Skip to content

Die Zytnij-Markthalle_Kiew

Mai 10, 2015

Am westlichen Ende der Choryva-Straße im Kiewer Stadtteil Podil, unweit der Prytys’ko-Mykil’ska-Kirche aus dem 17. Jahrhundert, deren Name an die Legende von einem Dieb erinnert, der nachts in einem Vorgängerbau aus Holz vom heiligen Nikolaus mit einem Fensterrahmen so an die Wand gedrückt wurde, dass er sich nicht mehr bewegen konnte, gelangt man an eine eher hässliche Straßenecke mit Hintereingängen einer modernen, großen Halle mit schwungvoll gewölbtem Dach, deren Funktion sich auf den ersten Blick kaum erschließt. Sie wirkt hier am Fuß des bewaldeten Hügels, über den man nur über den gewundenen Andreassteig mit seinem touristischen Kunsthandwerker- und Kitschbildermarkt hinauf zur Innenstadt gelangt, etwas an den Rand gequetscht: Stilistisch unpassend in der barocken Umgebung, überdimensioniert sowieso.

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

In garagenähnlichen Läden, von denen nur ein Teil geöffnet hat, werden entlang der Straße Kosmetikartikel, Gewürze, Tütensuppen und andere konservierte Waren verkauft. Betritt man nun das Gebäude durch eine der rund sechs unscheinbaren, durch Plastikvorhänge wie Lieferanteneingänge wirkenden Türen, ahnt man schon durch die großen gusseisernen Reliefs im Stil der sowjetischen Moderne, was sich hier verbirgt: Eine riesige Markthalle, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Ich mußte sofort an eine ähnliche Markthalle denken, die ich 1996 in Batum/ Georgien zu einer Zeit des Zusammenbruchs der staatlichen und ökonomischen Ordnung gesehen habe, als sich das Angebot auf einige Häuflein Eier, verschrumpelter Möhren, Äpfel und erdiger Kartoffeln beschränkte.

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Das originell gewölbte und extrem hohe Dach der Zytnij-Markthalle (auch: Zhytny oder Zhitny) überdeckt eine weite Landschaft an Marktständen, die nach Warengruppen sortiert sind: Fleisch, Wurstwaren, Joghurt und andere Milchprodukte, Obst und Gemüse sowie Eingelegtes. Ich gehe erst einmal die breite Freitreppe hoch in den ersten Stock, wo ein Kleidermarkt mit dutzenden Geschäften, von denen manche wie Verschläge wirken, auf Kundschaft wartet. Hier bekomme ich einen guten Überblick. Vor allem die Fleischabteilung erstaunt ob der Menge an einfachen Verkaufsständen, deren fehlender Kühlanlagen und riesigen Specklappen, die für die Zubereitung von Schaschlyk benötigt werden oder in feinen Scheiben geschnitten auf Schwarzbrot verzehrt werden. Eier und Geflügelfleisch wird getrennt von Schweine- und Rindfleisch verkauft.

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Wurstwaren gibt es in einer eigenen Abteilung:

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Von der Fleischabteilung mittels einer gläsernen Wand abgetrennt stehen die Verkäuferinnen von Frischkäse, Quark und anderen Milchprodukten.

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Aber auch die Verkaufstresen mit eingelegten Waren faszinieren durch ihre Schlichtheit und meine Vorstellung, dass hier wirklich Hausgemachtes verkauft wird.

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle ist eine von mindestens drei solcher großer Hallen in Kiew. Anders als in der (zu anderen Zeiten) schon sehr touristischen und eher überteuerten Bessarabska-Markthalle in der Innenstadt habe ich hier trotz eher spärlichem Kundenaufkommen das Gefühl, eine authentische Marktsituation mit langer Vergangenheit zu erleben. Der Volodymyrs’kyi-Markt (auch: Vladimirskiy) im Süden der Innenstadt nahe der Metro Palas Ukrainija befindet sich in einer ähnlichen Halle und hat ein verglechbares Flair, wird auf einem ummauerten Gelände, auf dem sich auch eine winzige Kapelle und ein Nachtclub befindet, zudem noch von einem Markt unter freiem Himmel ergänzt. Es gab früher deutlich mehr solcher Märkte, so den bekannten, mittlerweile geschlossenen Sennoy Markt, auf dem es neben Lebensmitteln auch Trödel gab. Interessant scheint auch der Vogelmarkt sowie der Petrivka Markt zu sein, auf dem man Bücher, CDs und DVDs bekommt.

Aber zurück zum Zytnij-Markt: Am Nordende der Halle gibt es viele weitere Stände. Aus der Entfernung leuchtet ein Stand mit buntem Obst in einer Vielfalt, die man im Westen seit langem kennt und zu würdigen vergessen hat, die hier aber zu den alten Marktzeiten sicherlich deutlich eingeschränkt war. Ob es hier diesen Sommer Obst von der Krim im Angebot geben wird?

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Ich gehe aber durch einen Seiteneingang hinaus, und bummele auf der Suche nach einem Kaffeestand durch weitere Stände von Obst- und Gemüsehändlern vor der Einfahrt zu einer Art Tiefgarage, die zur Bauzeit, die ich auf etwa die frühen 1970er-Jahre schätze, sicherlich nicht für Kunden konzipiert wurde, sondern Lieferanten diente. Welche Änderungen der Wechsel von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft vor 25 Jahren für den Betrieb der Halle bedeutete, kann ich nicht beurteilen. Vor der Vorderfront der Halle befinden sich einige Kioske sowie ein Lokal in einer Art Eisenbahnwaggon. Hier bekomme ich meinen Kaffee und setze mich gegenüber eines Plastiklumenstandes auf einen Treppenabsatz.

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Entlang des Verchnij-Boulevards sitzen noch viele Omas und alte Mütterchen, die selbst gezogenes Gemüse anbieten. Der Boulevard entstand entlang einer historischen Wallanlage aus der Zeit der Stadtgründung dieses Fischer-, Hafen- und Handels- und Handwerkerortes vor über 1000 Jahren. Bei Ausgrabungen während des Baus der Markthalle fand man Reste von Holzhäusern aus der Zeit des Kiever Rus‘. Im 16. Jahrhundert war die Gegend um den Markt im Besitz der katholischen Bischöfe (biskup), weshalb sie auch Biskupscna hieß. Seinen Namen hat der Markt vom früheren Getreidemarkt. Folgt man dem Boulevard und den fliegenden Händlern in östlicher Richtung, kommt man zum Tschernobyl-Museum und taucht dort in eine ganz andere Zeit ein. Die Reaktorblöcke des ersten Super-GAU der Geschichte stammen wohl aus der gleichen Zeit, in der die Markthalle errichtet wurde.

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

Adresse: 16 Nyzhniy Val, Kiew, Tel.: 417-3426 (Metro: Kontraktova pl.)

Verwendete Quellen: Gerlach, Thomas/ Schmidt, Gert: Die Ukraine entdecken, Berlin, 9. überarb. Aufl., 2007, S. 44; Mezentsev, Volodymyr I./Heretz, Leonid: The Emergence of the Podil and the Genesis of the City of Kiev: Problems of Dating, Harvard Ukrainian Studies, Vol. 10, No. 1/2 (June 1986), pp. 48-70; Schäfer, Günther: Kiev. Rundgänge durch die Metropole am Dnepr, Berlin, 3. akt. Aufl. 2011, S. 93, 171; Ukrainian Guide: Market guide, 2007;

Eine Liste europäischer Lebensmittelmärkte mit einigen links findet sich auf dem Blog von Askan: Food & farmers’ markets of the European capitals (22.02.2015)

Die Zytnij-Markthalle_Kiew © Ekkehart Schmidt

From → Kiew, Märkte

One Comment

Trackbacks & Pingbacks

  1. Die Bessarabska-Markthalle_Kiew | akihart

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: