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Brasserie du Croissant_Paris

Juni 14, 2015

Die Brasserie du Croissant nahe der tempelähnlichen ehemaligen Bourse fällt optisch kaum auf, so sehr wirkt sie wie die archetypische Pariser Café-Brasserie. Seitdem sie Ende Juli 2014 aber vom französischen Präsidenten Francois Hollande besucht wurde, wurde ihre historische Bedeutung wieder ins Gedächtnis gerufen: Hier erschoss der französische Nationalist Raoul Villain am späten Abend des 31. Juli 1914 durch ein Fenster den dort sitzenden sozialistischen Politiker und Kriegsgegner Jean Jaurès. Der Tod dieses führenden Pazifisten innerhalb der französischen Linken, bewirkte aus heutiger Sicht schwer verständlich, dass sich dort nun auch die Kriegsbefürworter durchsetzten. Aber nicht nur das: Nach viereinhalb Jahren Untersuchungshaft während des 1. Weltkrieges, wurde Villain nach kurzem Prozess von einem Schwurgericht freigesprochen. Dieses war wohl der Ansicht – eindeutig noch im Siegestaumel nach dem für Frankreich siegreichen Krieg – dass der Attentäter seinem Vaterland einen Dienst erwiesen habe: „Hätte der Kriegsgegner Jaurès sich durchgesetzt, so hätte Frankreich den Krieg nicht gewinnen können“, hieß es. Zudem musste die Witwe des ermordeten Jean Jaurès, der heute eine Ikone der Sozialisten ist,  auch noch die Prozesskosten tragen.

Diese interessante Geschichte und ein Plakat an der Börse (heute als „Palais Brongniart“ ein Veranstaltungsort) war mir am 8. September 2014, fünf Wochen nach dem Besuch des damals gerade in Abgründe der Popularität abstürzenden Präsidenten Anlass genug, in der Mittagspause der Sozialfinanzmesse Convergences hundert Meter östlich der Börse die rue du Croissant, ein Abzweig der rue Montmartre, zu suchen, nach der das Café benannt ist. Es reichte zeitlich immerhin für einen Espresso. Innen war es mir auf den ersten Blick zu frisch saniert, aber mir gefiel dieses so zentrale und zur Straße offene Café, so dass ich am 24. November noch einmal zurück kam.

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

„Komm zurück, Jaurès! Sie (die Sozialisten unter Hollande) haben das Lager gewechselt!“ heißt es in einer gefaketen Ausgabe der Humanité, die angesichts der heutigen Politik der regierenden PS das Erbe von Jaurès reklamiert.

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Links neben der Eingangstür erinnert eine Gedenktafel an das Geschehen vor 100 Jahren. Der Originaltisch, an dem Jaurès damals saß, wurde 1938 an ein Museum gegeben und 1988 zum „Monument historique“ erklärt:

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Für Jaurès und andere Mitarbeiter der nach 1920 als kommunistisch geltenden „L’Humanité“ war das nahe gelegene Lokal damals wie ein Annex. Auch Jaurès ging an jenem Abend nach später Arbeit an einem pazifistischen Text hier noch einen trinken, bis ihn um 21.40 Uhr zwei Schüsse niederstreckten. Neben dem in Schwarz gehaltenen Caféraum befindet sich noch ein heute in Rottönen gehaltener zweiter Raum zum Mittag- oder Abendessen, genannt „La Taverne du Croissant“ – dachte ich zunächst. Später verstand ich, dass das gesamte Lokal 2011 so umbenannt worden ist.

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

Das Lokal ist authentisch eingerichtet, aber um sich dort wirklich wohl zu fühlen, muss es nach der letzten Sanierung 2011 für Ästheten wir mich wohl noch an Patina gewinnen, gewisssermaßen so viel Lack lassen, dass sich dort wohlhabende Touris und andere Ortsfremde nicht mehr wohl fühlen. Welche lokale Bedeutung das Café hat und wer sich hier trifft, kann ich freilich nach zwei Besuchen nicht beurteilen. Jean Jaurès übrigens wurde zehn Jahre nach seinem Tod rehabilitiert und seine sterblichen Überreste ins Pantheon überführt.

Verwendete Quellen: Brigouleix, Bernard: 100 ans après son assassinat. La gauche francaise se réclame plus que jamais de Jean Jaurès, Luxemburger Tageblatt, 01.08.2014; Wikipedia-Artikel Jean JaurèsRaoul Villain und Café du Croissant;

Brasserie du Croissant_Paris © Ekkehart Schmidt

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  1. Starbucks widerstehend: Kaffeehaus-Originale | akihart

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