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Demütigend: Bei der Deutschen Botschaft Teheran

Juli 31, 2015

Die Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran bzw. dem früheren Kaiserreich haben eine sehr lange Geschichte. Seit 130 Jahren besitzt Deutschland auch eine diplomatische Vertretung in Iran. Bereits am 11. Juni 1873 wurde zwischen dem Deutschen Reich und dem damaligen Persien ein Freundschafts- und Schifffahrtsvertrag geschlossen, der auch die gegenseitige Einrichtung ständiger Vertretungen beinhaltete. Die erste deutsche Gesandtschaft am Hof Nasreddin Shahs wurde elf Jahre später, am 20. Oktober 1884, durch einen Gesandten in außerordentlicher Mission eingerichtet. Ferner existiert seit 1904 eine Residenz des Botschafters in Elahiye, im ruhigen und wohlhabenden Norden der Stadt, der Gebirgsfußoase Schemiran. Auf dem Gelände befand sich bis 1974 auch ein qadjarischer Palast, der wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. 1977 wurde dort ein Neubau fertig gestellt.

Dort oben, an den Hängen des Elbursgebirges, habe ich fünf Jahre meiner Kindheit verbracht. Die Kanzlei bzw. eigentliche Deutsche Botschaft, über die ich hier schreiben möchte, lag zwar tief unten in der Stadt, die Ende der 1960er-Jahre noch nicht über die damaligen Freiflächen hinaus gewachsen war, wodurch Schemiran noch den Charakter eines eigenständigen Ortes hatte, aber sie war mir ein Begriff: Mein Vater, der 1966-71 als Lektor an der Germanistikabteilung der vom Schah gegründeten Universität Daneschgah Melli arbeitete, hatte öfters dort oder im Goethe Institut nahebei zu tun. Wahrscheinlich bin ich auch ab und an dort gewesen, zumindest aber kamen wir auf dem Weg zum Großen Basar sehr oft an der Botschaft vorbei. Es ging dann immer die 14 km lange und vollständig von Pappeln gesäumte Khiabane Pahlevi (heute: Vali-e Asr) bergab und hinein in die Stadt, wo es dann an der die Stadt durchquerenden Ost-West-Achse Khiabane Reza Schah (heute: Khiabane Azadi) links abging. Auf der Homepage der Sefarat-e Alman, wie die Botschaft auf Persisch jedem Taxifahrer bekannt ist, finden sich historische Angaben:

„Das heutige Kanzleigrundstück im Herzen Teherans wurde zehn Jahre später (1894) vom Gesandten Graf von Wallwitz für das Deutsche Reich erworben. Es befindet sich neben der türkischen Botschaft, in der Nähe der Britischen, Russischen und Französischen Botschaften und der wichtigsten iranischen Regierungsgebäude. Die erste Grundbucheintragung erfolgte 1931, das zweigeschossige Gebäude wurde aber bereits 1884-1886 von einem europäischen Architekten errichtet. Nach dem Erwerb durch das Deutsche Reich wurde es mehrfach umgebaut und renoviert, bis es 1937 abgerissen und neu gebaut werden musste. Mitten im Zweiten Weltkrieg, 1941, wurden die Neubauten der Kanzleigebäude fertiggestellt und sogleich von der Kaiserlichen Iranischen Regierung beschlagnahmt. Die Schwedische Botschaft hielt in der Kanzlei Einzug, da Schweden im Krieg als Schutzmacht Deutschlands fungierte. 1949 wurde das Grundstück an die Amerikaner übergeben, die es bis zur Fertigstellung ihrer eigenen Botschaft 1953 nutzten. In diesem Jahr wurde die Beschlagnahmung aufgehoben. Das Eigentum an der Kanzlei konnte sich die Bundesrepublik Deutschland erst 1977 durch Umschreibung endgültig sichern.“

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Ich bin dort nach 1971 nur noch zwei Mal gewesen, 1992 und 2013. Beim ersten Mal, interessierte sie mich durch die stadtgeographische Brille, weil sich die Botschaft in einem historisch wichtigen Viertel aus der Gründerzeit Teherans befindet, als nördlich des „Großen Bazars“ eine moderne Neustadt errichtet wurde. Die Khiabane Ferdowsi, an der die Botschaft auf dem Grundstück mit den Hausnummern 320 – 324 liegt, ist eine von drei vom damaligen Meydane Sepah gabelförmig nach Norden laufenden Straßen mit modernen Geschäften und Regierungsgebäuden. Gegenüber der Botschaft liegt die staatliche Bank-e Melli. Beim letzten Besuch begleitete ich die Mutter meiner Lebensgefährtin bei der Visa-Antragsstellung und bekam einen Einblick darin, wie sich das anfühlt, als Nichtdeutsche/r hier Einlass zu bekommen, um ein Touristenvisum zu beantragen: Demütigend.
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
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Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Um ein Visum zu beantragen, hat man erst per Mail um einen Termin zu bitten, Unterlagen einzureichen und wochenlang auf eine Zusage zu warten. Dann steht man am früh morgens am Eingang Schlange und wird dann in mehreren Etappen stundenlang von einem Warteraum zum nächsten geschickt – in einer eigens auf der früheren Botschaftszufahrt eingerichteten hoch gesicherten Anlage.
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Im ersten Wartebereich hatte ich noch halbwegs gut lachen. Nach etwa 1,5 Stunden, in denen ich das Goethe-Zitat aus dem West-Östlichen Diwan nun wirklich auswendig drauf hatte und lange über die Beweggründe der Verantwortlichen reflektiert hatte, es hier so prominent zur Ansicht zu stellen,  kamen wir an den Schalter, um unser Anliegen vorzutragen.
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Dann ging es in den zweiten Wartebereich, ebenfalls unter freiem Himmel.
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt
Schließlich gelangten wir am frühen Nachmittag ins Allerheiligste, einem Raum mit mehreren Kabinen, in denen persischen Ortskräften mit guten Deutschkenntnissen das jeweilige Anliegen vorzutragen war. Nach insgesamt gut 7 Stunden Aufenthalt wurde die Auskunft erteilt, dass das Visum wohl erteilt werden würde, man sich jedoch noch einige Wochen gedulden solle, und es auf eine Aufforderung der Botschaft hin abholen kommen möge. Da die Mutter meiner Lebensgefährtin gut 1000 km von Teheran entfernt lebt, hatte sie jetzt erst wieder gute 14 Stunden per Zug zurück zu fahren und dann erneut die Strecke auf sich zu nehmen. Die Mitteilung kam übrigens an einem Montag: Man solle das Visum am kommenden Mittwoch gegen 7 Uhr 30 abholen. Es war also sofort der nächste Nachtzug zu buchen, der noch am gleichen Abend um 18 Uhr fuhr… Insgesamt dauerte dies drei Monate. Ein Jahr später wiederholte sie die Prozedur, diesmal nach einer Heirat in Deutschland, also war ein Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen. Insgesamt dauerte dieser Vorgang ein halbes Jahr, inklusive der Notwendigkeit, in Teheran einen Deutschkurs und eine Prüfung abzulegen, was vier Reisen von je 2000 km bedeutete.
Für mich, der ich in den 1980er- und 1990er-Jahren häufig wegen Reisen zum Beispiel nach Syrien, Jordanien, oder in den Iran langwierige Visaprozeduren auf mich zu nehmen hatte, ist völlig unverständlich, warum man nicht zumindest den Pass mit erteiltem Visa per Post schicken kann. So handhabte man das damals jedenfalls bei den Botschaften in Bonn und Berlin.

 

Webseite der Botschaft

Quelle: Deutsche Botschaft Teheran: Geschichte von Kanzlei und Residenz;

Deutsche Botschaft Teheran © Ekkehart Schmidt

4 Kommentare
  1. Die Botschaft des Iran in Bern hat die Visa für unsere erste Reise in den Iran speditiv und ohne Probleme erteilt. Selbstverständlich per Post! Schwer zu begreiffen, das ein europäisches Land im Iran so arbeitet wie das dukumentiert ist.

  2. Heze permalink

    Die Sitze sehen in Delhi genauso aus.

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