Skip to content

Verblasste Relikte der Nazi-Zeit

September 2, 2015

Luftschutzpfeile in Saarbrücken: eine Bestandsaufnahme

(Ursprungsfassung für die Saarbrücker Zeitung vom 03.09.15; Die Recherche mit allen Fotos lässt sich hier nachlesen)

Wenn sich solche Frage erst einmal stellen, kann die Suche nach Antworten fast schon Suchtcharakter annehmen: Jeder neu entdeckte weiße Pfeil, ob noch frisch wirkend oder verblasst, gibt dann einen Kick, weiter zu suchen. Was sind das für Pfeile im öffentlichen Raum, die runter zu Kellerfenstern weisen? Warum finden sich an den Fassaden gründerzeitlicher Häuser der Rosen- oder Lessingstraße so viele, nicht aber im zeitgleich entstandenen Nauwieser Viertel? Warum gibt es sie in Brebach, nicht aber in Burbach? Man muss diesen Fragen natürlich nicht nachgehen. Aber da offenbar noch niemand eine solche Bestandsaufname gemacht hatte, wurde bei mir ein gewisser Entdeckerdrang geweckt, der in Kombination mit einem ausgeprägten Sammeltrieb seit Mai dazu führte, dass erst Ruhe einkehrte, als jede Saarbrücker Straße mit Altbausubstanz per Rad abgefahren war, um alle noch sichtbaren Hinweise auf Luftschutzkeller zu finden. Bislang gelang es, 57 zu dokumentieren, von denen etwa die Hälfte mehr oder weniger stark verblichen oder (fast) spurlos abgekratzt worden sind. Während des zweiten Weltkriegs wird es wohl viele Hunderte, vielleicht Tausende gegeben haben.

Pfeile zu Schutzräumen_Saarbrücken © Ekkehart Schmidt

Bereits in den 1930er Jahren war die Bevölkerung Deutschlands für das Thema Luftschutz sensibilisiert worden. Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 war der Reichsluftschutzbund gegründet worden. Man hat sich zunächst um die Ausgestaltung von Richtlinien für den Bau von Schutzräumen gekümmert. Dieses führte vor 80 Jahren, am 26. Juni 1935, zum Luftschutzgesetz. 1937 wurde verfügt, dass bei Neubauten „gas-, trümmer- und splittersichere Luftschutzräume in endgültiger Bauweise“ eingebaut werden mussten. Nach der Eingliederung des Saarlandes galt dies auch hierzulande. Für bestehende Altbauten galt dies nicht in gleicher Form. Es wurde aber verlangt, dass dort behelfsmäßige Luftschutzräume einzurichten waren. Solche Kellerräume mussten an der Fassade der Bauten mit weißen Pfeilen gekennzeichnet werden. Damit sollte nach einem Bombenschaden am Haus den Rettungskräften die Suche nach Verschütteten erleichtert werden. Das erinnert an ein Graffiti aus den 1980er-Jahren an einem Hochbunker in Berlin: „Wer Bunker baut wirft Bomben“.

Es fällt schwer, sich 70 Jahre nach Kriegsende die damalige Situation in Saarbrücken vorzustellen. Angesichts der funktionslos gewordenen Pfeile, die neben wenigen verbliebenen Ruinengrundstücken zu den einzigen Originalzeugnissen des zweiten Weltkriegs zählen, werden bei über 80jährigen Bürgern im Alter von über 75 Jahren zwiespältige Gefühle empfinden: Einerseits vermittelten sie Hoffnung auf Schutz, andererseits erinnerten sie täglich an die bedrohliche Situation möglicher Bombenangriffe. Saarbrücken erlitt, abgesehen von Artilleriebeschuss und Jagdbomberattacken, nach Angaben in Wikipedia von 1939 bis 1945 insgesamt 30 Bombenangriffe der Alliierten Luftstreitkräfte. Der erste fand in der Nacht des 29./30. Juli 1942 statt. Im Verlauf des Krieges wurde der Raum zwischen Hauptbahnhof und Johanniskirche sowie Alt-Saarbrücken durch Bombenangriffe der britischen und amerikanischen Luftstreitkräfte nahezu vollständig zerstört. Der schwerste Angriff fand in der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober 1944 statt, als 325 britische Bomber über 350.000 Brandbomben abwarfen. Dabei starben 361 Menschen, 45.000 wurden obdachlos. Die letzten Luftangriffe erfolgten am 13. Januar 1945.

Verbliebene Luftschutzpfeile scheint es – bis auf zwei isolierte Ausnahmen – nur noch in Brebach, an der Johanniskirche sowie im Ostviertel zu geben, d.h. im gründerzeitlichen Quartier zwischen Landwehrplatz, Großherzog-Friedrich-Straße, Heinrich-Böcking-Straße und Mainzer Straße. Es gibt sie weder in der City, noch im Mühlenviertel und am St. Johanner Markt, auch nicht auf dem Rodenhof, in Burbach, auf dem Rastpfuhl oder in Fechingen. Und auch in Alt-Saarbrücken, St. Arnual und anderen Stadtteilen links der Saar sucht man vergeblich nach ihnen, obwohl es sie mit ziemlicher Sicherheit auch dort gab: Entweder wurden große Teile der Bausubstanz zerstört oder man hat später die Fassaden erneuert und dabei – in der Hoffnung, es möge hier nie wieder Krieg geben – auch diese Relikte der Nazizeit beseitigt. Dies gilt wohl vor allem für den Triller, Rotenbühl und den Homburg, wo sich keine Pfeile finden, obwohl es dort – abgesehen von den Felskellern der ehemaligen Neufang-Brauerei (heute Kufa) – keine öffentlich zugänglichen Zivilschutzeinrichtungen gab. Oder hat man dort diese Form der Kriegsvorbereitung boykottiert? Der Bau von rund 70 Hochbunkern oder Kellern im Felsgestein scheint die Anwohner von Vierteln wie Malstatt, Burbach und Wackenberg, weiten Teilen des Nauwieser Viertels, der Umgebung der Talstraße, der Feldmannstraße, der Julius-Kiefer-Straße, der Metzer Straße oder der Brebacher Landstraße von der Pflicht befreit zu haben, private Luftschutzkeller einrichten zu müssen. Ob die Westwallbunker zwischen der Hohen Wacht und der Bellevue öffentlich zugänglich waren, wäre noch zu recherchieren. Jedenfalls gibt es hier überall noch Luftschutzkeller, aber keine Pfeile mehr.

Im Ostviertel finden sich allein sieben gut erhaltene Pfeile in der im Laufe der 1880er- bis 90er-Jahre mit Häusern des Mittelschicht-Bürgertums bebauten Rosenstraße, wo klar wird, dass sie nicht zu etwaigen Eingängen zeigen (für die musste man wohl ins Treppenhaus gehen). Die Kellerfenster sind viel zu klein, um einzusteigen. Dicht beieinander finden sich auch sechs Exemplare in der – mit ihren schönen Vorgärten –  idyllischen Lessingstraße mit Beamtenhäusern der 1930er-Jahre. In der Paul-Marien-Straße finden sich vier, meist extrem verblichene Pfeile. Hier braucht man schon ein Auge dafür, hinter einer Ansammlung „irgendwelcher Graffitis“ einen Pfeil zu erkennen. Bei einzelnen Pfeilen in der Graf Johann Straße, der Mainzer Straße oder der Heinrich Böcking Straße zeigt sich aber auch, dass sie sich fast nur an Mauern aus Sand- oder Backstein erhalten haben, also an Wänden, die normalerweise nicht neu gestrichen werden. Aber man muss auch dort schon sehr genau hinschauen. Die meisten wird man als unwissender Passant kaum wahrnehmen, selbst bei Betrachtung zweier, eigentlich unübersehbarer, schön erhaltener Beispiele mit gegabelter Pfeilspitze, die sich an der alten Feuerwache finden. Wirklich gesehen werden sie wohl nicht. Das einzige Gebäude, an dem sich neben einem arg verblichenen vertikalen Pfeil auch ein nicht für Rettungskräfte, sondern Bürger gedachter horizontaler Pfeil in den Hof findet, dazu die Buchstaben „SR“ (für Schutzraum), ist Nr. 61 der Großherzog Friedrich Straße. Mit acht Pfeilen an architektonisch aufwändigen Mietshäusern des wohlhabenden Bürgertums der Gründerzeit ist diese Straße im Übrigen diejenige mit den meisten Luftschutzspuren der Stadt.

Für die zehn Pfeile in Brebach sind andere Schablonen benutzt worden: Ihre Form erinnert  an Fliegerbomben. Zudem wurden die meisten oben mit einem Kasten ergänzt, in den ein Kreuz eingetragen wurde, aus dem wohl die genaue Lage des betreffenden Luftschutzraums hervorgehen sollte. In der Zwergstraße findet sich noch die Markierung „LSR“. Die einzigen Funde außerhalb dieser beiden Räume sind eine weiße Spur über einer Metalltür hinter der Christ König Kirche sowie ein Pfeil in Güdingen. Wurde oben behauptet, jede Straße überprüft zu haben? Das stimmt nicht ganz: Leser/innen aus Schafbrücke, Gersweiler, Matzenberg und der Neuhauser Str. am Fischbach wäre ich sehr dankbar, wenn sie mal kurz um den Block gehen könnten.

Kontakt: akihart@gmx.de

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: