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Mobile Händler: Divieto di parcchegio

September 11, 2015

Natürlich waren wir letzten Sommer in Rom auch nur Touristen wie Tausend andere. Daher muss sich unsere, von der Kürze unseres Aufenthaltes geprägte Perspektive von derjenigen der Stadtoberen rund um Bürgermeister Ignazio Marino unterscheiden. Aus deren Sicht verschandeln die Wagen mobiler Händler den Blick auf die bedeutendsten Bauten der „ewigen Stadt“. Wie die dpa am 9. Juli berichtete, sollen sie daher von ihren exklusiven Standorten vertrieben werden, um den antiken Bauten ihren Glanz zurück zu geben. Wenngleich diese Maßnahme Teil einer sehr langfristigen Vision zu sein scheint, empfinde ich sie als Verlust.

Dieser jüngsten Verordnung vorausgegangen war die Sperrung der Via dei Fori Imperiali am Kolosseum 2013 und das schon 2012 erlassene Verbot, hier zu picknicken – zwei Maßnahmen, die angesichts von Lärm, Abgasen und Müll nachvollziehbar sind. Die wenigen mobilen Verkaufsstände aber, die hier und an anderen vergleichbaren Orten standen, hatten nicht nur einen wichtigen praktischen Nutzen, sondern betonten in ihrer grellen Gegenwärtigkeit in nicht unangenehmer Weise das Alter und die Würde des alten Gesteins. Vielleicht ist mein Empfinden von der eigenartigen Faszination geprägt, die von einem gelben Wagen am Kolosseum ausging, als wir am ersten Abend den Platz erreichten. Wir hatten uns dem weiten historischen Areal einen Hügel hinablaufend genähert und traten, überwältigt vom Anblick des riesigen Theaterbaus, an die Brüstung einer Treppe. Direkt unter uns stand einer dieser bunten, überladenen Verkaufsstände, an denen man von Kaltgetränken und Eis über Espresso und warmen Paninis bis hin zu kitschigen Souvenirs alles kriegt, was ansonsten in der Nähe der wichtigsten antiken Sehenswürdigkeiten nicht zu bekommen ist.

Mobile Händler in Rom: Divieto di parcchegio © Ekkehart Schmidt

Mobile Händler in Rom: Divieto di parcchegio © Ekkehart Schmidt

Nachvollziehbar ist sicherlich, dass die Stadt mobilen Straßenhändlern – ob von einem Stand auf vier Rädern oder einem Tuch aus verkaufend – im historischen Zentrum bzw. an Touristenattraktionen den Kampf ansagt. Laut dpa gehören die Verkäufer vor dem Kolosseum, am Forum Romanum oder an der Spanischen Treppe seit Jahren zum Stadtbild von Rom – „zum Leidwesen vieler Tourismusmanager und Stadtoberen“, wie es heißt. Sie würden die Wagen als eine „Verschandelung“ des Stadtkerns ansehen. Außerdem würden die meisten der Händler illegal handeln und gefälschte und vollkommen überteuerte Waren anbieten. Zudem verdiene an dem Geschäft die Mafia gut mit.

Neben den Wagen müssen nun auch die vielen Händler, die Selfiesticks, Papsttassen und anderen Kitsch verkaufen, ihren Platz räumen. Zahlreiche Polizisten kontrollieren das Stadtzentrum. Bürgermeister Ignazio Marino hatte verkündet, Rom den „Glanz“ wiederzugeben, der der Stadt gebühre. Nicht nachvollziehbar wäre es jedoch, wenn beispielsweise auch diese beiden Wagen im Park der Villa Borghese oberhalb der Piazza del Popolo verboten würden. Schließlich gibt es hier ebenso wenig wie am Kolosseum andere Möglichkeiten, sich in der Sommerhitze eine Flasche Waser zu kaufen oder den Blick bei einem genüsslich  verzehrten Eis zu genießen.

Mobile Händler in Rom: Divieto di parcchegio © Ekkehart Schmidt

Mobile Händler in Rom: Divieto di parcchegio © Ekkehart Schmidt

Das ehrgeizige Ziel des Bürgermeisters,  eine generelle Verkehrsberuhigung der Innenstadt durchzusetzen, kann man nachvollziehen. Warum aber die ambulanten und meist schön gestalteten Wagen, die sich auch auf kleineren Plätzen fernab der Ruinen des antiken Roms finden, störend sein sollen, ist kaum nachvollziehbar.

Mobile Händler in Rom: Divieto di parcchegio © Ekkehart Schmidt

Mobile Händler in Rom: Divieto di parcchegio © Ekkehart Schmidt

Mobile Händler in Rom: Divieto di parcchegio © Ekkehart Schmidt

Hinter dieser Maßnahme verbirgt sich vielleicht eher der Wunsch nach Ordnung und Überschaubarkeit. Oder befriedigt die Beschwerden alteingesessener Inhaber von Läden und Restaurants. Doch geht dies zu Lasten berechtigter Interessen von Touristen, die immerhin viel Geld in die Stadt bringen. Souvenirkitschverkäufer sollte man tatsächlich an andere Orte verdrängen, aber keine Getränkeverkäufer.

Auch am Eiffelturm in Paris steht ein einzelner solcher Wagen und erfüllt seinen nützlichen Zweck: Schließlich gibt es dort – wie am Kolosseum – weit und breit keine Einkaufsmöglichkeit. Ähnliches gilt für die mobilen Eisverkäufer in Deutschland, egal ob sie über die Dörfer fahren oder städtische Spielplätze abklappern. Andere ambulante Händler kommen hierzulande nicht gegen die Genehmigungsbürokratie an, sonst stünde vor dem Reichstag oder dem Brandenburger Tor längst ein solcher Wagen. In Kiew leben die Betreiber mobiler Cafés davon, eine sonst nur in unbezahlbar teuren Cafés zu befriedigende Nachfrage preiswert zu decken. Das gilt auch für die Überlebensökonomie in Metropolen des Südens, von Kairo über Hongkong bis Manila.

Mobile Händler in Rom: Divieto di parcchegio © Ekkehart Schmidt

From → Cafés

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