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Schwimmen in der Saar? Natürlich!

Juli 5, 2015

Vielleicht wird man in einigen Jahren sagen, dass es die Hitzewelle Anfang Juli 2015 war, durch die sich die Saarbrücker ihren Fluss zurück erobert haben. Ein historischer Moment gewissermaßen. Klingt pathetisch? Man darf doch mal hoffen?!

Mindestens seit einem halben Jahrhundert war praktisch niemand mehr auf die Idee gekommen, hier schwimmen zu gehen. Die kostenlose Nutzung der Saar als Kühlwasserreservoir und Abwasserkanal durch die Industrie hatte eine Verschmutzung zur Folge, die das Baden zur gesundheitsschädlichen Angelegenheit machte. Der Fluss glich einer Kloake und war nur noch eingeschränkt – im Wesentlichen für Ruderboote – als öffentliches Gut nutzbar. Es wurden Hallen- und Freibäder gebaut und allmählich vergaßen die Bürger, was noch für ihre Großeltern selbstverständlich war. Als zivilisierte Bürger hatten sie es auch nicht mehr nötig, in einem Fluss zu schwimmen. Irgendwann glaubten sie gar, das Baden sei dort verboten – falls ihnen überhaupt kurz die Idee in den Kopf gekommen sein sollte – oder dass das nur mit Neopren-Anzug geht, wie es ein SZ-Reporter 2012 todesmutig für eine Reportage tat (und nicht nur überlebte, sondern gar Gefallen daran fand).

Schwimmen in der Saar? Natürlich! © Ekkehart Schmidt

Gewöhnt ans sommerliche Schwimmen im Wingertsweiher, Rohrbacher, Rubenheimer, Rohrbacher, Itzenplitzer oder Mittersheimer Weiher war es mir als Radfahrer nach dem Umzug zurück in die Stadt 2007 zu mühselig, hoch zum Totobad oder zum Fechinger Bad zu fahren, um mich abzukühlen. Etwa 2010 begann ich im Sommer, flussaufwärts hinter die Schleuse und die „Wilde Ente“ zu radeln, um auf der französischen Seite in die Saar zu springen. Mehr oder weniger heimlich. Bis vorletzte Woche habe ich mit Ausnahme des Sommers 2014 an der neuen Berliner Promenade so gut wie nie einen anderen Schwimmer gesehen. Dann sah ich nachmittags etwas flussaufwärts vom „White Sunny Beach“ an der Bismarckbrücke drei Männer an der Anlegestelle des Ruderclubs, die offenbar Schwimmen waren. Zwei Afghanen und ein Iraner. Ich bin sofort in Unterhose rein: göttlich kühl und sauber. Seitdem ist alles anders, fühlt sich anders an: Es ist mir selbstverständlich geworden, hier zu schwimmen. Und mir ist jedes natürliche Gewässer lieber als ein künstliches.

Schwimmen in der Saar? Natürlich! © Ekkehart Schmidt

Schwimmen in der Saar? Natürlich! © Ekkehart Schmidt

Schwimmen in der Saar? Natürlich! © Ekkehart Schmidt

Schwimmen in der Saar? Natürlich! © Ekkehart Schmidt

Schwimmen in der Saar? Natürlich! © Ekkehart Schmidt

Es fühlt sich jetzt ganz normal an. Wir sind seit drei Tagen ununterbrochen dort, haben uns den tabuisierten Fluss wieder angeeignet. Freitag-Abend war ich mit zwei Jungs der einzige. Am Samstag kamen drei Iraker aus Forbach dazu, die heute wieder da waren. Vom Ulanenpavillon am Staden aus sprang eine Gruppe bierseliger Männer nackt oder in Unterhose in die Saar und schwamm zur Grafittiwand. Neben den Irakern – einem Biologielehrer mit seinem Sohn und dem vor einem halben Jahr aus Mossul geflohenen Bruder, der als orthodoxer Christ vor dem Einmarsch der Wahnsinnigen des IS entkommen konnte – waren heute drei Russlanddeutsche mit Kleinkind, vier Ungarn und drei kurdische Jungs schwimmen. Erst spät am Tag kamen ein bayrischer Urlauber und drei Saarbrücker dazu. Sie alle haben offenbar noch ein ungezwungeneres, natürlicheres Verhältnis zur Nutzung eines Flusses, als die diesem entfremdeten Einheimischen. Trotzdem war es natürlich ein Gesprächsthema, ob das Wasser sauber und das Baden erlaubt sei: Ja!

Zwar galt die Saar über Jahrzehnte als toter Fluss voller Haushalts- und Industrieabwässer. Nebenflüsse, wie die Nied, brachten Darmkeime und Nährstoffe aus der Landwirtschaft mit. Dann wurden Maßnahmen ergriffen: Die Zahl der Kläranlagen stieg seit 2002 von 84 auf 120. Seitdem hat sich die Wasserqualität deutlich verbessert, liegt mit Güte II-III (kritisch belastet) im mittleren Bereich einer siebenstelligen Skala, für den gilt, dass das Schwimmen unbedenklich ist. Auch die Fische sind zurückgekehrt: Es gibt in der Saar wieder Barben, Karpfen, Forellen, Barsche, Aale und Welse. Allerdings gibt es eine Warnung, man solle nach stärkeren Regenfällen auf ein Bad verzichten, da sich dann die Konzentration an ungeklärtem Abwasser kurzzeitig erhöht und gesundheitsgefährdende Keime vermehrt auftreten. An trockenen Tagen Bei lang anhaltender Hitze ist das Waser sauberer, weil die Kläranlagen nicht überlastet werden. Ein Experte des Umweltministeriums wollte das Baden in einem Gutachten 2014 dennoch nicht empfehlen. Verboten ist das Baden nur 100 Meter ober- und unterhalb von baulichen Anlagen wie Brücken, Schiffsanlegestellen und Hafeneinfahrten – im Bereich des Staden also nicht.

Später erzählte mir ein 19-jähriger, dass er hier seit 5 Jahren badet und auch von den Beach-Volleyballern hiess es, dass sie gerne spät abends in die Saar springen, aufgeheizt vom staubigen Spiel. Vielleicht bin ich also all die Jahre gar nicht alleine gewesen. Dieser Tage sieht man auch unterhalb des Staatstheaters oder an der Berliner Promenade meist junge Leute ins Wasser springen. Ich hoffe jedenfalls, dass diese Selbstverständlichkeit unumkehrbar ist.

Freilich hatte der DLRG Mitte Juli auf mögliche Gefahren hinzuweisen, die „allzuoft nicht beachtet oder unterschätzt werden“, insbesondere kaum erkennbar dicht unter der Wasseroberfläche  schwimmende Baumstämme und anderes Treibgut. Letzteres kann ich bestätigen, aber hier besteht natürlich ein institutionelles Partikularinteresse daran, zu behaupten: „Die Saar ist kein Badegewässer“, schließlich fehlt jede Infrastruktur zur Rettung Ertrinkender. Aber das gilt auch für unzählige Badeseen, außer dem Bostalsee und dem Stausee bei Losheim, die für Saarbrücker freilich viel zu weit entfernt sind. Verwiesen wird hier auch vor allem auf die Situation weiter flussabwärts. Und natürlich gilt für Dillingen oder Saarlouis nicht, was ich hier über Saarbrücken schreibe. Letztlich ist jeder selber dafür verantwortlich, sich die Badestelle genau anzusehen, ehe man hineinspringt.

Verwendete Quellen: Die Woch: Die Saar ist kein Badegewässer (25.07.15);  Saar-Wasserqualität, Die Rückkehr der Fische

Schwimmen in der Saar? Natürlich! © Ekkehart Schmidt
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