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Das Tschernobyl-Museum in Kiew

April 25, 2015

Ich war 21, als ich auf einem Tisch vor der Mensa der Uni Marburg dieses damals noch kaum vertraute Radioaktivitätssymbol sah und auf einem Flugblatt die Warnung las, man solle sich so wenig es geht im Freien aufhalten, vor allem nicht bei Regen. Etwas Unfassbares und in seinen Folgen nicht abschätzbares war damals vor 29 Jahren weit im Osten in der UdSSR passiert: Der erste Super-GAU der Weltgeschichte, eine abstrakte, unsichtbare Gefahr auch für uns hier, die wir 1500 km entfernt lebten, weil sich eine radioaktive Wolke westwärts bewegte. „Nuclear Fallout“ und „Tschernobyl“ waren die zwei neuen Wörter, die ich kurz nach diesem 26. April 1986 lernte. Der Reaktorunfall wurde nicht sofort publik, sondern erst verschwiegen und verharmlost, bis man am 28. April in Schweden Alarm auslöste. Erst am 5. Mai informierte Michail Gorbatschow die Bevölkerung. Zufällig hatte ich mich beim Paris-Marathon am 4. Mai angemeldet und entfernte mich so für drei Tage westwärts aus der Gefahrenzone. Damals naiv in dem Glauben, damit wenigstens etwas außer Gefahr zu sein. Tatsächlich gab es später nur Sorgen um türkische Haselnüsse oder heimisches Wildfleisch – deren Konsum man wegen der Kontamination besser unterlassen sollte. An ernste Weltuntergangsängste kann ich mich nicht erinnern. Aber die Illusion von der sicheren Atomenergie war zerstört und plötzlich nahm ich als neoliberal indoktrinierter Student der Wirtschaftswissenschaften die GRÜNEN (noch) ernster, kaufte mir einige Bücher von Robert Jungk und ahnte wohl auch, dass Tschernobyl nicht nur die Totenglocke für die hiesige Technikgläubigkeit, sondern auch für die UdSSR sein würde.

Als ich vor einem Monat für knappe drei Tage in Kiew war und daher sehr genau überlegen musste, was ich mir anschauen will, schaffte ich es trotz vieler attraktiverer Alternativen in das etwas abseits gelegene Tschernobyl-Museum. Trotz des großen zeitlichen Abstandes war da ein großes Bedürfnis, mich noch einmal mit diesem Unfassbaren zu beschäftigen. Das wäre auch ohne den Fukushima-GAU so gewesen. Das Museum wurde am 26. April 1992 in der Feuerwache Podolsk im Stadtteil Podil eingerichtet, einem Jugendstilgebäude von 1910, das fast wie ein italienischer Palazzo wirkt (auf dem ersten Bild ist der Turm links hinter dem zentralen Platz von Podil erkennbar). Vor dem Gebäude stehen alte Einsatzfahrzeuge, unter einem Baum wurde eine Gedenkskulptur zu Ehren der Feuerwehrleute eingerichtet, die sich bei der Bekämpfung der Katastrophe ausgezeichnet hatten.

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Im Erdgeschoss wird die Natur im verseuchten Gebiet thematisiert: einerseits die Mutationen, andererseits die starke Erhöhung der Tierpopulation im nunmehr menschenleeren Gebiet im weiten Umkreis des Reaktors und der verlassenen Stadt Pripyat. Unter Ortsschildern der verwaisten Dörfer und Städte geht man eine Treppe hoch zu zwei großen Gedenkräumen. Neben Tschernobyl wird auch Fukushima thematisiert. Der große rote Fisch, dessen Bedeutung unklar bleibt, ist wahrscheinlich eine japanische Schenkung. Generell ist es für Nicht-Ukrainer mangels englischer Erläuterungen der Exponate schwierig, deren Bedeutung immer zu verstehen. Es gibt allerdings Audioführungen auf Deutsch, für die ich keine Zeit hatte.

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Im ersten großen Saal wird ein Modell des Reaktors und der AKW-Stadt Pripyat vor und nach dem GAU gezeigt, dazu Hilfsgeräte der Feuerwehr, Puppen mit Schutzanzügen sowie hunderte Fotos und Zeichnungen der Einsatzkräfte und der ums Leben gekommenen bzw. trauernden Bevölkerung. Rund 600.000 Menschen sind damals einer starken Strahlenbelastung ausgesetzt worden, von den Helfern sind heute 125.000 schwer erkrankt. Mindestens 10.000 Menschen starben an den Folgen der Katastrophe. An sie wird hier in einem Sammelsurium von Fotos und Dokumenten erinnert.

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Saal ist mit mehreren 1000 Exponaten fast schon überladen. Mangels eines museumspädagogischen Konzeptes ist es kaum möglich, sich alles genau anzuschauen und die Zusammenhänge zu verstehen. Viel wichtiger ist jedoch die emotionale Wirkung auf Besucher: Der Schrecken und das Trauma der Katastrophe werden – auch durch die Beleuchtung mit grellen Blau- und Rottönen – unmittelbar begreifbar.

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Ein zweiter großer Gedenksaal wurde altarhaft rund um ein Holzboot eingerichtet, in dem Puppen liegen. Assoziationen zur Arche Noah stellen sich ein. An den Wänden hängen Fotos verstorbener Kinder, hölzerne Fenster und andere reliquienartig angeordnete Erinnerungsstücke.

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Die Ausstellung beinhaltet über 7000 einmalige Artefakte der Katastrophe: wichtige Dokumente, Karten und Fotos, vermischt mit Sehenswürdigkeiten der Volkskultur in der Region Polessje. Selbst wenn man seit 2011 wieder den Ort der Reaktorkatastrophe besuchen kann, bleibt das Tschernobyl-Museum im gut 100 km entfernten Kiew das einzige seiner Art und Größe in der Ukraine. Es bietet wohl auch einzigartiges Videomaterial (ich hatte dazu keine Zeit) und versucht auch mit Computeranimationen die Ereignisse nachzustellen. Durch den Einsatz von neuen Medien wird das Museum seit einigen Jahren erweitert, vor allem wird versucht den chronologischen und thematischen Rahmen des Museums zu erweitern, zum Beispiel um die jüngste Katastrophe von Fukushima. Ich hoffe nicht, dass eines Tages auch eine Abteilung zu Cattenom dazu kommt …

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

Meinen ersten Marathon habe ich übrigens überlebt, brauchte leider knapp über 4 Stunden. Und was den Nuclear Fallout betrifft: Zwar erfolgte die größte Freisetzung an radioaktivem Material während der ersten zehn Tage nach dem GAU. Die Wolken trieben allerdings zuerst über Weißrussland, Russland und Skandinavien, dann über Polen, Tschechien, Österreich, Süddeutschland und Norditalien. Erst danach über die gesamt nördliche Halbkugel. Meine Paris-Eskapade hatte insofern nicht geholfen.

Adresse: Provulok Chorevoj 1, 04071 Kyiv, Ukraine, Tel.: 0038 (044) 417-54-22, E-mail: museum@chornobylmuseum.kiev.ua, Homepage

Verwendete Literatur: Günther: Kiev. Rundgänge durch die Metropole am Dnepr, Trescher Verlag Berlin, 3. akt. Aufl. 2011, S. 95ff; Wikipedia-Artikel: Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl;

Das Tschernobyl-Museum in Kiew © Ekkehart Schmidt

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  1. Die Zytnij-Markthalle_Kiew | akihart

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