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Underground Maidan Nesaleschnosti

Juni 17, 2015

Im Oktober 2004 und im Winter 2013/14 schaute die ganze Welt auf den Maidan, jenen zentralen Platz von Kiew, in dem die Bürger für ihre Freiheit kämpften. Erkundet man ihn in Ruhe und zu unterschiedlichsten Tageszeiten – wie ich es im März 2015 tat, weil ich hier im Hotel wohnte -, merkt man, dass er mehrere Gesichter hat. Die uns noch immer tief eingebrannten TV-Bilder von der Euro-Revolution vom 21. November 2013 bis 22. Februar 2014 zeigten nur einen Ausschnitt – und zwar nicht den Teil des Platzes, der im Alltag von Relevanz ist: In all den Medienberichten dieser Monate war merkwürdigerweise nie die Rede von dem Leben unter dem Platz. Als wäre dieses nicht relevant, als wären nicht die meisten Demonstranten über diesen Weg zur Zeltstadt gelangt, hätten hier nicht Hunderte übernachtet und sich dort nicht auch sonst spannende Geschichten abgespielt.

Apropos Leben: Der Platz oben wirkt sehr steril, fast tot oder jedenfalls in ehrfürchtiger Erinnerungskultur erstarrt. Abgesehen von der Post gibt es nur am Nordrand des Platzes einige Restaurants und mobile Cafés, einen Kiosk, aber keinerlei Lebensmittelgeschäfte. Man trifft sich dort kaum noch, höchstens an der Metro. Auch debattierende, bummelnde oder sich erholende Menschen habe ich bei meinem Besuch kaum erlebt. Der Platz ist durch den unüberwindbar scheinenden Krestschatyk Boulevard zweigeteilt, der keinerlei Ampelanlage oder Zebrastreifen aufweist.

Echtes ukrainisches Leben erlebt man hier nur, wenn man die Treppen hinunter zur Metrostation „Maidan Nesaleschnosti“ geht oder von einer Platzhälfte unter dem Boulevard hindurch auf die andere Seite gelangen möchte – und ins „Rohr“ gerät.

Die Kerzen des Maidan  © Ekkehart Schmidt

Die Kerzen des Maidan © Ekkehart Schmidt

„Das Rohr“ wird die Unterführung von vielen Kiewern genannt, weil sich hier alles ‚versammelt‘, womit auf die riesigen Wasserrohre angespielt wird, die hier früher verliefen und das Regen- und Schneeschmelzwasser aufnahmen. Stehbars, Kioske und „Babuschka“ genannte Rentnerinnen sorgen für den Zigaretten- und Alkoholnachschub, wie es Günther Schäfer lapidar und treffend ausdrückt. Das wohl mit der Eröffnung der ersten Metrolinie 1960 entstandene „Rohr“ ist für viele aber auch ein Treffpunkt, da  der Besuch einer Bar oder Kneipe für viele heute unerschwinglich geworden ist. Mehrere Dutzend Leute verdienen sich hier auch ihren Lebensunterhalt durch den Verkauf von Blumen, Überprüfung des Blutdrucks, Devisenhandel, Schuhputzen oder Betteln. Die Welt hier unten hat mit der oben nichts zu tun.

Das war überraschend. So ähnlich, wie wenn man an der Rolltreppe zur U-Bahnstation „Dom/ Hbf“ in Köln plötzlich, falls man versehentlich die benachbarte Tür zur Tiefgarage nimmt und in römische Gemäuer hinabsteigt, oder im Souterrain des zentralen Busbahnhofs in Luxemburg in einer Grafitti-Galerie landet. Anderswo betritt man seit den 1970er-Jahren im Zwischengeschoss zwischen Straßenniveau und U-Bahn-Röhre mittlere bis große unterirdische Einkaufspassagen mit Cafés, Supermärkten, Kiosken und Bäckereien – zum Beispiel an der Konstabler- und Hauptwache in Frankfurt, am Neumarkt in Köln oder beiderseits der Galata-Brücke in Istanbul. Aber noch nie fühlte sich für mich die Durchquerung einer solchen Passage so an wie hier: Ein unübersichtliches Gewirr irritierend enger und flacher, parallel verlaufender Gänge, vollgestopft mit Auslagen von winzigen Läden, die jeden Quadratmeter Laden- und vor allem vertikaler Ladenfrontfläche optimal platzsparend mit Waren zu bestücken versuchen, um den Blick des eiligen Passanten auf sich zu ziehen.

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Viele Kioske und Stehbars scheinen durch Souvenirläden und Händler von Fahnen und anderen nationalistisch wirkenden Waren verdrängt worden zu sein. Ansonsten finden sich hier Verkäufer gefälschter CDs, kleine Boutiquen, Bäckereien, Taschenverkäufer, Reparaturbetriebe – und, wie es in einem Reiseführer von 2011 heißt neben einer Theatervorverkaufskasse auch ein winziges Museum mit Devotionalien der orangenen Revolution von 2004, die ich aber nicht (mehr?) gefunden habe.

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Und irgendwo in diesem unübersichtlichen Gewimmel findet man dann auch den Zugang zur Metrostation. Oder einen Ausgang, der nicht zwingend derjenige ist, den man gesucht hat. Zum Beispiel einen, an dem noch die gewaltsamen Spuren der Kämpfe vor einem Jahr repariert werden. Der richtige für den Besuch des südlichen Teils des Unabhängigkeitsplatzes erkannte man bei meinem Besuch an oben stehenden Vertretern des faschistischen „Rechten Sektors“, die dort einen Stand aufgebaut hatten.

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

Die Kerzen des Maidan  © Ekkehart Schmidt

Ein Gang führt auch zum Einkaufszentrum Hlobus, einem bis 22 Uhr geöffneten, beliebten unterirdischen Einkaufskomplex mit hochragender Glasfront hinter der Unabhängigkeitssäule. In ähnlicher Weise wurden vor etwa zwei Jahrzehnten die unterirdischen Einkaufszentren Kvadrat unter dem Slavy Platz nahebei oder das Metrohrad unter dem Bessarabska Platz und nebenan das Mandaryn Plaza errichtet. Das sind ganz andere Welten.

Die Metro, aber wohl nicht die Passage, war in ihrer über 50jährigen Geschichte nur einmal komplett geschlossen: während zweier Tage rund um den 18. Februar 2014, als die Situation auf dem Platz eskalierte und das Regime versuchte, den Zustrom zum Maidan zu unterbinden.

Verwendete Quellen: Anders, Ada: Ukraine, Reise-Handbuch, DuMont Verlag, Ostfildern 2012, S. 133f; Schäfer, Günther: Kiev. Rundgänge durch die Metropole am Dnepr, Trescher Verlag Berlin, 3. akt. Aufl. 2011, S. 36; Kopylova, Anna/ Pavlychko (Hg.): Awesome Kyiv, Kiew, 2015, S. 52f;

Underground Maidan Nesaleschnosti © Ekkehart Schmidt

From → Kiew

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  1. Die Kerzen des Maidan | akihart

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