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Zum Storch_Saarbrücken

September 30, 2015

Ein ganz besonderes Jubiläum stand am 1. Oktober an: Mit dem Alt-Saarbrücker Lokal mit Eckkneipencharakter „Zum Storch“ hat die letzte verbliebene Regierungsbeamtenschankwirtschaft ihr 55jähriges Bestehen gefeiert. Genauer gesagt: Hannelore Schwarz, die heutige Inhaberin, feierte 40 Jahre hinter der Theke. In den Jahren nach 1960, als der „Storch“ in den Räumen eines ehemaligen Lebensmittelgeschäftes eröffnete, gab es in der Talstraße noch ein halbes Dutzend weiterer Kneipen, in denen die Mitarbeiter/innen der umliegenden Behörden, Ministerien und Gerichte einen Mittagstisch vorfanden und/ oder ein Bierchen tranken (um nach der Arbeit oft noch einmal zum Dämmerschoppen zu kommen): „Königs Pils“ (heute Restaurant „Anna“), die „Himmelsleiter“, das „Hofbräuhaus“, den „Paragraphen“, den „Burgkeller“, die „Gerichtsklause“ (heute Pizzeria „La Gondola“), die „Talschenke“ und den „Blauen Hirsch“ anfangs der Saargemünder Straße.

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

„Mit dem Alkoholverbot während der Arbeit und den Zeiterfassungskarten ist das Kneipengeschäft in den letzten Jahrzehnten sehr geschrumpft“, erzählte mir Frau Schwarz gestern in ihrem „Wohnzimmer“, also hinter der Theke stehend. Das sagt sie nicht von ungefähr. Sie wohnt zwar im gleichen Haus: „Aber das hier ist wirklich mein Wohnzimmer. Ich bin ja die ganze Zeit hier. Selbst die Küche unten benutze ich auch privat für mich. Eigentlich habe ich die Wohnung nur zum Übernachten“.

So ganz stimmt das natürlich nicht (mehr). Die 78jährige ist zwar meist mittags im Lokal, schließt den Storch heutzutage aber erst um 17 Uhr auf. Die einzige Ausnahme ist der Freitag, an dem auch mittags von 11 bis 13 Uhr geöffnet ist. Früher stand sie von 10 bis 1 Uhr durchgehend hinter dem Tresen bzw. in der Küche. Immer alleine, aber mit gelegentlicher Hilfe der Kinder. Damals gab es mittags noch ein Stammessen. Abends gibt es vom Schmalzbrot über Frikadellen und Gulaschsuppe bis hin zu Grumbeerkichelcher oder Bratkartoffeln deftige deutsche Küche: Sehr preiswert und komplett selbst zubereitet. Auch die „eingelegten Flauzen“, über die ich mich wundere: Das ist der saarländische Begriff für Kutteln, Kaldaunen oder Pansen, die ich dann doch nicht probieren möchte, sondern die leckeren Bratkartoffeln mit eingelegten Heringen für 5,50 EUR bevorzuge. Eine weitere Besonderheit sind der selbst hergestellte Eierlikör und die 54 Sorten Schnaps, die es im Storch gibt, davon immer einer als „Schnaps der Woche“ für 1,50 EUR (im Moment der Mirabellenschnaps). Das übliche Getränk ist freilich Bruch-Bier vom Fass, unter anderem Zwickel und Pils für 2 EUR das 0,3 l Glas und andere Flaschenbiere dieser Saarbrücker Traditionsbrauerei.

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Es gibt so viele Geschichten zum Storch, wie Gegenstände. Jedenfalls wenn Frau Schwarz zu erzählen beginnt: „Alles, was hier hängt oder steht, hat eine Geschichte“. Ein Dutzend davon habe ich mir angehört. Betritt man das Lokal zum ersten Mal, fällt es dem Blick schwer, zur Ruhe zu kommen, so viele Dinge stehen auf Anrichten, hängen an den Wänden oder stapeln sich auf Regalen. Dann meldete sich meist Moritz: In der Regel mit einem Kreischlaut, gefolgt von schrillen Pfiffen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Er war ein Timneh-Graupapagei, der mit einer Körperlänge von etwa 30 cm Körperlänge nicht wirklich groß schien, dafür durch sein Kommunikationsverhalten beeindruckte. Die aus Afrika stammenden Tiere werden gerne in Zoos gehalten (so auch in Saarbrücken), oft aber auch in Privathaltung. Aufgrund ihrer hohen Intelligenz und ihrer Sprachbegabung zählen sie in der Kognitionsforschung zu einer der bedeutenden Tierarten.

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

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Manches Kind aus der Nachbarschaft oder aus der Kita „Spatzennest“ nebenan schaute hier gerne hinein: Wegen Moritz, aber der bot oft nur den Vorwand, um auch und vor allem an die Gläser mit den Salzstangen auf der Theke zu kommen… Mein Sohn zum Beispiel. So habe ich Frau Schwarz kennen gelernt.

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

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Die Textpassage zu Moritz habe ich zwei Wochen nach der Erstfassung in die Vergangenheitsform ändern müssen, seitdem im Fenster anstelle des Käfigs ein Zettel hängt: „Der Papagei ist gestorben“. 27 Jahre lang hat er hier in seinem Käfig gesessen und viel Kontakt zu den Gästen gehabt.

Als Frau Schwarz 1975 arbeitslos wurde, ergab sich die Möglichkeit, die Kneipe zu übernehmen, was sie im Gefühl tat, das höchstens ein Jahr oder zwei zu machen. Damals gab es schon einen ersten Papagei. Neben der 1988 sanierten Theke steht zwischen Flohmarktartikeln ein Porzellanstorch, der dem Haus einmal geschenkt wurden. Die ersten Pächter hießen Storch, erzählt Frau Schwarz, die von Unwissenden gelegentlich „Frau Storch“ genannt wird, was sie jedoch nicht stört, im Gegenteil: „Die hatten einen tollen Ruf, waren sehr seriös. Wenn man mich in eine Reihe mit denen stellt, ist das eine Ehre“.

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

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Eins der am vorderen Tisch hängenden Bilder, „Die Raucherin“ von 1946, stammt vom 1994 verstorbenen Maler Hans Joachim Müller, genannt „König von Daarle“, dem immerhin einmal eine Ausstellung in der Modernen Galerie gewidmet war. Das Porträt zeigt seine Frau. Zu den früheren Stammgästen zählte auch eine andere illustre Figur, die vom SPIEGEL „König“ genannt wurde: Heinz Rox Schultz, der „König der Globetrotter“ oder auch der „letzte Weltwanderer“ (so die ZEIT 2001) führte im alten Rathaus am oberen Ende der Talstraße sein Abenteuermuseum. Bis zu seinem Tod im Jahr 2004 hat er oft hier vorbei geschaut, wenn er nicht gerade bei den Tuaregs oder unter Yogis weilte. Unter den Stammgästen finden sich auch Musiker, unter anderem eine finnische Sängerin.

Wenngleich die Zeit der „Biertrinker-Generation“ sich dem Ende zuneigt, wie Frau Schwarz es ausdrückt, treffen sich hier noch mehrere Dutzend regelmäßig kommende Gäste. Ein wöchentlicher Stammtisch mit 15 Männern besteht sogar schon seit 50 Jahren. Entstanden ist er einst aus der katholischen Jugend und den Pfadfindern. Donnerstags trifft sich eine Sportgruppe, ein anderer Stammtisch mit Mitgliedern des Gospelchors Bischmisheim trifft sich hier freitags. Zwei Herren erzählen mir, dass sie hier vor 40 Jahren ihr juristisches Staatsexamen gefeiert haben und sich immer noch bei Frau Schwarz treffen. Sie hat ein „gehobenes“ und wirklich treues Publikum. „Auch Weggezogene gucken immer mal wieder vorbei“, sagt sie. Das Familiäre der Gespräche und die Wohnzimmer-Atmosphäre lassen sie immer wieder kommen. Fremde wie ich, obwohl Nachbar, fallen dagegen sofort auf. Und dann ist da noch der pensionierte (oder sagt man“emeritierte“?) Pastor, der hier gerne den guten Weisswein von der Nahe kostet, was „nach all den Jahren mit Messwein zweifelhafter Qualität“ wohl ein Genuss sei, wie mir ein Freund eines abends erzählt.

Wenig Kundschaft kommt zu Fuß, die meisten nehmen den Bus. Das Einzugsgebiet ist groß, es spannt sich von der Bellevue bis zum Rodenhof und Fechingen. Zwischen 17.30 und 20.30 ist es hier noch immer ziemlich voll, dann leert sich das Lokal manchmal relativ schnell. Dienstags und freitags kann es aber auch schon einmal vorkommen, das Hannelore Schwarz erst um 2 Uhr ins Bett kommt. Früher, als noch um 1 Uhr Polizeistunde war, habe sie manchen Gast fast „raustreten“ müssen, lacht sie.

Hier kennt tatsächlich jeder jeden. „Der Zusammenhalt ist über die Jahre gewachsen. Ich habe aber im Prinzip zu wenig Kundschaft, die jüngeren Leute haben heute andere Trink- und Essgewohnheiten“, hat sie beobachtet. So wächst keine neue Stammkundschaft nach. „Finanziell ist das nicht mehr rentabel“, sagt sie, „aber ich kann nicht loslassen“. Sie habe sich aber noch nie eine Frist gesetzt: „Wenn ich’s noch ein paar Jahre machen kann, mach ich’s gerne“, sagt sie.

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Eine Freundin des Hauses bezeichnet sie als „Stehaufmännchen“, als eine, die sich nicht unterkriegen lässt – auch nicht von einem unglücklichen Sturz vor zwei Jahren, der sie eine Weile an Krücken band – und sich zugleich für andere einsetzt. In der Nachbarschaftshilfe und für die Saarbrücker Tafel zum Beispiel: Trinkgelder sowie die Erlöse aus dem Verkauf von selbst gemachten Gelees, Honig eines Imkers aus der Nachbarschaft (auf der Hohen Wacht), Eiern des Geflügelhofs Rose in Mainzweiler, gebrauchten Büchern und sonstigen Gegenständen wird gespendet – wobei sehr viel zusammen kommt. Gespendet wird das als Äquivalent von Eiern. An manchen Monaten kommen 1000 Eier zusammen.

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

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Im hinteren Bereich hängt neben einem umfunktionierten Badezimmerregal, in dem Frau Schwarz seit 20 Jahren Taschenbücher für 50 Cent anbietet, ein hölzerner Sparkasten mit Fächern für zur zeit noch 30 Sparer. „Zuhause ist der Inhalt einer Spardose schnell weg, hier nicht“, erklärt Frau Schwarz. „Jede Woche wird der Inhalt geleert, das heißt er wird von zwei Kassierern erst auf eine Sparkarte und eine zweite Liste eingetragen, ehe er dann Anfang Dezember ausgezahlt wird. Und dann heißt’s: ‚Och wie schön‘, wenn es doch mehr drin ist, als erwartet!“ Aber beim derzeitigen Zinsniveau kann man kaum noch ein Fest feiern, wie früher oft praktiziert. So ist Frau Schwarz skeptisch, ob es solche Clubs in Deutschland noch lange geben wird.

Wie beliebt der „Storch“ ist, zeigte sich am 1. Oktober: 250 – 300 Gäste, Nachbarn und Stammgäste, feierten ab 17 Uhr ein Fest im Hinterhof. Hannelore Schwarz hat hier schon oft gefeiert. Aber dieses war wohl das letzte Mal in dieser Größenordnung: „Das wird mir langsam zu mühsam“. Wenn sie denn eines Tages doch aufhören sollte, wird sie „Flohmarkt“ aus all den Einrichtungsgegenständen machen, kündigt sie an. Ich hoffe, das wird nicht so schnell der Fall sein, damit ich noch einige Geschichten nachtragen kann, ehe sie verloren gehen. Wie die Präsenz von Moritz, der in diesen Herbsttagen eine eigentümliche Stille hinterlassen hat, die durch den stündlichen Schlag der Wanduhr in der Melodie des „Big Ben“ emotional nur unzureichend unterbrochen wird (wenngleich es einen London liebenden Gast gibt, der vor allem deshalb zu kommen vorgibt). Oder die Blumenkübel mit indischem Blumenrohr vor der Tür, die 1,50 m hoch werden und orange blühen. Im Herbst kommen die Wurzelstöcke in einem gelben Sack zum Überwintern in den Keller – seit 40 Jahren.

Und die Geschichte der Bank mit der Plastikdecke vor der Tür – ausgerechnet nach diesem auffälligen und im Sommer gerne genutzten Utensil habe ich bislang zu fragen vergessen.

Zum Storch_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

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Bei der Lektüre des Textes hat sich Hannelore Schwarz bei manchen Passagen gut amüsiert, leider waren diese aber auf ihren Wunsch zu streichen, zum Beispiel die Kennzeichnung einiger Leute als „betagt“, obwohl sie doch gerade um die 70 sind, oder dass ich glaubte, man würde Eierlikör kochen. Die Bank jedenfalls ist gut 25 Jahre alt, stand aber immer im Hof, als sie dort noch mit den heute 24-, 26- und 27-jährigen Enkelchen spielte. Als man sie dort nicht mehr brauchte, kam sie auf die Idee, sie vor das Lokal zu stellen, wo sie jetzt von Rauchern oder auch Leuten, die auf den Bus warten, gerne genutzt wird.

Nachtrag vom 13.12.2016: Seit einigen Wochen steht wieder ein Vogelkäfig im Fenster, statt Moritz sitzt dort jetzt Kanarienvogel „Olli“. Und das kam so: Der Vogel einer (anderen) Oma einer Enkelin von Frau Schwarz war gestorben. Die demenzkranke Dame sagte der Enkelin, sie hätte gerne einen neuen Vogel, aber jetzt gerne in gelb. Gesagt, getan: Die Enkelin kaufte ihr einen solchen. doch als sie ihn ihr vorbeibrachte, sagte sie: „Was soll ich mit dem Vogel?“. Da sie ihn tatsächlich nicht wollte, bekam er hier Asyl. „Ich hab ja die Ecke frei“, erklärte Hannelore Schwarz.

Adresse: Talstr. 67, 66119 Saarbrücken, Tel.: 0681-54177

Verwendete Quellen: Wikipedia-Artikel Graupapagei, Heinz Rox Schultz und Indisches Blumenrohr

Weitere Texte zum Storch: Hanser, Peter: Im Storchen kennt jeder jeden, Allgemeine Hotel- und Gastronomiezeitung, 2010/33 vom 14.08.2010; Rolshausen, Martin: Hannelore Schwarz ist seit 40 Jahren Wirtin der Gaststätte „Zum Storch“, Saarbrücker Zeitung 29.09.2015

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From → Cafés, SaarLorLux

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  1. Schnupperschießen beim Jule_Saarbrücken | akihart

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