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Falschrum auf der „Godesburg“

August 18, 2015

Eine altbekannte Reise plötzlich in umgekehrter Richtung vom Ziel aus zu unternehmen, irritiert wohltuend und weitet den Blick. Aufgewachsen in Köln, sind wir in den 1970er-Jahren sehr oft ins Mittelrheintal gefahren, also zunächst nach Koblenz, um von dort aus die Burgen bis hoch nach Bingen abzuklappern, immer auf der Suche nach einer Ruine, in der man so richtig abenteuerlich nach geheimen Gängen und gefährlichen Zugängen zu halb verfallenen Türmen suchen konnte, von deren höchster Schießscharte man dann triumphierend hinunter zu den Eltern rufen konnte: Also nicht auf die Marksburg oder die Burg Stahleck, sondern eher auf die Burgen Ehren- und Rheinfels. Vor manchem Wochenende lagen wir Brüder ihnen auf den Ohren, bis sie sich breit schlagen ließen, einen neuen Ausflug zu unternehmen. Später haben wir Radtouren gemacht: Auch diese verliefen immer von Nord nach Süd. Weiter als bis zur Pfalz bei Kaub kamen wir von Köln aus allerdings selten. Weiter südlich, ausgangs der Schlucht bei Bingen, wurde es für uns langweilig. Hier gab es nur noch spießig-öde Orte wie Rüdesheim, in denen sich ältere Erwachsene betranken.

Vor einem Monat kam ich mit zwei Iranern von Mainz aus zum Rheintal und war darüber überrascht, dass sich dessen weltberühmtes Panorama auch von hier aus „richtig“ erschließen lässt. Nicht nur, dass sich der Rhein bei Mainz aus der Nordrichtung nach Westen wendet, um sich bei Bingen im Laufe von Jahrmillionen in das enge Durchbruchstal durch das Rheinische Schiefergebirge zu zwängen, das er erst bei Bonn wieder verlässt, als Verkehrsader zu Land und zu Wasser war das Felsental seit römischen Zeiten eben auch einer der wichtigsten europäischen Handelswege. Es wurden zahlreiche Burgen gebaut, um die Handelsstraße zu schützen, nicht ohne dafür auch eine Gegenleistung in barer Münze zu verlangen. In Bingen buchten wir eine Tour nach St. Goar auf einem Kreuzfahrtschiff der mir seit der Kindheit wohl bekannten Köln-Düsseldorfer Rheinschiffahrtsgesellschaft und fuhren den Rhein flussabwärts – in umgekehrter Richtung der seit Beginn des 19. Jahrhunderts „klassischen“ Tour für englische und französische Touristen.

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Der regelmässige Dampfschiff-Verkehr zwischen Köln und Mainz begann 1827, jährlich wurden über 30.000 Passagiere transportiert. 1853, mit Aufnahme der Linien der Köln-Düsseldorfer AG (KD), waren es bereits über 900.000.  Erst 1859 wurde die linksrheinische Zugverbindung fertig gestellt, Dampfschiffe. KD ist eine der ältesten durchgehend börsennotierten Aktiengesellschaften der Welt und verfügt heute über eine Flotte von zwölf Schiffen, die ganzjährig Linienfahrten auf Rhein und Mosel sowie Rundfahrten wie unsere auf der „Godesburg“ anbietet. Dieses Flusskreuzfahrtschiff ist seit 1994 auf dem Rhein in Betrieb und für 600 Fahrgäste zugelassen. Als Dreideck-Fahrgastschiff bietet es oben ein Freideck für 230 Personen, auf dem rund um die beiden Schornsteinattrappen ein Kinderspielplatz mit zwei Rutschbahnen angelegt wurde.

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Unten im geschlossenen Hauptdeck bietet die „Godesburg“ einen Salon, in dem sich vorne ein großer Speisesaal für 348 Fahrgäste befindet. Im Anschluss an die im hinteren Mittelschiff gelegene Eingangshalle liegt die Schiffsbar mit 34 Sitzplätzen.

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Einen schnellen Café aufs Deck zu bekommen, war nicht so einfach. Oben gab es nur Kaltgetränke und unten war nichts los, das heißt, wir hatten einen ägyptischen Kellner zu überzeugen, uns jetzt schon und nicht erst nach langem Bestellrundgang zwei Kännchen hoch zu bringen, was aufgrund des iranischen Stolzes meiner Begleiter einige iranisch-arabische Ressentiments zutage brachte, sich dann aber doch zum allseitigen Wohlbefinden in einem netten Gespräch auflöste. Oberkellner Khairy Radwan zeigte sich wiederum stolz auf seine drei Nationalitäten: Als zur britischen Kolonialzeit geborener Ägypter, der später in Deutschland eingebürgert wurde, brachte er diesbezüglich tatsächlich ein Kunststück zustande. In St.Goar angekommen entdeckten wir ein nettes Café für eine Rast, in der unser Kellner nicht zugleich 150 ungeduldige Gäste zu bedienen hatte, ehe es per Zug zurück nach Mainz ging.

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Nach meinem Examen an der Universität zu Köln hatte ich 1993 seitens der Wirtschaftsgeographen die Möglichkeit offeriert bekommen, zum Thema des Mittelrheins als Ursprungsraum des modernen Pauschaltourismus zu promovieren. Die Kölner Niederlassung von Thomas Cook wollte eine solche Studie zur Feier ihres anstehenden 150-jährigen Jubiläums unterstützen. Schon 1816 war ein erster englischer Dampfer in Köln eingetroffen, aber erst 1825 gelang es einem Dampfer, die starke Strömung des Mittelrheins zu überwinden. Nachdem 1827 erstmals ein regelmäßiger Dampfschiffahrts-Verkehr zwischen Köln und Mainz aufgenommen worden war, kam es zu einem gewaltigen Aufschwung des Rheintourismus. So bot auch Thomas Cook in den 1860er-Jahren für wohlhabende Engländer vorab organisierte Reisen per Zug und Schiff an. Nach ersten Reisen zu den Pyramiden nach Ägypten und zur Weltausstellung in Paris war das die Geburtsstunde des modernen Pauschaltourismus sowie letztlich auch des Massentourismus. Ich informierte mich, hatte ein erstes Gespräch, ließ das dann aber fallen. Heute kommen die meisten internationalen Touristen wohl nicht mehr von Norden, sondern vom Frankfurter Flughafen im Süden. Entsprechend wird die Rheintour heute im Süden begonnen. Auf der Godesburg war ich – abgesehen von einer Gruppe Behinderter, die von Wiesbaden aus ehrenamtlich begleitet wurden, fast der einzige Deutsche unter Dutzenden Amerikanern und Japanern.

Verwendete Quellen: Bock, Benedikt: Baedeker & Cook – Tourismus am Mittelrhein 1756 bis ca. 1914, Mainzer Studien zur Neueren Geschichte 26, Peter Lang Verlag, 2010; Kootz, Wolfgang/ Sauer, Willi/ Strauch, Ulrich: Rhein-Führer von Mainz bis Köln, Heidelberg 1991; Sattler, Alfred: Rheinpanoramen. Reisehifen und Souvenirs. Katalog zu der Ausstellung in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, 7. Mai – 24. Juli 1993; Wikipedia-Artikel Godesburg (Schiff), Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt und Thomas Cook;

Auf der „Godesburg“ © Ekkehart Schmidt

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