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Lenins Sockel in Kiew

April 14, 2015

Der zu Ehren des Begründers der ukrainischen Literatursprache und Malers Taras Schevchenko benannte Boulevard ist eine der Hauptachsen des „lateinisch“ genannten Intellektuellen-Viertels von Kiew. Er führt vom Bessarabska Markt am Prachtboulevard Krestschatyk hoch zur Universität und diversen Museen. Eingangs des breiten, von Pappeln gesäumten Mittelstreifens, steht ein massiver schwarzer Podest: Das ehemalige Lenin-Denkmal. Oder genauer gesagt: Die letzte von ehedem unendlich vielen Lenin-Statuen in Kiew. Etwa 2100 Statuen hat es im ganzen Land gegeben, über 600 wurden bislang zerstört. Dieses Denkmal gehörte jedoch zu den bekanntesten. Der kleine Platz hat schon unterschiedlichste politische Geschehnisse erlebt. So ist hier nach der Befreiung Kiews von den Nazis 1945 eine Bühne aufgestellt worden, auf der Kollaborateure öffentlich gehängt wurden. Das ehedem rund 10 m hohe Lenin-Denkmal mit einer Statue aus rotem Granit und einem Sockel aus Labradorit, der wie Metall wirkt, wurde 1946 errichtet und von Chrustschow persönlich enthüllt. Vielleicht wegen seines künstlerischen Werts war ihm nach der Unabhängigkeit der Ukraine von der UdSSR 1991 der Abriss erspart geblieben. Es heisst aber auch, Kommunisten hätten darum gebeten, wenigstens diese eine Statue zu erhalten. Hier ein Foto von 2009:

Iwi

2009 wurde die Statue lediglich beschädigt, aber wieder repariert. Bis der 8. Dezember 2013 kam. Schon am 24. November, drei Tage nachdem Präsident Yanukovych die für viele schockierende Nachricht verkündete, das lange vorbereitete EU-Assoziierungsabkomen nicht unterschreiben zu wollen, zogen Zehntausende Demonstranten den Boulevard hinunter in Richtung Maidan. Am 1. Dezember hatte es während einer Großdemonstration einen Versuch gegeben, die Statue zu stürzen. Am 8. Dezember folgte ein Höhepunkt des Protests mit 500.000 Demonstranten, die am Maidan die ersten Barrikaden errichteten und spät abends dieses letzte Symbol des ehedem die Ukraine beherrschenden und sich nun neu  gefährlich dominant erweisenden Russland vom Sockel stießen und per Hammer zerstörten.

Lenins Sockel in Kiew © Ekkehart Schmidt

Lenins Sockel in Kiew © Ekkehart Schmidt

Lenins Sockel in Kiew © Ekkehart Schmidt

Lenins Sockel in Kiew © Ekkehart Schmidt

Lenins Sockel in Kiew © Ekkehart Schmidt

Lenins Sockel in Kiew © Ekkehart Schmidt

Es bleibt das Podest, auf dessen farbverschmierter Oberfläche noch einige der eingravierten Zitate Lenins zu lesen sind und der wohl noch eine Weile so stehen bleiben wird. Rundherum wurden die Stufen zum Podest wie die Gitter rundum den kleinen Platz in den ukrainischen Nationalfarben bemalt. Ob sich die dort vor zwei Wochen mittags schlafende Obdachlose für diese letztlich nur symbolischen Fragen interessiert?

Wo Lenin abgeblieben ist, wäre auch eine interessante Frage: An der Küste vor der Krim bei Tarchankut haben beispielsweise Taucher nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein ungewöhnliches Unterwassermuseum geschaffen, in dem sie eine letzte Ruhestätte abgeräumter Denkmäler sowie Stalin- und Leninbüsten geschaffen haben, genannt „Führerallee“. Der Tauchclub Afalina bietet Tauchtouren dorthin an.

Nachtrag 1: Mehrere Lenin-Denkmäler unter anderem in Kramatorsk im russischsprachigen Osten der Ukraine sind in der Nacht vom 17./18. April 2015 vom Sockel gerissen worden. Nationalistische Demonstranten hatten schon am 28. September 2014 in Charkow die grösste noch stehende Lenin-Statue des Landes zerstört.

Nachtrag 2: Am 15. Mai hat der ukrainische Präsident Poroschenko vier Gesetze über die „Verurteilung des kommunistischen und des nazistischen Regimes“ unterzeichnet, die unter anderem sowjetische Symbole verbieten. Der Kiewer Stadtrat hat beschlossen, zum Unabhängigkeitstag am 24. August alle sowjetischen Symbole an Gebäuden oder U-Bahn-Stationen im städtischen Besitz zu entfernen. Unter Bürgern sowie international hat sich dagegen starker Protest erhoben. Nach Auffasung der OSZE stellt das Verbot eine potentielle Gefahr für die Rede- und Pressefreiheit dar.

Verwendete Quellen: Anders, Ada: Ukraine, Reise-Handbuch, DuMont, Ostfildern, 2012, S. 440;  Iwi: Iwi rockt Vorozneh, Blog, 31.03.2009 (Quelle des obersten Fotos); Gusev, Gleb/ Donin, Kostiantyn/ Kadygrob, Volodymyr/ Pavlychko, Dana/ Taylor, Kateryna (Hg.): # Euromaidan. History in the making, Kiew 2014, S. 81, 90-91, siehe auch: euromaidanbook.com; Podvalov: Der letzte Lenin von Kiew, Mein Kiew Blog, 28.09.2006; Schäfer, Günther: Kiev. Rundgänge durch die Metropole am Dnepr, Trescher Verlag Berlin, 3. akt. Aufl. 2011, S. 153; SputnikNews: ‚Jihad‘ on Lenin Monuments: What is Kiev Trying to Conceal? (19.04.2015); Hammer und Sichel in der Ukraine verboten (Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek, 19.05.15);

Wikipedia-Artikel Lenindenkmäler in der Ukraine und Lenindenkmal (Kiew);

Lenins Sockel in Kiew © Ekkehart Schmidt

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