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Ammar und Hanaa auf der Urban Art Biennale 2015_Völklingen

März 22, 2015

Völklingen ist nicht Venedig. In vielerlei Beziehungen nicht. Aber die kleine, nicht wirklich romantisch-nostalgische Gefühle weckende saarländische Industriemetropole weist zumindest zwei wichtige Bezüge zur italienischen Lagunenstadt auf: Beide sind Weltkulturerbestätten und beide organisieren alle zwei Jahre eine Kunst-Biennale. Am kommenden Sonntag, den 29. März, startet mit der “UrbanArt Biennale 2015″ die mittlerweile dritte Ausstellung des Weltkulturerbes Völklinger Hütte zur Kunst, die sich aus Graffiti entwickelt hat. Alle zwei Jahre zeigt hier das Europäische Zentrum für Kunst und Industriekultur „die entscheidenden Positionen und zeitgenössischen Entwicklungen dieser jungen Kunst des 21. Jahrhunderts“. Man hofft, damit eine der bedeutendsten Werkschauen zur Urban bzw. Street Art in Europa zu etablieren. Der Ort passt: Die Möllerhalle mit ihrem rostigen Charme verweist zugleich auf die Herkunft dieser Straßenkunst, wie auf die Museen und Galerien, in denen einige ihrer Protagonisten mittlerweile angekommen sind. Hier, wo einst die Rohstoffe für die Eisenindustrie gelagert wurden, werden jetzt 100 Kunstwerke von 81 Künstler/innen aus 21 Ländern ausgestellt.

Mich interessiert die diesjährige Biennale in besonderer Weise, nicht nur, weil ein Schwerpunkt auf die Urban Art im arabischen Raum und in Ägypten gelegt wird, die ich in bei sporadischen Besuchen in Kairo seit gut 5 Jahren nicht nur im Kontext der Arabellion zu dokumentieren versuche (siehe: Postrevolutionäre Graffiti und Wandmalereien in Kairo), sondern auch, weil ich das Glück hatte, die in Völklingen prominent vertretenen ägyptischen Künstler Ammar Abo Bakr und Hanaa el-Degham im März 2012 in Kairo in Aktion zu erleben (siehe: Ala, Amar und Hanaa bemalen die befreite Straße).

Ich erlebte, wie Ammar den Kopf von Suzanne Mubarak als Teil einer mehrköpfigen gut 50 m langen Schlange malte, die sich entlang mehrerer Häuser nahe des Tahrir wand – ein ikonisches Bild der Revolution. Über den damaligen Studenten der Kunstakademie in Luxor heißt es in einer Ausstellungsankündigung, er sei ein Künstler, „der sich im Zuge der ägyptischen Revolution 2011 der Street Art zuwandte“. Ammar Abo Bakr sei von der spirituellen Strömung des Sufismus beeinflusst und interessiere sich insbesondere für die traditionelle ägyptische Kunst und Kultur. Auch Hanaa el-Degham (Foto unten) arbeitet in einem Stil, der in seinem monumentalen, figurengesättigten Bildaufbau sehr ausdrucksstark ist. Ihr Bild Dutzender schwer an Gasflaschen tragender Hausfrauen wurde jedoch nie vollendet. Passend dazu hat Hanaa ihr in Völklingen gezeigtes Werk, das an die Wandbilder des mexikanischen Muralismo erinnert, „The return of the egyptian spirit… not yet realised!“ genannt.

Das von Hanaa hier gezeigte Werk, das an die Wandbilder des mexikanischen Muralismo erinnert, nennt sie „The return of the egyptian spirit… not yet realised!“. Im Februar wurde unter dem Einfluss des Anschlags auf „Charlie Hebdo“ in einer Ankündigung vor allem ein aktuelles Werk von Ammar Abo Bakr hervorgehoben, das in Völklingen zu sehen sein wird: „Sein Bild ‚A Sufi Responds‘ ist dem Porträt von Sheikh Amin El-Dishnawi nachempfunden, der für seine ekstatischen Sufi-Songs bekannt ist. Auch Anhänger des Sufismus waren Opfer von gewalttätigen Attacken. Der Text ‚Je suis celui qui n’a pas le droit d’être‘ ist eine Reaktion auf die tragischen Attacken auf ‚Charlie Hebdo‘ und eine Reaktion auf die Doktrinen des dschihadistischen Salafismus, die Gewalt gutheißen. Diese Opposition gegen islamistischen Terrorismus gelte, obwohl Sufis nicht mir satirischen Cartoons einverstanden wären, die sich über ihren Propheten lustig machen.“

urbanart2015

Das freilich ist nicht, was mich hier wirklich interessiert. Erst möchte ich wirklich verstehen, in welchem Selbstverständnis der heute 35-jährige Ammar oder die 38-jährige Hanaa und andere während der Revolution Street Art machten, deren Bildsprache zunächst einen enormen Einfluß auf die Rebellion gegen Mubarak hatte, letztlich aber tragischerweise machtlos war, als die Kräfte der Restauration in einem allgemein akzeptierten Putsch erneut das Militär an die Macht brachte, nachdem und obwohl das Volk in demokratischer Weise die Muslimbrüder in die Regierungsverantwortung gewählt hatte.

Am 14. Mai wird die Ausstellung in der Möllerhalle ergänzt um den „UrbanArt Parcours“ auf dem Gesamtgelände des Weltkulturerbes. Da werden dann auch Arbeiten anderer arabische Street-Art-Künstler, die ich nicht kenne, ausgestellt: Ganzeer, el Seed und Aya Tarek.

Verwendete Quellen: Conrad, Dietlinde: Kraft und Kreativität (Luxemburger Wort, 02.04.2015); Hell, Andreas: UrbanArt Biennale 2015 im Weltkulturerbe Völklinger Hütte: Künstler thematisieren Terroranschlag von Paris mit aktuellen Arbeiten, 04.02.2015; Hell, Andreas: UrbanArt Biennale 2015 im Weltkulturerbe Völklinger Hütte startet bald, 17.02.2015; Sielmann, Christian: bunt, schrill, faszinierend (Letzebuerger Journal, 30.03.2015);

Mehr zu Ammar Abo Bakr: Mousa, Sarah: Ammar Abo Bakr: Comitting Murder, the marching in the funeral procession, Jadaliyya, 27.01.2014; Pfannkuch, Katharina: Street Art in Kairo: Die Wand gehört dem Widerstand, SPIEGEL Online, 24.09.2012;

Mehr zu Hanaa el-Degham: Homepage der Künstlerin; Le quotidien: Murs revolutionnaires à Völklingen (08.04.2015)

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