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Anders als erwartet: Abenteuer Dascht-e Lut

März 21, 2015

Dieser Ausflug war eine Fahrt in einen völlig unerwarteten Dunst und Nebel – bezogen auf das Wetter, wie auf unser Verständnis des heutigen Lebens der iranischen Jugend. Es dauerte einige Stunden, bis er sich lichtete und wir plötzlich wieder klar sehen konnten. Im März 2013 hatte die Mutter meiner Freundin uns in Kerman einen „Ausflug“ gebucht, damit wir wir die sonst so schwer zugängliche Dascht-e Lut sehen. Sie beginnt direkt hinter einem Nord-Süd-Gebirgszug hinter der Stadt, ist aber nur durch eine Fahrt über einen hohen Pass erreichbar. Öffentliche Busse fahren – soweit ich weiß – keine. Insofern waren wir voller Erwartung, bei dieser Busfahrt mit einer Reiseagentur zumindest eine Ahnung von der viel gerühmten großartigen Weite dieser Landschaft zu bekommen und einige nahe gelegene faszinierende Naturphänomene zu erleben. Die Lut ist mit 166.000 km² (das ist mehr als das doppelte der Fläche Bayerns) die größte Wüste des Landes. Im Norden schließt sich die zweite große iranische Wüste, die Dascht-e Kawir an. In Anlehnung an den Namen „Leeres Viertel“ für die große saudi-arabische Wüste könnte man hier von der „Leeren Hälfte“ des Iran sprechen. Jenseits im Osten gibt es nur noch einen relativ schmalen Streifen bewohntes und bewirtschaftetes Land, ehe man die Grenze nach Afghanistan und Pakistan erreicht.

Lut und Kawir stehen beide, bedingt durch die Wendekreislage, unter dem Einfluss der sog. Passatzirkulation. Ferner wird die extreme Trockenheit noch durch umliegende regenabschirmende Gebirge verstärkt. Südwestlich wird die Lut durch das Zagros-Gebirge begrenzt. Durch diese Bedingungen ist der jährliche Niederschlag geringer als 50 mm. Mit Oberflächentemperaturen bis zu 70,7 °C im Sommer (allerdings nur per Satellit gemessen, mehr dazu hier) ist sie einer der heißesten Orte der Erde. Unsere Tour sollte über die Passhöhe zum Westrand der Lut und über eine letzte Gebirgsfußoase etwa 80 km weiter hinein führen, ehe es – mit Picknick – zurück nach Kerman gehen würde. Wir stellten uns die Tour so vor, wie man sich mit dem Erfahrungsschatz eines Europäers eine organisierte Tour in eine Wüste vorstellt, zumal sie nicht billig war: Natürlich viel Fahrerei, dazu aber fachkundige Erklärungen, ein halbes Dutzend Ausstiege mit Besichtigungen interessanter Felsformationen, der Oase und der dortigen Ortschaft sowie zwischendurch ein nettes Picknick. So etwas ähnliches suggerierte auch der Flyer. Uns war jedoch entgangen, daß es noch völlig andere Interessen geben kann, sich per Bus in die Wüste zu begeben…

Beim Treffpunkt in der Khomeini Straße, an einem eisig kalten frühen Morgen um 6 Uhr, befanden wir uns anfangs noch in dieser Illusion. Doch dann wurden aus den erwarteten 20 plötzlich 40, 80 und 100 Mitfahrer, keiner älter als 25 Jahre. Aus einem Reisebus wurden zwei plus einem „schnell“ noch herbei geschafften Minibus. Es schien, als würde gewartet werden, daß möglichst viele Leute mit können, egal wie lange das dauert. Die beiden jungen Frauen der Reiseleitung sind völlig überfordert, während die eine zunehmend konfus zu managen versucht, was nicht zu beherrschen ist, hält sich die andere aus dem Organisatorischen raus, bleibt ruhig und unterhält sich mit uns. Später hören wir, dass sie die Fachfrau für die Geologie der Wüste ist.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Gegen 7 Uhr ging es endlich aus der Stadt heraus südwärts und nach 20 km hoch in die Berge. Nach Durchquerung der Passhöhe ändern sich Klima und Vegetation abrupt. Das Gebirge wirkt als Wetterscheide: Während zunächst noch etwas von der Feuchtigkeit der Wolken lebende Vegetation sichtbar ist, wird am jenseitigen Fuß der Berge aus der Steppenlandschaft übergangslos Wüste – mit Ausnahme des von Obstbäumen bestandenen Gebirgsortes Sirch. Es müsste normalerweise auch sofort heißer werden, heute aber liegen Dunstwolken über der Wüste, die keine Sonne durchlassen – ganztags, was sehr ungewöhnlich ist und wofür uns auch niemand eine Erklärung geben kann.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

So fuhren wir aus den Bergen hinab in ein riesiges Wüstenbecken, das durch Drift und Kollision der Kontinentalplatten entstanden ist. Wenige Regionen der Erde sind so schwer zugänglich und lebensfeindlich wie diese – und so schön. Jedenfalls bei klarem Wetter. Aber letztlich haben wir Glück, dass es so dunstig und damit kühl bleibt.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Ziel unserer Tour sind die Shar-Lut (sog. Wüstenstädte), die allerdings nichts mit einer menschlichen Besiedlung zu tun haben. Im Gegensatz beispielsweise zur Sahara wurden in deren Inneren keine Funde gemacht, die hier früheres Leben bezeugen, nicht einmal Fossilien. Die Lut ist aufgrund dieser lebensfeindlichen Konditionen auch heute noch menschenleer. Lediglich im südlich der Lut gelegenen Gebirge leben Nomaden im Sommer, im Winter ziehen sie weiter Richtung Persischer Golf. Eine Ausnahme sind sehr vereinzelte Gebirgsfußoasen mit kleinen Ortschaften in Dattelhainen wie Shahdad, an der wir nach 95 km  vorbeifahren. Hier wurde eine 5000 Jahre alte prähistorische Stätte ausgegraben. Ich bin etwas überrascht, dass unsere Tour keinen Halt vorsieht. Stattdessen fahren wir zügig gut 100 km erst nord-, dann ostwärts in die Wüste hinein. Allmählich wird uns auch klar, warum sich niemand für solche und andere äußeren Phänomene interessiert: Die Gardinen waren gleich am Ortsausgang zugezogen und Musik aufgedreht worden – was zählte, war allein das, was im Bus abging. Die Gruppe junger Leute wärmte sich gewissermaßen auf.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Das Desinteresse an der Außenwelt setzt sich auch fort, als wir eine sehr bizarre Landschaft mit kleinen, bewachsenen Sandaufwehungen durchfahren, genannt Nebka, die wie Inseln in einem Meer wirken. Hier fragen wir unsere Geologin, die sich tatsächlich gut auskennt: Nebkas entstehen, wenn sandhaltiger Wind auf Hindernisse wie Wüstenpflanzen oder im Boden verankerte Objekte (Baumstrünke oder Steine) trifft. Der lockere Sand sammelt sich um und hinter den Hindernissen. Nebka-Pflanzen bilden in der Wüste einen geschlossenen Lebenskreislauf. Sie fangen morgens den Tau ein und bewässern sich damit selbst. Durch das Wasser und die Früchte der Pflanzen werden Insekten und kleine Reptilien angelockt, die wiederum Nahrungsquellen von Vögeln und verschiedenen Säugetieren sind. Letztere legen im Sandhügel ihre Bauten an und düngen mit ihren Exkrementen die Pflanzen.

Erst als die ersten grandiosen Steinformationen am Horizont erscheinen, die wohl durch eine prähistorische heftige Flut entstanden sein müssen und später jahrtausendelang durch die Kräfte von Hitze und Wind geschliffen wurden, beginnt sich die Busgesellschaft für die Außenwelt zu interessieren. Wir erreichen – mit dem ersten Ausstieg – das Ziel unserer Tour.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Ab hier beginnt ein Gebiet von 80 x 140 km Größe, in dem sich hunderte von langen parallelen Gebirgszügen in Nord-Süd-Richtung erstrecken. Sven Hedin nannte diese Formationen „Yardang“. Hinter diesem Abtragungsrelief, geologisch so genannter „Yardang-Riegel“ (pers.: Kalout) erstreckt sich ein ähnlich großes Gebiet mit Aufschüttungen von bis zu 370 m hohen Sanddünen. Seitens der Ausflugsleitung gibt es jedoch keinerlei Erklärungen. Stattdessen schwärmen alle aus.  Wir halten uns an unsere Geologie-Expertin, die sich dankbar für Fragen erweist, uns erklärt, dass diese Kalout-Felder da sie so schroff und artifiziell wirken und Ähnlichkeit zu städtischen Gebäudekomplexen haben, Shar-Lut genannt wurden, suchen uns dann auch eine Felsformation aus. Die meisten können relativ einfach, wenn auch selten vollständig bestiegen werden: Über die ausgewaschenen Rinnen gelangt man über recht rutschiges Material schnell aufwärts. Die rundherum sichtbaren Felsen gleichen sich und wirken tatsächlich fast wie eine städtische Agglomeration. In unregelmässigen Abständen von etwa 30 – 50 m hat der Wind in gleicher Richtung zwischen den ehemals wohl durchgehenden Bergketten Rinnen entstehen lassen, die teilweise sandig, teilweise aus hartem Untergrund bestehen. Nur die Felsen aus härterem Material sind nach jahrtausendelangem Schliff übrig geblieben und formen die aus der flachen Umgebung hoch ragenden Kalout. Ähnliche Phänomene gibt es in der Wüste Gobi und der Weißen Wüste Ägyptens.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Ich habe jetzt erst richtig verstanden, warum so viele junge Leute bei dieser Tour mitfuhren: Während gut zwei Stunden konnte man hier ganz allein unterwegs sein, frei, also ohne Aufpasser und Beobachter. Päarchen, die sich alleine auf den Weg machten, sah ich aber fast keine. Darum ging es auch nicht. Man kann auch in einer Gruppe ganz für sich sein. Vor allem geschützt vor Sozialkontrolle. Das ist schon viel.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Mittlerweile war auch eine andere Ausflugsgesellschaft in älteren Busse angekommen. Wir fahren von hier aus weiter gut 20 km in die Wüsten hinein bis zu einer Brücke über den Shur Rud, einem völlig verschlammten Fluss, der wenige Kilometer weiter südlich in der (abgesehen von heute) sengenden Hitze versandet.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Ab hier fährt man gut 200 km durch die Lut, ehe man an die nächste Ortschaft kommt. Nur wenige Lkw fahren diese Strecke. Wir aber drehten nach diesem zweiten Ausstieg um und fuhren zurück – weiteren Ausstiegen entgegen, wie ich dachte. Aber es ging schnurstracks zurück in die Berge unterhalb der Passhöhe zu dem durch blühende Obst- und Nussbäume frühlingshaft wirkenden Dorf Sirch auf 1550 m Höhe, an dem wir schon am frühen Morgen jenseits der Passhöhe vorbei gekommen waren.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Nach einem Tee und einem in Styropor verpacktem Reisgericht mit Huhn, erfuhren wir, das die Ausflugsgesellschaft den gesamten Nachmittag hier bleiben würde. „Hier“ hieß sehr konkret: Hier im ummauerten Garten, bei geschlossener Pforte. Es gelang uns, ohne Entrüstung vortäuschen zu müssen, nach Angabe einer Handynummer das Gelände verlassen zu dürfen, um gute drei Stunden entlang des Baches durch das Dorf mit seinen Feigen- und Kirschbäumen zu laufen, ein Lagerfeuer zu machen und zwei als Naturdenkmäler bekannte Riesenzypressen zu besuchen, eher wir per Anruf zu den Bussen zurück gerufen wurden. Leider entdeckten wir keine Teestube, sondern nur einen auf Sommerausflügler wartendes Kebablokal und einen winzigen, sehr provisorischen Moschee-Neubau. Egal: Wir fühlten uns endlich frei.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Später erfuhr ich, dass hier vor zwei Monaten ein Erdbeben die gut 1600 Bewohner des Dorfes erschreckt hat. Anders als 30 Jahre frher, als hier 500 Menschen bei einem Erdbeben starben, gab es diesmal keine Tote. Gut 12 Stunden nach Beginn des Ausflugs erreichten wir – natürlich wieder ohne jeden Stopp, dafür bestens von der neuesten persischen (also kalifornischen) Popmusik beschallt – die Ebene von Kerman.

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

Ernüchtert in Bezug auf unsere ursprünglichen Erwartungen, aber auch froh über völlig andere, ganz neue Erfahrungen, erreichen wir die Stadt. Wir haben nicht gesehen, was wir uns vorgestellt haben, dafür möglicherweise viel interessantere Einblicke in das aktuelle Leben. Für die Schönheiten der Wüsten werden wir wohl noch einmal hierhin fahren müssen – im Privatauto. Der amerikanische Fotograf George Steinmetz ist vor Jahren für GEO in den Iran gereist und hat die wundersamen Landschaften der Lut, die wir nur ebenerdig im Dunst sehen konnten, aus der Luft dokumentiert (Beispiel).

Verwendete Quellen: Arani, M. Farzadmehr: Kerman. Land of History and Nature, Teheran 2010, S. 65; ARD: Hitzerekorde aus aller Welt ; Gravenkamp, Bernhard: Iran: Lut-Extrem-Expedition, Reiseberichte geo-tours.de; Niemann, Hartmut/ Paul, Ludwig: Iran, Reise Know-How, Bielefeld, 3. Aufl. 2012, S. 594f; Paywand Iran News: Teams dispatched to Sirch earthquake site in Iran, 22.01.2013; Platten, Giana: „In die Wüste Dasht-e Lut” mit Ulrich Müller, nomadenblog, 13.03.2014; Wikipedia-Einträge: Nebka (Geomorphologie)Wüsten Afghanistans und des Iran sowie Yardang;

Dascht-e Lut 2013 © Ekkehart Schmidt

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