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The battle of Karli vs. Maggi & Co.

August 28, 2015

Als nur kurzzeitig aktiver Old-School-Graffitisprayer aus der Mitte der 1980er-Jahren, der noch den damaligen Ehrenkodex verinnerlicht hat, dass man nur mit einem eindeutig „besseren“ Graffiti ein anderes, amateurhaftes, übersprayen darf, empfand ich es am 4. Juli als krass-aggressiven Akt, ein gutes, jedenfalls ungewöhnliches, figürliches Graffiti des Künstlers Alexander Karle („Karli„) an der seit 2002 legalisierten 450 m langen Graffitiwand „Hall of Fame“ oder auch „4560“ gegenüber des Staden in Saarbrücken kurz nach dessen Entstehung Mitte Juni mit einem Piece übersprüht zu sehen, das – abgesehen von der Farbe – doch wenig originell war. „Maggi“ stand da jetzt über dem Karli-Kopf, dem sich eben noch vor lauter Autobahngedröhn wenige Meter drüber alles um den Kopf drehte. OK, „Maggi“ ist als Wort ganz witzig. Aber ich fragte mich natürlich, ob der Autor damit Karli persönlich attackieren wollte.

Zufällig begegnete uns dieser kurz darauf. Wir waren dieser hitzigen Tage oft hier an der Anlegestelle des Ruderclubs Saar, um uns im Fluss schwimmend abzukühlen. Karli war mit einer Leiter und einem Rucksack voller Spraydosen per Saarbahn aus Malstatt herbei gefahren, um an seinem Kopf weiter zu arbeiten, erlebte aber eine unangenehme Überraschung, die er erstaunlich locker wegsteckte. Auf meine Frage bezüglich Ehrenkodex meinte er gelassen, dass ihn vor allem störe, dass die Fläche (also das „Backgrounding“) vorher nicht geweißt wurde und da wohl mal wieder einer dieser „Styles“ erprobenden jungen Typen unterwegs gewesen sein müsse. Manche würden dann auch ihre leeren Spraydosen einfach stehen lassen, was ein echtes Problem sei. OK .., er würde im Übrigen seine Graffitis auch nie dokumentieren, es gehe ihm zur zeit mangels Atelier darum, in der Übung an großflächigen Arbeiten zu bleiben. Er machte sich dann dran, seinen Namen groß und bunt drüber zu sprayen (Foto vom 7. Juli) und kam dann am 21. Juli zurück, um mit breitem Pinsel einen braunen Hintergrund zu streichen und Männchen davor zu sprayen, die ich von ihm als typisch kenne:

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Am 29. Juli war wieder alles übersprüht, mit einem aus meiner Sicht eindeutig gegen den Ehrenkodex verstoßenden phantasielosen Piece:

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Am 8. August fand sich dort vormittags ein neues Piece „SAAR“ in Pink, das noch am gleichen Abend neu übersprayt wurde, diesmal sogar das Karli-Kreiselmännchen links bedeckend. Dummerweise habe ich das nicht schnell genug fotografiert. Das scheint – dem Stil nach zu urteilen – auch nicht mehr „Maggi“ zu sein (mit dem Karli im Übrigen gesprochen hat, auch um diesen kleinen battle zu klären bzw. zu bereinigen):

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Am 18. August entdecke ich wieder eine neue weiße Grundierung mit begonnenem Graffiti, daneben ein neuer Karli-Mann. Heute sah das dann so aus:

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Vier Tage später, am 1. September, müssen sich hier zwei unterschiedliche Leute ausgetobt haben: Einer mit einem grünen Piece, einer mit einem bösen „Crossing over“, also einer Veralberung des Kopfes in Rot, der gerade erst mit blauen Sprayschwüngen so ergänzt worden ist, dass ich die Idee des allerersten Kopfes wieder erkannt habe.

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Es geht sicher weiter, ich bleibe aufmerksam dabei, solange das interessant bleibt. Ein echtes „battle“ ist das hier jedenfalls nicht: Kein kreativer Wettbewerb zweier Sprayer, in dem es darum geht, wer besser ist. Den Old-School-Ehrenkodex gibt es durchaus noch, wie mir eine Gruppe Sprayer im Gespräch sagte. Aber an der einzigen legalen Graffitiwand des Saarlandes, die zugleich die größte legale Sprühfläche Deutschlands ist, wurde diesen Sommer ungewöhnlich viel gesprayt. Mit der Dominanz der unfigürlichen und aussagelosen „Styles“, bei denen die Schrift meist so weit entfunktionalisiert ist, dass Buchstabenformen zwar noch grafisch erkennbar, aber nicht mehr lesbar sind, scheint bei den hiesigen „Writern“ eine gewisse Verrohung eingetreten zu sein. Finde ich zumindest, weil nur noch zwei Heilige sankrosankt sind.

Mal sehen, ob Karli bei so viel Intoleranz nicht die Motivation verliert und doch noch einmal reagiert. Von seinen drei anderen Werken an der Wand hat ein Regenwurmknäuel überlebt, nicht aber die Verquirlung bunter Herzen. Schon im Juli 2014 hatte er ein anderes Werk begonnen, das kurz drauf ebenfalls übersprayt wurde, worauf er nicht reagierte. Er hat jetzt aber ein neues Atelier gefunden und wird wieder auf Leinwand malen. Insofern nehme ich an, dass das Sprayen eine Episode bleiben wird. Er sieht übrigens nicht so gesichtslos aus wie seine Männchen, die er auch andernorts gesprayt hat: Sein Rauschebart und die Augen dahinter sind sehr auffällig, hier schön fotografiert von Kai Forst.

Es geht tatsächlich weiter, wie ich Anfang Oktober feststellte: Allerdings hat Karli hier nicht zurück gesprayt, stattdessen üben hier Amateure. Jetzt sogar um’s Eck.

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Etwa am 8. November hat sich hier „Posh“ ausgetobt und dabei auch den bislang unbehelligt gebliebenen  Regenwürmern von Karli auf der anderen Seite des Durchgangs eine witzige Figur zur Seite gestellt. Immerhin mal etwas Gegenständliches.

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The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

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Im Winter war hier verständlicherweise eine längere Zeit Ruhe, benötigt ein solch großflächiges Graffiti doch schon ein paar Stunden Arbeit. Am 9. Januar 2016 war dann aber doch wieder jemand aktiv: Endlich mal etwas ansprechendes, wie ich finde. Zwar ein wenig Schülerinnen-Kitsch, was in Kombination mit einer giftgrün-düsteren Eckfigur aber das Auge erfreut. Jedenfalls für die paar Wochen, die das überleben wird:

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Karli allerdings hatte lange wohl Besseres zu tun, als sich hier noch einmal einzubringen. Doch kein „battle“ also. OK. Im Februar 2015 sah die Ecke übrigens so aus:

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Die Intervention von Karli rechts des Tunnels schien also nur eine kurze Episode in der Geschichte dieser Sprayer-Übungsfläche. Die Regenwurm-Verquirlung links stammt jedoch auch von ihm. Und sie hat bis heute überlebt. Aber das ist eine andere Geschichte. Wie auch diejenige vom Schweinerüssel-Mann, der 2014 entstand.

Hey! Am 4. März 2016 traf ich Karli vor der Stadtbücherei. Er sagte, er habe am Staden doch wieder ein Bild gemalt. Das erste Mal seit Juli 2015. Ich bin gleich  hin, fand es sofort und cool. Der eigene Stil wurde weiter abstrahiert, dazu auch schön ins Efeu eingefügt:

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Naja, etwas sehr geltungsbedürftig scheint er ja zu sein, wenn er seinen Namen unübersehbar neben das monatealte „Fuck Merkel“ auf den Fahrradweg pinselt. Vielleicht der Einfluss von ANC, dessen monströs riesige Tags möglicherweise den Sinn für die richtige Dimension zu verzerren begonnen haben. Die eigentliche Signatur ist aber wieder sehr originell in zwei Farben übereinander. Die Botschaft ist aber eigentlich auch nur wieder neu reduziert worden auf: „Ich“ oder „Ich bin“ oder „Ich bin da“, cool-gelassen die Hände in den Hosen. Ohne Bart.

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Neben seinem Bild grüßt er andere Künstler am Staden: Neben ANC auch RAKS und Cone. Aber das sind wohl nicht diejenigen, die sein Ursprungsbild übersprayt haben. Kein Battle also. Das Fiora-Piece wurde ja auch akzeptiert, Karli wich auf den Raum daneben aus.

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Am 19. März habe ich bei einem Laufrad-Ausflug mit meinem Sohn entdeckt, dass Karli jüngst noch ein Bild, gute 150 m weiter links an die Wand gemalt hat. Eine Art Drip-Painting, wie bei einer Ausstellung in der Galerie Neuheisl schon gezeigt. Sieht einfach aus, war aber sicher schwierig umzusetzen:

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Am 10. April, als hier auch Cone the Weird mal wieder malte, war das Drip-Painting schon wieder übersprayt. Zugleich fand sich an der alten Stelle wieder ein neuer Karli, erneut im Efeu. Leider habe ich verpasst, ob das vorherige Bild in den vergangenen Tagen übersprayt worden ist, oder ob es Karli selber war. Seinen grünen Namen auf dem Radweg hat er weiß überschrieben: zwecks ausstreichen des Pinsels nach Beendigung der Grundierung.

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Ein poetisches Thema, mit mysteriösem Fähnlein in der Hand. Die Hand nebenan, ebenfalls nach Ostern von einem anderen Künstler gemalt, gefiel mir besser. Originell sind beide. Und stehen in guter Nachbarschaft. „Standen“ muss ich am 2. Mai korrigieren, weil beide übersprayt worden sind. Im Falle von Karlis Bild hat jemand nur die Figur übermalt, während er die silberne Fläche neu genutzt hat:

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Um die Hand ist es sehr schade. wieder wird etwas künstlerisch wertvolles durch eine phantasiefreie Übung in styles ersetzt:

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Einen guten Monat später hat Karli am anderen Ende der Staden-Wand wieder gemalt: Eine Begegnung zweier Schnecken (oder was stellt das Wesen rechts dar?).

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Nachtrag vom 29. Januar 2017: Satte zehn Monate hat Karli hier nicht mehr gesprayt, war offenbar anderweitig beschäftigt. Gestern entdeckte ich wieder eine Dreiergruppe seiner Männlein, gut 100 m weiter links der Ursprungsstelle, leider bereits per Edding verunstaltet (Hitlerbärtchen etc.). Ob sie da zu provozierend stehen, mit den Händen in den Hosentaschen? Aber als ich heute wieder hin bin, war er zwischenzeitlich erneut da gewesen und hat es unter anderem mit Silberfarbe korrigiert.

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Nachtrag vom 31. März 2017: Der Frühling treibt auch die Sprayer wieder an die frische Luft. So war auch Karli an alter Stelle wieder aktiv. Da wo er im April 2016 schon einmal ein Männlein auf einer silbernen Gebirgslandschaft ruhen ließ, hat er jetzt ein Boot fahren lassen. Die Figuren abstrahiert zu einer einzigen, kugeligen Form. Ob es noch nicht fertig war, als ich es bemerkte?

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Keine Woche später hatte schon ein Sprayer ohne Gefühl für eine etwas poetischere Ästhetik mit einem giftigen Tag zugeknallt. Erkennbar ist aber, dass Karli zwischendurch noch weiter daran gearbeitet hatte:

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Bis Ende Juni 2017 trat Karli hier dann nicht mehr in Erscheinung, aber ich hatte eine Begegnung mit zwei jungen Sprayerinnen, von denen eine andeutete, dass das Übersprayen seiner Arbeiten wohl auch mit seiner Person zu tun haben könnte – was ich mir so übersetze, dass er sich zuletzt nicht unbedingt Freunde gemacht hat durch seine Art, stark in die Öffentlichkeit zu streben.

Anfang Juli 2017 entstanden dann gleich zwei neue Werke: eins seiner typischen Männchen – diesmal allerdings kopflos – zentral an der Wand (am 17. Juli war es schon wieder übersprüht…), sowie ein Männchen neben einem Boot am hintersten Ende flussaufwärts, direkt neben einem ähnlich grossen Piece von Cone the Weird (hält sich noch).

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Aus den Grasstücken am Boden lösen sich einzelne Striche, die zu stilisierten Strichmännchen werden und sich zu merkwürdigen kopflastigen Figuren hin bewegen. Ich bin mir stilistisch nicht sicher, ob das dazu gehört – der gemeinsame graue Hintergrund legt es allerdings nahe.

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Ein Jahr nach Beginn dieser Doku wird es langsam Zeit, sie abzuschliessen. Durch die gründliche Weißung und anschließende Neubemalung der gesamten Wand Ende August 2017 wurde auch in Bezug auf das „Battle“ von Karli gegen Maggi und andere ein neues Kapitel aufgeschlagen. An der mit Efeu eingerahmten Stelle von Karlis letzten Aktivitäten prangt jetzt wieder ein Style-Dings.

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Dachte ich ernsthaft. Umso überraschender war eine weitere Übermalung, die ich am 29. September entdeckte:

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Zwei Tage später hatte Karli noch die Wand linkerhand bemalt. Etwas kryptisch wirkend: Und das vom Schwert silbrig runterfliessende Licht endet in einer halb vergrabenen Wasserflasche…

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Auch oder gerade wenn beide neuen Bilder am 19. Oktober schon wieder von anderen übersprüht wurden: Es geht an diesem Wandausschnitt zwischen Efeu doch immer weiter.

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

Verwendete Literatur: van Treeck, Bernhard: Writer Lexikon, Edition Aragon, Moers 1995

The battle of Karli vs. Maggi & Co. © Ekkehart Schmidt

4 Kommentare
  1. Kleiner Hinweis: Das Werk, das ich hier → https://bilderbuch01.wordpress.com/2014/07/27/graffiti-kunstler/ und hier → https://saargraffiti.wordpress.com/2014/07/25/graffiti-kunstler/ dokumentiert habe, entstand im Jahr 2014.

  2. Upps, Danke für den Hinweis! 😉

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  1. Die zwei Heiligen von 4560 | akihart

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