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Der Kitschbildermarkt von Kiew

April 11, 2015

Die ursprünglich romantische Andreassteige mit dem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts fast unveränderten Straßenbild und seinen schön restaurierten Häusern, über die man von der Kiewer Innenstadt hinunter zum alten Hafen- und Handelsvorort Podil gelangt – dieses Viertel, in dem der Schriftsteller Michail Bulgakow und bis in die späten 1990er-Jahre viele ernst zu nehmenden Künstler lebten, ist durch Investments von Neureichen und die Sehnsucht vieler Touristen nach einem so „malerischen“ Viertel, in den vergangenen 15 Jahren zu einem zweiten Montmartre verkommen. Der so genannte Kunsthandwerks- und Souvenirmarkt entlang der Straße, über welcher die grandiose Andreaskirche in der Luft zu schweben scheint, bietet fast nur noch Billigware: Tinnef und Touristennepp von Matrjoschka-Püppchen bis T-Shirts vom imaginären Hard Rock Café Tschernobyl. Aber Fehlanzeige bezüglich der bemalten, eingewachsten Holzeier, die es hier früher gab und die ich gerne zu Ostern mitgebracht hätte. Unterhalb der Andreaskirche geht es rechts ab in eine Straße, die in den steilen, unbebaubaren Wald unterhalb des Funikulars führt. Hier stellen Maler ihre Werke aus. Genauer gesagt: Straßenhändler, die als Galeristen fungieren, bieten auf etwa 100 Metern beidseits der unbefahrenen Straße eine Ware an, die heute bis auf ganz wenige Ausnahmen nur als Kitsch qualifiziert werden kann. Immerhin Originale, meistens in Öl, aber doch eher Massenware: Stilleben mit Blumen und Obst, romantische Waldszenen etc. Dennoch: Am Samstag vor zwei Wochen habe ich das erste Mal seit sicher 20 Jahren ein Bild gekauft! Ich glaube, das letzte Mal war 1996 in Batum in Georgien. Ich sah es gleich zu Anfang, brauchte aber den kompletten Überblick über den Markt, um mich zu entscheiden.

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

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Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Nein. diese durchscheinenden Wellen waren zwar faszinierend, was die Frage angeht, wie man Kitsch und Kunst à la Turner und Monet unterscheidet, aber mein Favorit war das unscheinbare Stilleben mit Granatäpfeln und Pflaumen in einer türkisfarbenen Schale hier unten auf dem Boden:

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Ich hatte anfangs des Rundgangs gefragt und es sollte 1000 UAH kosten (gut 39 EUR). Jetzt sagte ich, dass es mir zu teuer sei und ich höchstens 600 UAH (etwa 24 EUR) zahlen würde – in der Erwartung, das wir uns bei 800 einigen würden. Die junge Frau ging zum Auto, rief die Künstlerin an – und 600 war OK! Also dann: Meine Lebensgefährtin liebt Granatäpfel und das Bild passt hoffentlich gut in unsere Küche.

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

So konnte ich jetzt in aller Gelassenheit zurück zum Pavillon mit seinen Büsten und Denkmälern im Park an der Andreassteige gehen und von dort runter nach Podil schlendern, ohne nach handgestickten Stoffen du Kleidern gucken zu müssen… Allerdings sehr ernüchtert: Ob es in den teuer sanierten Gebäuden noch Ateliers und Galerien von Künstlern gibt? Im Vergleich zu einer Beschreibung von Michael Martens, der 1998 schon ahnte, was hier passieren wird, ist der berühmte Andrejewskij-Hang längst nicht mehr „der geistige Puls der Ukraine“. Er wurde zum Spekulationsobjekt, dessen Hülle saniert, dessen Seele mit der Vertreibung der Künstler aber getötet wurde.

Verwendete Quellen: Martens, Michael: Hier schlägt das Herz, hier sitzt der Kopf. Und jeder Pflasterstein weiß eine Geschichte zu erzählen: Der Andrejewskij-Hang im Kiewer Künstlerviertel Podol, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.1998; Schäfer, Günther: Kiev. Rundgänge durch die Metropole am Dnepr, Berlin 2011, S. 68ff, 73;

Der Kitschbildermarkt von Kiew © Ekkehart Schmidt

From → Kiew, Märkte

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  1. Die Zytnij-Markthalle_Kiew | akihart

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