus komplett gelb gestrichen – jenes Gelb, dass schon unter Mubarak benutzt wurde, um einen äußeren Schein der Gleichförmigkeit und Saubereit an den Orten hezustellen, an denen der „Rais“ oder Staatsgäste vorbei fahren. Ich befürchte, dass da jemand das Kind mit dem Bade ausschüttet und die Café-Konditorei, die ursprünglich vor allem ein „Tearoom“ nach britischem Vorbild war, auch innen viel zu modern kaputt saniert.

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Das Groppi belegt das Erdgeschoss eines sechsstöckigen Gebäudes. Eine kleine Terrasse im ersten Obergeschoss – zum griechischen Club gehörend – überdeckt den Haupteingang. Der mosaikbelegte Boden ist das Werk des venezianischen Künstlers A. Castman.

Hier einige Eindrücke vom März 2013:

Midan Talaat Harb in Kairo 2013 (c) Ekkehart Schmidt

Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

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Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

Das von einem Schweizer namens Giacomo Groppi ursprünglich in der heutigen Sh. Adly gegründete Lokal mit seinen hohen Decken im Pariser Stil ist immerhin schon einmal umgezogen, 1924/ 25 in das kuchenstückförmig spitz in den Talaat Harb Platz reichende Gebäude, das klassizistisch anmutet, aber architektonisch auch Einflüsse des Art Deco aufweist. Durch verspielt wirkende Formen der Fassade, Balkone und Erker wirkt es mediterran.

A propos Kuchen: Groppi war damals der Hoflieferant der Vizekönige und Paschas in Sachen Schokolade. Als König Faruk während des 2. Weltkriegs nach London reiste, führte er 100 kg Groppi-Schokolade mit sich. Nur in Teilen für den Eigenkonsum: Er schenkte sie den britischen Prinzessinnen Elizabeth und Margaret. Zu Zeiten während und nach dem 2. Weltkrieg, als der Talaat Harb Platz noch ein Zentrum für europäische Geschäftsleute und britische Soldaten war, herrschte hier sicherlich eine andere Atmosphäre. Damals gab es hier auch noch einen Teegarten, in dem sich vor allem britische Offiziere gerne trafen. Bei den revolutionären Ausschreitungen 1952 wurde das Haus nur leicht zerstört, dafür ordnete Gamal Abd-el Nasser 1954 das Zünden einer Bombe im Lokal an, die jedoch kaum Zerstörung produzierte. Ziel war die Erzeugung von Unsicherheit während eines internen Machtkampfes der „freien Offiziere“ rund um den späteren Präsidenten. 1961 wurde das Haus nationalisiert. Während der 1960er-Jahre konnte man hier noch ältere Paschas am Fenster sitzen sehen. Seitdem ist das Groppi zu einem Relikt aus anderen Zeiten geworden, dessen Eleganz verloren ging und dem ein „Refreshing“ gut täte – anders etwa als dem Greek Club / Hellenic Center im Stockwerk drüber, das zwar auch kein Publikumsmagnet ist, aber doch weiter Zulauf der ursprünglichen Zielgruppe hat. Heute sieht man hier nur noch muslimische Paare bei einer Limonade oder den einen oder anderen Geschäftsmann.

Neben diesem Stammhaus gibt es wenige hundert Meter entfernt das „Groppi Gardens“ und eine erst 1957 entstandene, aber in Bezug auf die Stammkundschaft noch lebendiger wirkende Filiale in Heliopolis.

Verwendete Quellen: Morgan, Ihab: Kairo. Die Entwicklung des modernen Stadtzentrums im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Bern 1999, S. 196; Mostyn, Trevor: Egypt’s Belle Epoque. Cairo and the Age of the hedonists, London 1989, S. 173; Raafat, Samir W.: Cairo, the glory years, Alexandria 2003, S. 22f

Groppi Talaat Harb_Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Kairo

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