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Die Moschee „Zum Löwen“

August 1, 2015

In Zeiten, in denen in Deutschland Kirchen umgenutzt werden, also nach Schrumpfung oder Auflösung der Gemeinde entweiht und als Wohnhaus, Bürger- und Pflegezentrum oder – wie im Falle der Evangelischen Kirche in der Altstadt von Saarbrücken – als Räumlichkeit der Musikhochschule neu genutzt werden und zugleich wachsende muslimische Gemeinden aus finanziellen oder baurechtlichen Gründen große Schwierigkeiten haben, geeignete Räumlichkeiten für Moscheen zu finden, hat mich mein gestriger „Fund“ einer Umnutzung in umgekehrter Weise nicht wirklich überrascht. Oder sagen wir: Nur im ersten Moment. Zunächst faszinierte mich der architektonisch ungewöhnliche und durch seine Patina im Kontrast zu einer sich knallig präsentierenden heutigen Nutzung des vorderen Bereichs interessante Bau eines ehemaligen „Conzert-Saals“ hinter dem ebenso historischen „Restaurant Zum Löwen“ in der Ackerstraße im Saarbrücker Stadtteil Burbach. Ich bin einmal außen herum, um einige Fotos zu machen.

Die Moschee

Die Moschee

Die Moschee

Die Moschee

Die Moschee

Die Moschee

Auf der Rückseite des langgestreckten Gebäudes fielen schon sehr lange zugemauerte Fenster auf. Einen Anwohner, der gerade eines der schmuck sanierten kleinen Gebäude dahinter betrat, fragte ich, was es mit dem Gebäude auf sich hat. Er wisse es nicht, aber es würden hier in letzter Zeit viele Leute mit langen Gewändern herumlaufen, so das er sich denken würde, dass da jetzt eine Moschee drin sei. Die Aufkleber „Spende für Moschee“ am großen Portal an der Vorderfront hatte ich bereits wahr genommen und mir gedacht, dass man hier wohl eine Moschee einrichten möchte. Da hatte ich den großen hinteren Trakt jedoch noch nicht wahrgenommen und gedacht, dass man wieder einmal gezwungen zu sein scheint, irgendeinen ungenutzten Altbau oder ein Handwerkeratelier zu einer Moschee umzuwandeln. Prompt sah ich dann aber tatsächlich einen pakistanisch oder indonesisch wirkenden Herrn, wie ich kurz zuvor Fotos  des Baus machen. Jetzt war ich auf einer spannenden Spur und traute mich auch mit der Kamera näher heran an diese Vorderfront eines Lokals mit knallroter Fensterverkleidung eines sich mit dem Spruch „One for all, all for one“ offenbar gerne mafiös-gefährlich gebenden Clubs namens „La Familia“, jederzeit wütend sich nähernder Besucher gewahr, denen ich dann etwas von der faszinierenden Architektur hätte erzählen wollen.

Die Moschee

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„1909“ prangte oben über einem großen Portal die Jahreszahl des Baus. Der Sandstein des Portalbogens wies noch eine alte Eingangs-Beschriftung aus Tanzsaal-Zeiten auf, darunter die Aufkleber für Moscheespenden.

Die Moschee

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Ich betrat den Vorraum, huschte ins Treppenhaus und stieg hoch ins Innere eines halb leer stehenden Gebäudes, traf auf einen Bier trinkenden Mönch, neben einem Eingangsschild zum „Gebestraum“ (sic!), Treppenhaustoiletten, eine musizierende Porzellanfigur sowie einen im obersten Stock schlafenden mutmaßlichen Pakistani und schlich ängstlich und mit schlechtem Gewissen (Hausfriedensbruch?) wieder hinunter. Da sich noch immer niemand zeigte, ging ich in den Hof, fand eine Tür zum großen ehemaligen Conzert-Saal und schaute hinein.

Die Moschee

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Hinter der Tür blickte ich in den ehemaligen Tanzsaal, von dem ich später hörte, dass er in einer ersten Umnutzung jahrelang von einem Kino mit 350 Sitzplätzen genutzt worden war, und befand mich in einer Moschee. Ein Junge wies mich darauf hin, die Schuhe auszuziehen, nachdem ich mich kurz mit dem vorhin fotografierenden Herrn unterhalten hatte, meine Begeisterung über dieses historische Kleinod und die neue Umnutzung äußernd. Ich wurde sehr freundlich hinein gebeten, bekam erklärt, dass eine seit 2007 existierende muslimische Gemeinde mit pakistanischen Wurzeln vor zwei Monaten begonnen hat, den Raum als (sunnitische) Moschee zu nutzen, offen auch für Nicht-Pakistanis. Man zeigte sich stolz auf das Erreichte und ich stimmte zu, dass dies ein perfekter Raum für eine Moschee sei, sogar fast korrekt nach Mekka ausgerichtet. Ich fragte, ob ich fotografieren dürfe? Ja, natürlich.

Die Moschee

Die Moschee

Die Moschee

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Im hinteren Teil, an der ehemaligen Kinobühne mit den zugemauerten Fenstern, wurden bunte Lämpchen installiert und eine provisorische Gebetsecke eingerichtet. Das Nachmittagsgebet begann und ich zog mich zum eigentlichen Eingang zurück, nachdem mir ein Herr noch erläuterte, wie man sich die Sanierung und den Umbau vorstellt: Auf Dreiviertelhöhe des Saals soll eine Zwischendecke eingezogen werden, so dass oben ein Frauentrakt entstehen kann. Man wolle das Gebäude für die Kinder einrichten, auf dass sie in Kontakt zu ihrer Herkunftskultur bleiben. Es gebe etwa 200-300 Pakistanis in Saarbrücken.

Die Moschee

Die Moschee

Die Moschee

„Pak Dar El Hikma“ bedeutet wohl „Haus der Weisheit“. Verantwortlich für die Einrichtung dieser Moschee zeichnet also wohl der gleichnamige Verein, der am Burbacher Markt seinen Sitz hat. Die Mitglieder des sunnitisch ausgerichteten Vereins praktizieren ihren Glauben wohl auch mystisch/ sufisch, lese ich später in einer Publikation. Dort heißt es, dass neben Pakistanis vor allem paschtunische Afghanen und Araber die Moschee besuchen und man stolz darauf sei, „in zwei Kulturen aufgewachsen zu sein und diese friedensstiftend miteinander zu verbinden“.

Im Vorraum, den ich nun erreichte, fand sich noch das Kassenhäuschen des Kinos. Später hörte ich, dass das Gebäude in den 1960er- und 70er-Jahren vom Kino „Rex“ (neben dem „Metropol“ und dem „Volkshaus-Lichtspiele“) genutzt worden sei, dass manche sich mangels Geld irgendwie in den Vorführraum zu schmuggeln wussten, um von dort aus zu gucken, dass das Haus unter Denkmalschutz stehe und mindestens 15-20 Jahre leer stand, lediglich als Lager und vielleicht als Möbelhaus genutzt worden sei und dass es sich bei „La Familia“ um einen harmlosen Club junger Leute, Rocker und normale Bürger handele, also keinerlei italienischen Bezug aufweise.

Die Moschee

Zu den Hintergründen, warum in Burbach, wo schon zwei andere Moscheen bestehen, nun eine dritte entstanden ist, kann ich nichts sagen. Vielleicht ist es der spezifisch sufische Ansatz der Gottessuche, der anderswo nicht gelebt werden konnte. Der Ortsteil an der seit 1852 bestehenden Burbacher Hütte gilt als Kulminationspunkt des Strukturwandels nach der Stahlkrise, ist von hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen betroffen sowie ein Ort hoher Zuwanderung. Er gilt seit der Schließung der Hochöfen 1977 und des Stahlwerks 1988 (bis auf die Drahtzieherei) als sozial, ökonomisch und städtebaulich benachteiligt. Sollte hier durch die Moscheegemeinde also tatsächlich ernsthaft investiert werden und ein Ort neues Leben bekommen, der jahrzehntelang leer stand, kann das also nur als positiv betrachtet werden, wenngleich Abwehrreaktionen sicherlich nicht ausbleiben werden.

Nachtrag vom 3. Aril 2016: Bei meinem heutigen Besuch (ohne Kamera) war nichts mehr wie früher. Die äußere Fassade wurde wärmesaniert und hellgrün gestrichen, wobei die alten Schriftzüge erhalten blieben, bis auf das „Restaurant zum Löwen“, von dem nur das Wort „Löwen“ überlebt hat. Der Hof ist voller Schutt einer Baumaßnahme, die nun schon fast ein halbes Jahr andauert: Der Gebetsraum wurde komplett weiß gestrichen, die Holzbalken blieben erhalten (nach Absprache mit dem Amt für Denkmalschutz, wie mir eine Vorstandsmitglied des Vereins erklärte). Der rote Teppichboden wurde entfernte, wodurch die alten Dielen zum Vorschein kamen. Ein neuer, aus Pakistan gespendeter Teppichboden soll verlegt werden. An den Wänden hat man bis in 2 m Höhe große, schmucklose und kalte weiße Fliesen befestigt. Etwa 10 m vor der ehemaligen Bühne soll sich künftig der Gebetsraum befinden. Der große Rest der Halle soll für Veranstaltungen genutzt werden. Eine Zwischendecke will man später nur aus Energiespargründen einziehen, nicht etwa, um den Frauentrakt einzurichten. Das hatte ich mißverstanden: Im ersten Stock wurde für Frauen ein eigener etwa 35 qm großer Gebetsraum eingerichtet. Auch das Treppenhaus wird saniert. Im obersten Stock (Foto durch’s Fenster) wohnt der neue, junge Imam, den man aus Pakistan hat kommen lassen, weil man jemanden Junges möchte, der sich um die Jugend kümmert. Auch die Kinokasse wurde abgerissen. Schade. Aber insgesamt hatte ich ein gutes Gefühl, dass in Burbach investiert wird. Wenn das auch nicht jedem gefallen wird.

Nachtrag vom 28. Juni 2017: Am 26. Juni 2017 gab es eine Razzia im Haus, allerdings nicht der Moschee, sondern des Clubs von La Familia sowie weiteren Niederlassungen andernorts. La Familia wird nach Auffassung der Polizei durchaus als kriminelle Rockergruppe gesehen, der Drogenhandel und andere Vergehen vorgeworfen werden, wie die Saarbrücker Zeitung berichtete. Da habe ich sie wohl bei meinem Besuch unterschätzt.

Verwendete Quellen: gugg-emol.de/Burbach; kirchenschwinden.de; Ramesch e.V./ LHS Saarbrücken: Flyer „Islamische Gemeinden in Saarbrücken“, Saarbrücken 2016; Wikipedia-Artikel Burbach (Saarbrücken); Zimmermann, Mathias: Ab 8 stand Polizei vor der Tür, Saarbrücker Zeitung, 27.06.2017;

Die Moschee „Zum Löwen“ © Ekkehart Schmidt

3 Kommentare
  1. Zahid Mohammad permalink

    Wenn sie es sin der anschafung des Gebeude wissen wollen melden sie bei mir MFG zahid

    • Guten Tag, ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, das ich über das Haus geschrieben habe? MFG Ekkehart

Trackbacks & Pingbacks

  1. Restaurant Roland’s Eck_Saarbrücken | akihart

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