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Café Siebenschuh_Stiring-Wendel

Oktober 15, 2015

Ich muss im Nachhinein zugeben, dass ich gestern in Stiring-Wendel wie ein Jäger unterwegs war, also einer von der rechtschaffenden Sorte, mich dann aber wie ein Wilderer verhalten habe. Meine Suche galt in dieser weitläufigen Gruben- und Industriearbeiterstadt einer fast ausgestorbenen Spezies, von der ich nicht wusste, ob sie noch existiert. Es war wohl 2004, als ich letztmals eine Spur gesichtet hatte. Ich erinnerte mich an einen Platz mit einer Kirche, an der es ein oder zwei Bars, Bistros oder Brasserien gab, die mir als Relikte des typischen Arbeiterlebens der 1970er-Jahre erschienen, aus einer Zeit also, in der hier Zigtausende Arbeiter nach (und manchmal auch vor) ihrer Schicht ein schnelles Bierchen tranken.

Per Rad machte ich mich gestern, während zweier Stunden Zeit, die ich während der Eingewöhnung meines Sohnes bei einer neuen Tagesmutter frei hatte, auf den Weg über die Grenze bei der Goldenen Bremm und weiter über die rue Nationale N3 zum Hotel de la frontière, wo ich dann nordwärts die Ausläufer von Stiring Wendel abzufahren begann: Habsterdick, eine ungewöhnlich großzügig angelegte Arbeiter-Wohnsiedlung aus den Jahren nach 1926 mit hunderten grau-beiger Doppelhaushälften voller Patina und bröckelndem Putz, großen Gärten, aber fast menschenleer und ohne jegliches Geschäft. Nur ein Platz mit einer Post neben einer langen Reihe Geschäfte, die riesige Schule von Habsterdick und eine wunderschöne Reihe blauer Garagen unterbrachen die immer gleichen Straßenzüge. Die 1846 errichtete Hütte hatte schon 1897 ihren Betrieb eingestellt, doch führte der Aufschwung des Steinkohlenbergbaus zu einer weiteren Bevölkerungszunahme. 1957 hatte Stiring-Wendel 16.000 Einwohner gegenüber 1.900 im Jahre 1857. Um die Jahrtausendwende endete auch die Ära der Steinkohle, die Bergwerke wurden stillgelegt und die Bevölkerung sank auf heute 12.600. Der Ort macht heute einen entsprechend tristen Eindruck, jedenfalls angesichts des ehemaligen Kinos „Apollo“ in der rue du Générale Grégoire im Stadtteil Vieux Stiring/ Cité Ste. Stéphanie, einem von ehemals drei Kinos der Stadt (neben dem „UT“ ist vor allem das „Rex“ zu erwähnen, mehr dazu hier).

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Der Ort ging in seiner Geschichte zwei Mal durch die Medien: zuerst, nachdem hier durch diese Straßen die amerikanische Armee am 13. März 1945 den Durchbruch über die Grenze nach Saarbrücken gelang, dann im März 2015, als bei den Kommunalwahlen die Kandidatin des Front National in der 1. und 2. Runde gut 42% der Stimmen bekam, aber gegen einen anderen Kandidaten der Rechten verlor. Bei gut 60% Wahlabstinenz. Irgendwo hier am Fuß der riesigen Abraumhalden der Simon-Schächte ist in besseren Jahren auch die Chansonsängerin  Patricia Kaas aufgewachsen. Ob die berühmteste Tochter der Stadt hier auch einmal aufgetreten ist? In der genannten, 1945 stark zerstörten rue du Générale Grégoire (Fotos der heutigen Situation), kurz vor der Einmündung in die rue du Vieux Stiring, spürte ich dann jedenfalls endlich zwei alte Lokale auf: Das „Café Central Chez Ali“, das mir aber zu modernisiert wirkte und gar keine cafétypische Bestuhlung mehr hat, als wäre hier abends immer Disko, sowie „Chez Nadine“, das genau dem Beuteschema meiner „Jagd“ entsprach:

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Als der Bergbau noch brummte, habe es hier 30 Kneipen gegeben, erzählt Gaston Tyrakowski, dessen Frau Nadine Namensgeberin des Lokals ist. Sie erzählt mir bei einem zweiten Besuch, dass dies das älteste Lokal im Ort sei. Jetzt seien es nur noch vier. Neben „Chez Ali“ existieren einen Kilometer entfernt, im noch erstaunlich lebendigen Ortszentrum das „Café des Sports Anacker„, „La Chaumière“ sowie zwei Snacks. Die ‚“Patisserie et Salon de thé Augustin“ hat die  Krisenjahre ebenfalls überlebt, aber das ist eine andere Kategorie. Gaston und Nadine führen das vor über 60 Jahren entstandene Lokal schon viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte. 2007 haben sie es als Schnellrestaurant registrieren lassen und bieten seitdem Mergez und andere Würstchen sowie ein Plat du jour. Gestern gab es „Bavette de bouef à l’echelotte“ mit Kartoffeln und grünem Salat für 8 Euro. Das ist wohl nicht mit dem berühmtesten Lokal der Stadt, „La bonne Auberge“, ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern, vergleichbar, aber sicher nicht schlecht.

„Bonjour Monsieur“ grüßt ein Neuankömmling und bekommt von Gaston zum Spaß ein „Bonjour Madame“ zurück, gefolgt von der Frage „E Bierschen?“ Er und die anderen zwei Gäste interessieren sich hier am späten Vormittag eher für die Livesendung kurz vor dem Start eines Pferderennens in Saint Cloud. „Les paris PMU: Faites vos jeux“ steht auf der Tafel mit den Wettzetteln. Die Kneipen in Stieringen, wie der Ort zwischen 1870 und 1914 auf Deutsch hieß, scheinen nur durch die Transformation in Wettbüros überlebt zu haben. Neben Pferderennen auch Fußball: An den Wänden hängen Schals der französischen Teams OM, Lyon, PSG und Metz sowie der deutschen Clubs FCK, BVB und den Bayern.

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Ich habe etwas gelesen, heimlich zwischendurch fotografiert – bis auf die Fotos vom Wandgemälde und den Schals, während Gaston im Hinterraum war. Nachdem ich gegangen war und draußen noch eine Außenaufnahme machte, kam er heraus und fragte, weshalb ich Fotos mache. Das hätte ich ehrlich sein können und von diesem Blog erzählen. Aber was hätte ich auch als Begründung sagen können? Mich interessieren hart ums Überleben kämpfende Relikte einer anderen Zeit?. „Mich interessieren authentische alte Lokale“ sagte ich dann. „Privat, nur so“, log ich. Das schien akzeptiert. Ich fragte noch, weshalb hier ein zweites Schild neben „Chez Nadine“ hängt: „Café Siebenschuh“. Das sei nur der Besitzer des Hauses, war die Antwort. Jean Siebenschuh ist Inhaber, d.h. nicht Pächter des Lokals. Der alte Herr war bis 2012 als Grundstücks- und Immobilienmakler aktiv und hat Nadine und Gaston vielleicht diesen Namen aufgedrückt. Und jetzt schreibe ich das alles ohne Einverständnis nieder. Wie ein Wilderer eben, der heimlich seine Beute fortschafft und hofft, dass es keiner merkt.

Aber vielleicht fahre ich die nächsten Tage doch noch einmal bei Gaston vorbei, ehe ich mir die anderen Lokale anschaue.

Nachtrag vom 27. Oktober: Ich war noch einmal dort, um etwas zu essen. Diesmal zeigte sich Gaston nur aus der Tür zur Küche, während Nadine die Theke mit den fast gleichen Männern dominierte. Einer erzählte, dass ich letztens fotografiert habe. Ob ich Journalist sei, fragte sie? Nein, log ich, ich sei nur ein Liebhaber alter Kneipen (Merde, une possibilité raté d’être honnête). Sie erzählte, dass es hier in der Straße damals jede Menge Geschäfte gegeben habe, das Ortszentrum habe noch nicht existiert (es wurde ab 1857 gebaut), einen Friseur gegenüber etc., aber sofort unterbrechen sie einige Gäste, bezweifeln das, debattieren das, was Nadine von einer alten Dame gehört habe. Ich bestelle eingelegten Hering, aber den gibt es noch nicht, der ist erst für Freitag angekündigt. Also nehme ich ein Käse-Sandwich und eine Portion Fritten, die Gaston zubereitet und die mir die Tochter des Hauses bringt.

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

Ich spreche Nadine darauf an, dass hier Deutsch und Französisch scheinbar durcheinander gesprochen würden: „Ei, mir schwätze Deitsch un Franzeisisch, wie uns de Schnüss gewachsen ist“, erklärt sie. Wenn einem mitten im Sprechfluss ein Wort fehle, wechsele man halt in die andere Sprache. Heute seien ja tatsächlich gleich drei Deutsche hier, weist sie mich direkt im Anschluss hin. Neben mir noch einer, der sich im Trainingsanzug des FC Creutzwald an der Theke stehend über die aktuelle Performance des 1.FC Saarbrücken beschwert. Sein Gesprächspartner bzw. Adressat, neben mir am Nebentisch, reagiert zwar, konzentriert sich aber auf seine Pferdewetten. Ob man in Saarbrücken keine Pferdewetten spielen könne, frage ich. Doch, in Güdingen schon, aber hier gefalle ihm das besser. Mir blieb unklar, ob er als Handwerker hier zu tun hatte und kurz vorbei geschaut hat, oder ob er extra zum Wetten hierher gefahren ist.

Adresse: 4 rue Général Grégoire, 57350 Stiring Wendel, France, Tel.:  +33 3 87 84 85 73 

Verwendete Quellen: Bureau temporaire spécial des P.T.T.: Souvenir philatélique du 40eme Anniversaire de la libération, , Stirng-Wenel 1985, S. 46f; Landeshauptstadt Saarbrücken/ District de Forbach (Hg.): Deutsch-Französischer Kultur- und Naturraum Spicherer Höhen, Saarbrücken 2001, S. 156ff; Mairie de Stiring-Wendel: Ville de Stiring-Wendel. Cent ans de vie communale, Stiring-Wendel 1957, S. 49; Wikipedia-Artikel zu Stiring-Wendel und Patricia Kaas.

Weitere Literatur: Koch, Patrick: Stiring-Wendel, Cercle d’histoire locale de Forbach et sa région: Historische Fotos.

Café Siebenschuh_Stiring Wendel © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, SaarLorLux

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