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Metrostationen in Kiew

Juli 13, 2015

Sie hat ein besonderes Flair. Natürlich sind die U-Bahnen in  London (1863), Budapest (1896), Berlin (1899) und Paris (1900) deutlich älter als die erst 1960 eröffnete Kiewer Metro. Erste Überlegungen zu ihrem Bau stellte der Stadtrat jedoch schon 1884 an, verschob die Konkretisierung allerdings mehrfach. 1941 waren die Pläne fertig gestellt, aber erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Vorarbeiten konkreter. Und immer noch dauerte es bis zur Eröffnung der ersten Linie zwischen den Haltepunkten Vokzalna und Dnipro, mit dem Maidan als zentraler Station (heutige rote Linie 1). 1976 eröffnete die zweite Linie, 1989 die dritte. Aber in Kiew unterirdisch Bahn zu fahren ist ein ganz besonderes, anderes Erlebnis. Heute ist das Streckennetz 70 km lang, verfügt über 52 Stationen und 122 Rolltreppenanlagen, über die täglich 1,5 Millionen Passagiere der ukrainischen Hauptstadt transportiert werden.

Nach Budapest, der ersten Metro auf dem europäischen Festland, entstanden in Moskau 1935 und Leningrad 1955 auch in Osteuropa erste U-Bahnen.  Bekannt ist Moskau vor allem durch seine sehr tief liegenden und prunkvoll ausgeschmückten Bahnhöfe. Stalin, der damalige sowjetische Führer, wollte die U-Bahnhöfe als „Paläste der Arbeiterklasse“ betrachtet sehen. Auch in Kiew unterscheiden sich die Stationen deutlich von denen in Westeuropa durch ihre großen oberirdischen Eingangshallen und die tiefen, ebenfalls voluminösen Hallen zwischen den Gleisen. Die technischen Grundlagen, die Fahrzeuge und sogar die Netzkonzeption sind in Osteuropa relativ einheitlich. In den meisten Städten von Tiflis über Baku bis Prag wurde ein so genanntes Sekantennetz mit drei Linien konzipiert.

Kiew Metro Streckenplan 2013_800

Ähnlich der Moskauer Metro und anderen Metrosystemen der ehemaligen Sowjetunion wurden in Kiew viele U-Bahn-Stationen als 3-Röhren-Stationen angelegt und liegen teilweise sehr tief unter der Erdoberfläche, da diesen auch eine Nebenfunktion als Schutzeinrichtung in Kriegszeiten zugewiesen wurde. Mit rund 105 Metern unter der Oberfläche gehört der Bahnhof Arsenalna (Арсенальна) zu den tiefstgelegenen der Welt. Daher sind diese Tunnelstationen mit ungewöhnlich langen Rolltreppen ausgestattet; die längste überbrückt zwischen Straßenniveau und Bahnsteig einen Höhenunterschied von rund 65 Metern. Lediglich die Stationen der roten Linie östlich des Dneprs und die am Westufer des Flusses liegende Haltestelle Dnipro (Дніпро) sind in Hochlage ausgeführt. Auch der Abstand zwischen einzelnen Stationen ist größer als in den westeuropäischen Netzen der gleichen Epoche, was die Durchschnittsgeschwindigkeit steigert, aber weiterhin Straßenbahn- oder Buslinien zur Feinerschließung der Viertel  erfordert.

Die ersten Stationen, die in den 1960er Jahren eröffnet wurden, sind mit aufwändiger architektonischer Ausgestaltung versehen, die Elemente des Nachkriegsstalinismus mit denen der traditionellen ukrainischen Kultur verband. Dies ist vor allem bei den im Zentrum liegenden Stationen der ältesten Linie (rote Linie, genannt Swjatoschinsko–Brovarska) der Fall. So sollten diese im Tunnel liegenden Stationen mit ihrer monumentalen Architektur und ihren Verzierungen den Stolz der Arbeiterklasse ausstrahlen und Aspekte der ukrainischen Kultur wiedergeben. Hier die Station Universität:

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Zu den schönsten Stationen gehört sicherlich Theatralna:

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Hier, wie an anderen Stationen, finden sich im Bereich der Passage sowie am Ausgang einige Rentner, die zum Betteln, Musizieren oder zum Verkauf von Kunsthandwerk gezwungen sind, um überleben zu können:

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Station Krestschatyk:

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Oftmals sind die Stationen aus den 1960er-Jahren auch in den Verteilergeschossen passagenartig ausgestaltet, so dass man dort auch ein vielfältiges Warenangebot in den dort befindlichen Läden vorfinden kann. Das beste Beispiel findet sich an der Station Maidan, mit ihrer unterirdischen Konsumwelt, die in starkem Kontrast zur oberirdischen Revolutionserinnerungskultur steht:

Die Kerzen des Maidan © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Die nächste Station der roten Linie in östlicher Richtung, Arsenalna, liegt von allen am tiefsten. Rolltreppen führen einen 102,5 m hinunter.

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Die rote Linie führt von Arsenalna durch den Berg zum Fluss und endete dort 1960 an der Station Dnpr. Die hier  über eine Strecke von 700 Metern über den Fluss führende Bogenbrücke wurde erst 1965 anstelle einer 1943 von der Wehrmacht gesprengten Brücke errichtet. Als weltweit erste ihrer Art führt sie auf zwei Ebenen den Straßenverkehr und die Metro über den Dnpr. Erst 1970 konnte die Linie hier weiter geführt werden. Zwei Monumentalskulpturen flankieren diese Hochstation, die mit ihrem Fernblick ein beliebter Ort für Verliebte zu sein scheint. Mehr zur Station hier.

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Mitte der 1960er Jahre übernahm die Funktionalität entscheidenden Einfluss auf die Architektur. Erst in den 1970er Jahren wurde die Anwendung der dekorativen Architektur wieder begonnen, um eine schnelle Wiederaufnahme des alten Architekturstils zu erreichen. Die Stationen neueren Datums heben sich mit ihren dem Futurismus ähnelnden Gestaltungsmerkmalen deutlich von der Architektur und Gestaltung der sowjetischen Metrostationen ab, obgleich die Anordnung von Zugängen und Rolltreppen beibehalten wurde. Die Station am Hauptbahnhof ist in ihrer Architektur wohl am monumentalsten:

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Ganz anders die unauffällige Station Tolstoi (letztes Foto in obigerReihung) sowie die später entstandene Station am Kontraktova Platz in Podil, die in einen modernen Wohnblock integriert worden ist, aber dennoch unterirdisch sehr sowjetisch wirkt:

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Damit haben die Stationen der Kiewer Metro eine recht abwechslungsreiche Architektur, die von traditioneller sowjetischer bis hin zu moderner Metro-Architektur reicht. Sämtliche Stationen haben eine ukrainische und eine russische Bezeichnung (Name nur in kyrillisch in der Station).

Zumeist haben die Stationen nur einen Ausgang. Ausnahmen sind die zentralen Bahnhöfe Krestschatyk und Maidan. Gerade an diesen Stationen kann es irritierend sein, dass die Bahnhofsnamen pro Strecke vergeben werden, führt das doch dazu, dass bei einer Kreuzung zweier Strecken jeder Bahnsteig (Bahnhof einer Strecke) einen eigenen Namen hat. Diese Ausgänge liegen auch weit voneinander entfernt. Die drei Linien sind nur an drei Umsteigestationen im Zentrum durch unterirdische Passagen miteinander verbunden. Das Umsteigen von einer Strecke in die andere ist dadurch viel aufwändiger, als wir das aus Paris, London oder Berlin gewohnt sind. Dagegen ist die Taktung der Linien optimal: Alle zwei bis fünf Minuten fährt ein Zug. Im Übrigen ist die Kiewer Metro sehr sauber und pünktlich sowie seit 50 Jahren unfallfrei.

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Für eine Fahrt benötigt man ein Ticket-Token aus grünem Plastik, den man  für 4 Hryvnia am Schalter (KACA) oder Automaten kauft und in einen Schlitz wirft, woraufhin man das Drehkreuz oder die Lichtschranke durchqueren kann. An der Station Tolstoi wurde ein Zeitungskiosk wunderbar pragmatisch (und vielleicht tatsächlich verkaufsfördernd) rund um einen solchen Automaten eingerichtet:

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

Offizielle Webseite der Metro

Verwendete Quellen: Kopylova, Anna/ Pavlychko (Hg.): Awesome Kyiv, Kiew, 2015, S. 52f; Schäfer, Günther: Kiev. Rundgänge durch die Metropole am Dnepr, Berlin, 3. akt. Aufl. 2011, S. 265f., 284; Wikipedia-Artikel U-Bahn und Metro Kiew

Metrostationen in Kiew © Ekkehart Schmidt

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2 Kommentare
  1. sehr informativ und anschaulich berichtet!

Trackbacks & Pingbacks

  1. Metro Dnipro_Kiew | akihart

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