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Die blauen Garagen von Habsterdick

Oktober 16, 2015

Stiring-Wendel, die lothringische ehemalige Steinkohlebergbaustadt direkt südlich von Saarbrücken, wirkt auf den ersten Blick trist, besonders von der rue Nationale N3 in Richtung Forbach und Paris, lohnt aber wegen kleiner schöner Details einen Besuch. Jedenfalls, wenn man sich für Industriegeschichte interessiert und ein ästhetisches Faible für Patina hat. In der für die osteuropäischen Arbeiter der nahe gelegenen Kohlegruben errichteten Arbeitersiedlung Neu-Habsterdick bzw. Cité de Habsterdick, der bis zur Landesgrenze am Saarbrücker Hauptfriedhof reicht, bin ich heute erneut auf diese Garagen gestoßen, die mir schon öfters aufgefallen waren. Keine 400 m von der Grenze entfernt und schon so ungewöhnlich wirkend. Gut, das ich diesmal per Rad unterwegs war.

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Hinter der ersten Garagenreihe in der rue Victor Hugo verbirgt sich eine zweite. Insgesamt gibt es 48 Garagen.

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

Möglicherweise stammen sie aus dem 1926 begonnenen Stadterweiterungsprojekt der Cité Habsterdick, in der sehr großzügig angelegte Arbeiterhäuser in Doppelbauweise errichtet wurden, die hier wahrscheinlich in der Wiederaufbauzeit nach dem 2. Weltkrieg durch größere Wohnhäuser ergänzt wurden. Die vielleicht auch erst dann entstandenen Garagen scheinen unter Denkmalschutz zu stehen, hat doch ein Besitzer hinter die Holztore seiner Garage ein modernes metallenes Tor eingebaut, erstere aber nicht herausgetrennt. Interessant ist, dass sich die Dächer nach hinten hin vertiefen, als wären sie gar nicht für Autos gedacht gewesen.

Im Quartier Habsterdick gibt es ferner – wahrscheinlich aus der gleichen Zeit – Gartenlauben bzw. Handwerkerschuppen mit kleinen Gärten zum Selbstanbau von Tomaten und Gemüse. Eine vergleichbare stadtplanerische Mühe um die Bedürfnisse von Arbeiterfamilien kenne ich aus den saarländischen Bergbau- und Stahlindustriestädten Völklingen, Burbach, Brebach oder Neunkirchen nicht:

Blaue Garagen von Habsterdick (c) Ekkehart Schmidt

Blaue Garagen von Habsterdick (c) Ekkehart Schmidt

Die einzigen architektonisch vergleichbaren Garagen, die ich in oder nahe Saarbrücken kennen, finden sich in Güdingen nahe der Brebacher Hütte hinter einem Arbeiterwohnhaus in der Bühler Str. 39.

Ein besonderer Aspekt der nach dem 1. Weltkrieg entstandenen Bergmannssiedlungen in Stiring Wendel, Creutzwald, Klein-Rosseln und Habsterdick war ihre osteuropäische, vor allem polnische Bevölkerung. Da für die Grubenarbeit durch die vielen auf den Schlachtfeldern verstorbenen Franzosen Arbeiter fehlten, rekrutierte man (das heißt die Familie de Wendel, denen die Kohlegruben gehörten) diese im Osten. Und Habsterdick wurde eine Art polnische Kolonie. Der Zeitzeuge Edmond Glowczak schilderte den Saarbrücker Heften:

„Die Polen wurden als erstes mehr oder weniger in der Siedlung von Habsterdick gelagert. Gelagert, so kann man das bezeichnen, das heißt in der Siedlung selbst waren in etwa 70 % Polen, dann waren noch ein paar Tschechen, ein paar Ungarn und ein paar Slowenen, also aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die Polen hatten aber die Überhand, so dass man die Siedlung als „Klein-Warschau“ bezeichnete.“

1926 hatte der Baron de Wendel die Bäume des „Habster Dickichts“ roden lassen, weil das Ortszentrum aus den Nähten platzte. Zwei Jahre später waren die ersten von 700 – 900 Wohnungen bezugsfertig:

„Straße für Straße fein säuberlich nach Nationalitäten sortiert, aber doch alle zusammen – und in einiger Entfernung vom alten Stiring. Dennoch. im Vergleich zu den übrigen Grubensiedlungen der Zeit war der Habsterdick ein kleines Paradies.“ 

Noch heute besticht der fast ländliche Charakter der Siedlung inmitten anderer, eher trostloser Arbeitersiedlungen des Umlandes wirklich idyllisch. Die Arbeiter hatten Land und auch Vieh: Schweine, Gänse und Kaninchen oder sogar Pferde. Als ersten polnischen Verein gab es in Habsterdick seit 1926 einen Chor „Lutnia“ (zu deutsch „Laute“). In der Zwischenkriegszeit gab es über 20 weitere polnische Vereine, aber dieser bestand am längsten – mindestens bis 1999.

Verwendete Quellen: Bureau temporaire spécial des P.T.T.: Souvenir philatélique du 40eme Anniversaire de la libération, , Stirng-Wenel 1985, S. 46f; Landeshauptstadt Saarbrücken/ District de Forbach (Hg.): Deutsch-Französischer Kultur- und Naturraum Spicherer Höhen, Saarbrücken 2001, S. 156ff; Mairie de Stiring-Wendel: Ville de Stiring-Wendel. Cent ans de vie communale, Stiring-Wendel 1957, S. 49, 155; Weber, Natalie: Klein-Warschau liegt in Lothringen. Polnische Spuren an der deutsch-französischen Grenze, in: Saarbrücker Hefte 82, Winter 1999, 62-68;

Die blauen Garagen von Habsterdick © Ekkehart Schmidt

2 Kommentare
  1. Herbstblau! geschichtenerzählende Bilder. Auch ich mag die Schönheit morbid wirkender Orte.

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  1. Café Siebenschuh_Stiring-Wendel | akihart

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