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Der Bücherbasar von Kairo

Juni 18, 2015

Hier hat Napoleon 1798 an einem lagunenartigen, von den jährlichen Nilüberschwemmungen gespeisten See, in sicherem Abstand vor Kairo sein Lager aufgeschlagen, dann legte man im 19. Jahrhundert auf dem Boden des trocken gelegten Sees den Ezbekiya-Park mit einem exotischen Baumbestand an, der aus britischen Kolonialländern gespeist wurde. Als dann westlich von hier Ende des 19. Jahrhunderts die Kairoer Neustadt nach Pariser Vorbild entstand, lag der Park mit dem nahen Ataba Platz plötzlich nicht mehr am Rand, sondern im Zentrum. Nachdem diese Doppelstadt allmählich zusammen zu wachsen begann, entstand hier die Scharnierstelle zwischen der traditionellen, orientalischen Altstadt und der modernen, westlichen Neustadt: Fast der gesamte Verkehr zwischen Ost und West lief hier durch den Park: Fußgänger, Lastenträger, Tragesel, Autos und später nebenan auch Straßenbahnen. Nicht zu vergessen die Touristen, die hier auf der „sicheren Seite“ edle Hotels wie das „Shepheards“ oder das „Continental Savoy“ vorfanden, von denen aus sie per Pferdekutsche „den Orient“ erkunden konnten.

Mit den Passantenströmen kamen die fliegenden Händler, die sich über die Jahre spezialisierten, um die Bedürfnisse der Passsanten zu befriedigen. Als ich 1988 erstmals hier vorbei kam, fanden sich links und rechs der großen Straße durch den Park antiquarische Buchhändler, die auch alte Zeitungen, Zeitschriften und Poster von Umm Koulthoum, Abdel Halim Hafez und anderen Sängern verkauften, aber weder Postkarten noch sonstig touristisches. Die großen Hotels existierten nicht mehr, Touristen kamen anderswo in der Neustadt unter. Die meisten hatten kleine grüne Buden mit Sonnendächern, deren Rücken sich an den Zaun des Parks anlehnten. So blieb die Situation zumindest bis 1993. Als ich im Jahr 2000 zurück kehrte, war hier eine riesige Baustelle entstanden: Die zweite Metrolinie durch die ägyptische Metropole grub sich in die Tiefe. Hier an der neuen Hauptschlagader würde die Station „Ataba“ künftig für neue, veränderte Passantenströme im Herzen der Stadt sorgen. Es war furchtbar zu sehen, wie viel des alten Baumbestands diesem Projekt zum Opfer fiel. Und der Büchermarkt.

Beim nächsten Besuch 2007 war die Station fertig, aber erst 2008 oder 2009 bin ich durch die Station durchgelaufen, um zu dem jenseitigen, der Altstadt zugewandten Eingang zu gelangen und landete in einem neuen Bücherbasar, der sich nun nicht mehr nur links und rechts der verschwundenen Straße durch den Park ausbreitete, sondern aus regelrechten Basargassen bestand. Ein relativ großer Teil des Angebots dieses neuen Bücherbasars im Ezbekiya-Park bietet religiöse Erbauungsliteratur, aber findet sich es auch Fachliteratur von Philosophie bis Ingenieurwesen und Informatik:

Ein Großteil der Literatur ist noch antiquarisch, aber es finden sich keinerlei historisch interessante Bücher mehr. Das liegt daran, dass hier nun vor allem traditionell denkende Menschen der Metro entsteigen und hier durchlaufen, deren Ziel der große Basar ist. Touristen oder westlich orientierte Wohlhabende kommen auf anderen Wegen zum Khan el-Khalili und den anderen Basargassen. Die Nachfrage hat sich völlig gewandelt und mit ihr das Angebot.

Wer zielgerichteter nach Literatur sucht, also hier nicht nur zufällig vorbei kommt, findet in Kairo ein relativ breites Angebot an Buchläden: Südlich der Al-Azhar-Moschee religiöse Erbauungsliteratur, in der Neustadt ein eher klassisches Angebot mit starkem touristischem Schwerpunkt sowie an der amerikanischen Uni oder dem „Diwan“ zeitgenössische Belletristik und aktuelle wissenschaftliche Literatur (mehr dazu hier).

Weitere städtische Märkte in Kairo

Der Bücherbasar von Kairo © Ekkehart Schmidt

From → Kairo, Märkte

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