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Café des sports „Anacker“_Stiring-Wendel

Oktober 17, 2015

Drei Kinos, weitläufige Wohnviertel, ein Bahnhof und natürlich eine imposante Kirche im Zentrum der früheren Hütten- und Steinkohlebergbaustadt Stiring-Wendel im äußersten Osten Lothringens zeugen von einer großen Vergangenheit. Aber es sind Relikte, deren Zeit seit Jahrzehnten abgelaufen ist: Die Einwohnerzahl ist seit der Schließung der Gruben um die Jahrtausendwende im Vergleich zu 1957 um ein Viertel geschrumpft, alle Kinos sind geschlossen, sogar der Bahnhof der Stadt mit 12.000 Einwohnern wurde stillgelegt. Die TGV- und ICE-Züge nach Paris fahren hier sowieso nur durch (und halten manchmal im benachbarten Forbach). Dass aber auch die TER-Regionalbahnen nicht mehr halten, ist schon eine schwere Abwertung.

Café des sports

Café des sports

Trotz der Symbolträchtigkeit der nutzlos gewordenen Kinos (oben das 1918 entstandene und Ende der 1960er-Jahre geschlossene Rex, unten das Apollo) und anderer, für die heutigen Bedürfnisse überdimensionierter Gebäude zeigen sich die Probleme der entindustrialisierten Provinz hier nicht wirklich deutlich, jedenfalls nicht an der Oberfläche: Die weitläufige Stadt wirkt insgesamt zwar etwas trist und sicherlich sind viele Bewohner von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen, aber nirgendwo wirkt Stiring-Wendel schmutzig oder heruntergekommen.

Rund um die Place Sainte-Marthe und die rue St François im ab 1854 entstandenen Stadtentwicklungsprojekt „Stiring Nouveau“ an der im neugotischen Stil erbauten katholischen Kirche scheint  es noch ein funktionierendes Geschäftsleben mit Bank, Supermarkt, Tabac, Café, Snack und sogar Antiquitätenhändler zu geben. In den später entstandenen riesigen, aber großzügig und grün geplanten Arbeitersiedlungen finden sich kaum Geschäfte. Hier am Marktplatz habe ich gestern ein wenig in das Café des sports mit dem merkwürdig klingenden Zusatz „Anacker“ hinein geschaut.

Café des sports

Café des sports

Café des sports

Café des sports

Seit 1989 wird es betrieben von Edith Anacker und ihrer, wie ich annehme, Schwester Corinne. Das Lokal ist sehr sauber und aufgeräumt, im Radio läuft „Unser Ding“ und die Wirtin wechselt in ihrer Unterhaltung am Tresen ständig die Sprache. Ein neuer Gast kommt herein, begrüßt alle Anwesenden per Handschlag – was mir schon im „Hotel de la frontière“ in Spicheren als bemerkenswerte lokale Sitte aufgefallen war, und sagt: „Ma chère Edith, ich küss die Hand!“. So geht das dann weiter. Ich schnappe Satzfetzen auf wie „…à dix heures et quart ich gehen, ne?“ und dann: „Après le catastre à 11 heures j´étais wieder do“. Dann redet Edith, eine groß gewachsene, imposante Dame, die hier nicht so recht hineinpasst, über Geld: „…clôture des comptes – da kannste gar nix mehr machen…“. Vielleicht würde sie sich auch andere Kunden wünschen, muss sich aber mit denen auseinandersetzen, die kommen, was sie als gute Wirtin auch sehr verständnisvoll, kommunikativ und -ja – irgendwie auch mütterlich tut. Am späten Vormittag sind hier nur drei Männer: Rentner oder Arbeitslose. Keiner wettet bei FDJ/ Amigo oder spielt am elektronischen Dart-Automaten, geschweige denn an dem 4,50 x 3,80 großen Billardspiel im Nebenraum, das für Snooker- oder Carambolage geeignet ist. So, wie der vordere Bereich geschmückt ist, hofft sie wohl auch auf Kund/innen, die für einen Kaffee kommen.

Café des sports

Café des sports

Café des sports

Café des sports

Der Sparclub, dessen drei Kästen hinter dem Billardtisch hängen, beweist mit seinem Namen Humor: „Club d’Épargne des Sans-Sou-Si“ (frz.: ‚ohne Groschen‘, statt sans souci ‚ohne Sorge‘) . Auf dem Platz am anderen Ende der rue St François ist dieses Wochenende „Kirb“, wie man hier auf Platt sagt. Aufgebaut war schon, nur war die Kirmes noch nicht eröffnet, was ähnlich merkwürdig wirkte, wie das verschlossene riesige „Rex“-Kino. Um das Leben hier richtig einschätzen zu können, müsste ich wohl einmal abends vorbei schauen. Das „Café des sports“ scheint jedenfalls kein reines Arbeiterlokal im Sinne eines Relikts der 1970er-Jahre zu sein, wie beispielsweise das „Café Siebenschuh“ einen Kilometer weiter nördlich.

Café des sports

Café des sports

Nachtrag vom 27. Oktober: Heute beginnt die äußere Wärmedämmung des Lokals, es werden Styropor-Platten angebracht. Wie das Lokal wohl anschließend aussieht?

Adresse: 23 rue St François/ Ecke Place Sainte-Marthe, 57350 Stiring-Wendel, France, Tel.: +33 3 87 84 57 64

Verwendete Quellen: Gangloff, Marcel/ Ernwein, Denis: Stiring-Wendel. Tome 1: Naissance d’une ville, Stiring-Wendel 1994, S. 165; Landeshauptstadt Saarbrücken/ District de Forbach (Hg.): Deutsch-Französischer Kultur- und Naturraum Spicherer Höhen, Saarbrücken 2001, S. 156ff

Café des sports „Anacker“_Stiring-Wendel © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, SaarLorLux

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