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Café du Marché_Forbach

Oktober 21, 2015

Gute zwei Kilometer zieht sich die Rue National als Haupteinkaufsstraße durch Forbach, aber es fehlt ihr ein echtes Herz. Weder ist es die Kreuzung, die zum Bahnhof führt, noch der kleine Platz vor der Kirche und auch nicht der Marktplatz am Ostende der Straße, dafür ist dieser im zweiten Weltkrieg zu stark zerbombt worden. Betritt man dort aber das Eckhaus des „Café du Marché“, stellt sich sofort das gesuchte heimelige Gefühl ein. Das mag an der antiquierten Bestuhlung liegen, vielleicht aber auch an der Ausstrahlung der hier sitzenden Menschen, die sich ganz offensichtlich wie im heimischen Wohnzimmer fühlen. „Willschte a Bier?“ fragt Doris Sanchez, einen Herrn, der offensichtlich Stammgast ist, nachdem sie sich die Hände geschüttelt haben. „Ben oui“ ist die Antwort. Die freundlich-resolute Dame, eine geborene Willigsecker, kennt ihre Kundschaft seit 26 Jahren. Sie ist mit ihr ergraut, trägt aber ihr rotblondes Haar nach wie vor in einem langen Zopf. Der Gruss per Handschlag ist eine Sitte vieler Arbeiterbistros in der Region: Mancher Gast dreht erst eine Runde und gibt jedem anderen Gast die Hand, ehe er sich an den Tresen stellt. Auch mir Fremdem. Da fühlt man sich gleich aufgenommen. Die Klientel in diesem Café wirkt gleichwohl bürgerlicher als die in der Taverne Union oder dem Café Siebenschuh, wo mir das erstmals aufgefallen war.

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Das Haus ist wie viele andere in der damals deutschen Garnisons- und Frontstadt Forbach während 105 Tagen der Belagerung vom 28. November 1944 bis zum 14. März 1945 und dem Einmarsch amerikanischer Truppen stark beschädigt (vor allem die oberen Etagen) und später umgebaut worden. Gerade der Marktplatz hat dadurch stark an historischem Flair verloren. Das historische Foto unten zeigt ihn im Jahr 1910, man erkennt das Haus des heutigen Cafés in der Bildmitte. Damals befand sich hier das  während der Markttage sehr gut besuchte Restaurant Franz Duval. Das Nachbarhaus zur Linken  wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Auf dem kleinen Zwischenplatz fand damals ein Tiermarkt statt. Zur Zeit der deutschen Besatzung war nebenan eine „Volksbücherei“ eingerichtet, schräg gegenüber hatte der „Reichsbund Luftschutz“ seinen Sitz.

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Wenngleich die Nazizeit die stärksten Zerstörungen mit sich gebracht haben, spürt man keine Ressentiments. Das wundert nicht, gehörte die heute 26.000 Einwohner starke Stadt in ihrer „Gründerzeit“ ein halbes Jahrhundert von 1871-1918 zum Deutschen Reich, was man in dem Sinne noch heute spürt, als es in dieser Zeit durch den Steinkohlebergbau zu einem starken Aufschwung der vorher sehr dörflichen Siedlung kam: Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit dem Nachbarland hat sich heute aber vor allem auf die Beschäftigung vieler Grenzgänger im 10 km entfernten Saarbrücken reduziert.

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Inwieweit sich das Café mit den Jahren verändert hat, ob es mehr Bar, Brasserie oder Bistro geworden ist, kann ich nicht beurteilen, wenngleich ich vor einem guten Jahrzehnt schon einmal hier war. In der Erinnerung ist die rustikal-familiäre Einrichtung unverändert geblieben, einmal davon abgesehen, dass zurzeit Kürbisse, Spinnweben und Hexen in Erwartung von Halloween die Deko bestimmen und anstelle eines Radios ein MP3-Player auf der Anrichte hinter der Theke steht. Es laufen Chansons und französischer Reggae. Zwei Gruppen von Gästen unterhalten sich, ein anderer liest zunächst still im Républicain Lorrrain, ehe er sich erregt: „Ils nous prenons pour des cons!“ Da hätten sie einen zu einer Bürgerversammlung ins Rathaus gebeten, gut 300 Leute seien da gewesen und hätten ihre Gegenargumente zu einer anliegenden Entscheidung genannt – und dann würden sie doch alles wie vorher geplant umsetzen wollen, schimpft er. „Salut“ nickt ein anderer Gast der Wirtin zu: „Sah ma, gehst Du?“ fragt sie zurück – „Jo“, „Allez: Merci, bonne journée!“ Hier wird wie überall in der grenznahen Region zweisprachig gesprochen, oft auch noch Platt, „dat iss en Süd-Wescht Deitschi Schprooch ass geschwetzt watt in Lothringen“, genauer: im Raum zwischen Thionville und Bitche. Am ehesten wird man das hier an Markttagen (Dienstag und Freitag vormittags) hören. Dachte ich. Aber so war das vielleicht früher. Heute ist das Café dann nicht wirklich voller, wie das früher einmal war. Dafür ist die Klientel des Marktes zu arabisch geworden.

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Bei meinem zweiten Besuch am 27. Oktober habe ich mich ganz nach hinten gesetzt, da, wo es bunt und heimelig wird.

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Geöffnet ist von 7 bis 20 Uhr. Zu jeder Uhrzeit werden andere Gäste hier sein. Es gibt hier ein Frühstück für 4,50 Euro, mittags kann man ein Casse croute maison für 3,50 Euro essen oder eine Gemüsesuppe für 2 Euro. Sandwichs gibt es nicht (dafür im Nachbarhaus), wohl aber bekommt man ein Graubrot mit Butter und Marmelade. Der Espresso kostet hier 1,30 Euro, das Demi Bière 2,20. Ausgeschenkt wird Kronenbourg, wenngleich an den Fenstern noch Aufkleber von „Karlsbräu Ur-Pils“ hängen. Kenner von Karlsberg Ur-Pils verwundert das. Die Erklärung: Nach einem gerichtlichen Vergleich mit der dänischen  Carlsberg-Brauerei verpflichtete sich der saarländische Brauer Karlsberg 1956, um Verwechslungen zu vermeiden, für das Exportgeschäft den Namen Karlsbräu zu verwenden.

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

Café du Marché_Forbach (c) Ekkehart Schmidt

Was es mit Joseph Garcia auf sich hat, der an der Hausfront geehrt wird, wollte ich noch recherchieren, aber mir sprang Johannes aus Wallerfangen bei und wies mich auf eine Memorial-Webseite der Polizei hin, auf der im Dienst gestorbene Polizisten gewürdigt werden: Joseph Garcia starb hier beim Versuch der Festnahme von Einbrechern im benachbarten Elektronikladen.

Adresse: 130 rue Nationale, 57600 Forbach, France, Tel.: +33 3 87 88 43 70 

Verwendete Quellen: Cercle d’histoire locale de Forbach et sa région: Historische Fotos;Wikipedia-Artikel Lothringer Platt und Karlsberg Brauerei, historische Fotos vom Forbacher Marktplatz (links auf das 9. Foto von oben klicken); Wilmin, H.: Forbach en cartes postales anciennes, Zaltbommel 1980

Café du Marché_Forbach © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, SaarLorLux

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  1. Le marché de Forbach | akihart

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