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Stiefmütterchen in Shemiran, …

Juli 8, 2015

Maulbeer- und Feigenbäume in Saarbrücken, Vollkornbrot in Kairo: In der Fremde lebend können in der Heimat noch banale und selbstverständliche Gegenstände, Speisen, Gerüche oder eben auch Pflanzen eine bei aller Faszination für die andere Umgebung doch auch nötige Vertrautheit bewirken, mit der ein Migrant seelisch ins Gleichgewicht kommt. Diese Effekte können Dinge bewirken, von denen man das nicht unbedingt erwartet hätte, weil sie nicht wirklich schmerzhaft vermisst werden. An den Deutschen Schulen in Kairo erfreut sich ein mobiler Bäcker, der deutsches Brot verkauft, größter Beliebtheit. Die türkischen Migranten in Deutschland pflanzten in kleinen Gärten (und manchmal auch einfach auf ungenutzten Grundstücken) Paprika, Zucchini oder Auberginen an. Für Iraner stellten sich in der Frühzeit der Emigration vergleichbare Glücksgefühle ein, als die ersten Händler Rosenwasser und Ghorme Zabzi-Kräuter anboten. Meine Mutter bekam eines Tages während der Frühzeit unserer fünfjährigen Teheran-Aufenthaltes mehrere Paletten Stiefmütterchen von unserem Gärtner Murat (dessen Dienste als Teil des Mietvertrags mit zu bezahlen waren) und pflanzte sie sofort in unseren Garten im Vorort Shemiran. Sie achtete darauf, die „niedlichen“ Blumen bunt gemischt zu verteilen, wie sie es aus ihrer Heimat Kassel aus Vorgärten kannte. Während ihres Mittagsschlafes entdeckten wir etwa 3- und 5-jährigen Kinder die im Schweiße der Mittagshitze bepflanzten Beete, empfanden die Mischung der Farben aber als zu chaotisch oder ahmten einfach das Pflanzen nach. Jedenfalls gaben wir uns viel Mühe, alle etwa 50 Pflänzlein wieder aus der Erde zu holen und streng nach Farben geordnet auf Häuflein zu legen. Das Entsetzen meiner Mutter war groß, die farbliche Pracht halb vertrocknet aufzufinden. Es wurde sicher geschimpft, dann musste alles rückgängig gemacht werden. Wahrscheinlich hatte Murat schon viel Erfahrung mit ausländischen Mietern, von denen es damals in diesem klimatisch begünstigten Vorort in vorrevolutionären Zeiten viele Tausende gab, auch weil mit ihnen in ehemaligen Sommerhäusern des persischen Adels und Bürgertums bessere Mieten zu erzielen waren. Geranien hat er wohl auch gezogen. Wir hier in Saarbrücken würden diese uns als Inbegriff des Spießertums geltende Pflanze niemals auf unseren Balkon setzen. Meine aus dem Iran stammende Frau erlebte diesen Juni aber ein seltenes Glücksgefühl, als wir im hinteren Teil der Gartenterrasse des türkischen Grillrestaurant „Nedim’s Bistro“ einen Maulbeerbaum entdeckten, den die Frau des Inhabers als kleinen Setzling vor sieben Jahren aus der Region Ordu am Schwarzen Meer mitgebracht hatte. Mittlerweile war er so groß geworden, dass wir in seinem Schatten und der spezifischen Duftwolke sitzen konnten. Und meiner Mutter erging es ähnlich, als in den 1980er-Jahren türkische Händler in Köln tatsächlich Granatapfelpaste anboten, mit der seitdem unser persisches Lieblingsgericht Fissandjun Jahr für Jahr zu Weihnachten gekocht werden konnte.

2 Kommentare
  1. auch wenn ich jezt am eigentlichen Thema vorbei schreibe, das ich aber gerade auch aus eigenem Erleben gut nachvollziehen kann, so erinnert mich deine Geschichte an die erste bewusste Gartenarbeit meiner Tochter, als sie 4 oder 5 Jahre alt war. Damals half sie mir erstmal im frühjahr die Beete zu lockern und von den nicht geünschten Pflanzen zu befreien. Als ich dann die Setzlinge gepflanzt hatte, war sie panisch entsetzt und rupfte alle Pflänzchen wieder aus, um das beet wieder schön sauber herzurichten. Auch diese zarten Pflänzchen waren zu meinem Entsetzen in der Sonne rasch vertrocknet. Dennoch konnte ich nicht böse sein, denn die absicht war gut, nur das wissen fehlte noch 🙂

    Übrigens: Wenn ich einen Maulbeerbaum sehe oder auch einen Grantapfelbaum, schenkt mir das auch ein Glücksgefühl und ein unerwünschter Wunsch ist es, einmal unter einem Pistazienbaum zu sitzen, während die Pistazienfrüchte zu Lächeln beginnen 😉

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  1. Khiabane Pahlavi 1966-71 | akihart

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