Skip to content

Restaurant de la Gare_Petit Réderching

August 25, 2015

Unsere Mittagspause hier letzte Woche werde ich sicher über Jahre nicht vergessen. Nicht, weil wir das aktuelle Stammgericht – Couscous – zwei Mal mit und einmal ohne Fleisch bestellt haben, aber zu einem mediokren Häuflein Couscous drei Merguez und mindestens ein halbes Kilo Fleisch bekamen (wovon wir uns Dreiviertel einpacken ließen, um es am nächsten Mittag auf einem Campingplatz zu essen), sondern wegen des Malheurs mit unserem Mietwagen, der sich plötzlich und hastenichgesehn bei laufendem Motor von innen selbst verriegelte, während wir noch den Nachhall der unvorsichtig zugeklappten Tür hörten. Der Schlüssel steckte am Lenkrad… Nach einer Stunde Fahrt drohte unser Kurzurlaub in Lothringen ein abruptes Ende zu finden… Aber irgendwie ahnte ich, dass Sylviane Vogel, die herzliche und fröhlich selbstsichere Wirtin des „Restaurant de la Gare“ uns aus der Patsche helfen würde.

Sylviane und ihr Mann Bernard sind beide deutschsprachig, also zweisprachig, wie so viele hier in der Grenznähe des  Bitcherlands und vielleicht ist ihr Nachname ein Hinweis auf die politisch schwierige, jedenfalls wechselhafte Geschichte der Ortschaft Petit-Réderching, die nicht immer französisch war. Das Dorf mit seinen 1500 Einwohnern liegt im lothringischen Départment Moselle. Die Region ist ein uraltes Siedlungsgebiet, wie mehrere gallo-romanische Villen bezeugen, deren Fundamente man auf dem Gebiet des heutigen Dorfes gefunden hat. Petit Rederching wurde 1575 als Riderchingen erwähnt, einem Namen, der auf einen (den?) Germanenführer namens Roderich oder auf die Tatsache der intensiven Rodung der Wälder der Region zurückgehen könnte. Später erhielt es das Beiwort Klein (bzw. Petit-), um es  vom Ort Gros-Réderching zu unterscheiden. Im Laufe der Jahrhunderte änderte sich der Name häufig, dabei auch den Wechsel politischer Zugehörigkeiten – deutsch oder französisch – widerspiegelnd: von Roedern und Klein Roedern über Riderchingen (1594), La petite Riderching (1751), Klein Rederchinen (1755), le petit Rédercing (1771), dann in der Epoche der Eroberung Lothringens durch das Deutsche Reich ab 1871 Kleinrederchingen und mit der Rückgliederung nach Frankreich ab 1918 Petit-Réderching, unter erneuter deutscher Besatzung 1940 Kleinredingen bis zuletzt wieder seit 1945 Petit-Réderching.

Für das 16. Jahrhundert sind Glasmacher bezeugt. In seiner Entwicklung profitierte das Dorf jedoch vor allem von zwei wichtigen Straßen, die hier vorbei führen: der „Ritterstraße“ und der „Königsstraße“ (Route Royale). 1869 wurde zudem die Eisenbahnstrecke fertiggestellt, die von Saargemünd über Bitche nach Straßburg führt. Im vom Dorf isolierten Vorort Meyerhof liegt der Bahnhof an der Fernverkehrsstraße. Hier entstand, wenn ich Sylviane richtig verstanden habe, schon 1888 eine Gaststätte, die seit 1948 unter dem heutigen Namen und als „Relais Routier“ firmiert, also als Fernfahrergaststätte. Dennoch ist sie zugleich auch Dorftreffpunkt, mit Stammtisch und Sparclub, sowie Raststätte für durchfahrende Urlauber wie uns.

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Wir kamen hier etwas angenervt vom Baby- und Kleinkindgequengel an, schauten uns nicht groß die von Bernard gebotene breite Speisekarte mit traditioneller Küche (inklusive Froschschenkel) an, sondern setzten uns, froh, dass wir nach 14 Uhr noch etwas bekommen würden, unter die Sonnenschirme und bestellten bei Sylviane ohne längeres Nachdenken das Stammgericht.

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

Mit vollem Bauch schauten wir uns hier im Meyerhof, einem Vorort von Petit-Réderching an der Kreuzung von Fernverkehrsstraße und Bahnlinie etwas um. 1869 ist hier die Eisenbahnlinie fertiggestellt worden und ich bin hier mindestens zwei mal durchgefahren. Der Bahnhof wirkte wohl schon damals etwas abgewrackt. Jetzt ist die Linie stillgelegt, das heißt: Bis Dezember 2011 verkehrten die Züge durchgehend bis Bitche. Wegen zu geringer Rentabilität und Oberbauschäden, wie es heißt, wird der Abschnitt Sarreguemines–Bitche seitdem durch Schienenersatzverkehrsbusse bedient (mehr dazu hier). Bis Bitche verkehren derzeit werktags sechs TER-Busse, was wohl wegen deutlich mehr Stopps durchaus positiv ist, wie Sylviane meint, aber dennoch für die Region eine starke Entwertung bedeutet. Zumal seit einigen Jahren eine Schnellstraße unter Umgehung all dieser kleinen Ortschaften von Saargemünd nach Bitche führt. Auch für ihr Lokal sind diese beiden Entwicklungen sicherlich existenzgefährdend.

Zurück zuhause fand ich online einige historische Fotos, die die Entwicklung der Gaststätte von der Wirtschaft Jacob Vogel über spätere Umbauten und schließlich dem Eigentümerwechsel und Neubau des heutigen Hauses unter dem ursprünglichen Namen „Restauration Friedrich Vogel“ dokumentieren. Später sind ein Anbau und die Terrasse dazu gekommen, so dass heute Platz für 70-80 Gäste besteht.

Photo018

banh-2

restaurantgare

Als ich jedenfalls nach dem Bezahlen zur Terrasse zurück kam, wurde mir das Mißgeschick mit dem Mietauto geschildert. Sylviane rief sofort Fabrice vom 100 m entfernten „Pneus Service“ an, der nach einer Viertelstunde auftauchte, die Türen inspizierte, feststellte, dass die Beifahrertür nicht ganz geschlossen, wenn auch eingerastet war, besorgte ein Tuch, zwei Klemmen und einen metallenen Bügelhalter, weitete mit den Klemmen unter Zuhilfenahme des Tuches den Spalt, knipste den Bügelhalter durch, bog ihn zu einer langen Stange und fummelte diese minutenlang durch den Spalt derart durch, dass der Kleiderbügel den Türgriff erreichte – Klack: Offen! Merci bien – oh, was waren wir dankbar! Und noch schöner: Ich war willens, 50 EUR zu zahlen, aber Fabrice waren schon 20 EUR fast zu viel – Freundschaftsdienst! Ich versprach, dies bei Gelegenheit jemand anderem in Not zurück zu geben und bat Sylviane, Fabrice beim nächsten Besuch einen Kaffee auszugeben.

Adresse: Restaurant de la Gare, Bernard Vogel, 6 rue de Strasbourg, 57410 Petit Rederching, Tel.: +33(0)3 87 09 81 09, restovogel@orange.fr., Kurzbeschreibung auf der Seite „Les Relais Routiers en ligne

Verwendete Quellen: Seite zum Ort: www.bitscherland.fr; Seite mit historischen Fotos: Petit Rederching. Meyerhof; Wikipedia-Artikel Bahnstrecke Haguenau-Falck-HargartenPetit Rederching;

Restaurant de la Gare_Petit Rederching © Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Reisen, SaarLorLux

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: