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Endzeitstimmung unter Aldringen

März 10, 2015

Am 28. Februar schloss das unterirdische Parkhaus Aldringen. Die darüber liegende Fußgängerunterführung und Passage namens „Centre Aldringen“ sowie der angrenzende Gebäudekomplex aus mehreren Hochhäusern wird abgerissen. Die Nana La grande tempérance von Niki de Saint-Phalle wurde schon 2011 abmontiert. Der seit 2010 geplante Umwandlungsprozess dieser zentralen Drehscheibe der Hauptstadt zieht sich allmählich derart in die Länge, dass man sich – trotz großer Befürchtungen bezüglich einer neuen jahrelangen Riesenbaustelle – fast wünscht, dass man endlich beginnen möge. Und tatsächlich ging es am 1. März sichtbar los mit dem Abriss der Außenverkleidungen des städtischen Verwaltungshochhauses, das teilwesie bereits seit 2007 leer stand. Wer dieser Tage mit Tausenden Pendlern, Studenten und Schülern, Auto- und Busfahrern, Geschäftsleuten und Anwohnern, die seit Ende der 1970er-Jahre täglich am Hamilius, dem hier angesiedelten zentralen Busbahnhof nahe der Altstadt vorbei mussten, kann beobachten, wie „das alte Herz von Luxemburg stirbt und eine neue, spannende Epoche anbricht“, wie es das Tageblatt jüngst formulierte. Glaubt man den Plänen der Architekten des Projekts „Royal Hamilius“, Foster and Partners, wird hier – nach 4 Jahren Bauzeit – eine vielversprechende neue urbane Struktur entstehen. Aber das versprachen schon die Zeichnungen vor den Umbauten 1975-1979, denen eine lebendige Geschäftswelt in der Passage mit ihren 10 Eingangstreppen vorschwebte…

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Anders als angekündigt, ist die 1979 eröffnete Unterführung bis heute noch zugänglich. Bevor dieses Stück Stadtgeschichte endgültig der Vergangenheit angehört, bin ich am 4. März mittags noch einmal hinuntergestiegen an diesen Ort, den wohl jeder Bürger des Landes mindestens einmal durchquert hat. Hier unten herrscht jetzt Endzeitstimmung. Es ist fast beklemmend, hier im schummrigen Licht hindurch zu gehen, um nach gut 100 Metern jenseits des Boulevard Royal wieder ans Tageslicht zu kommen. Einkaufen kann man hier schon seit gut drei Jahren nicht mehr. Aber auch vorher schon ist die Unterführung zu Lasten der Geschäftsleute gemieden worden, „weil eine Reihe von Leuten verschiedenen Gruppen, die die Passage als Treffpunkt nutzten, lieber nicht habe begegnen wollen“, wie das Wort andeutete. Gemeint war wohl neben Obdachlosen und Dealern auch die Szene Hip-Hop-DJs und Breakdancers, die sich hier in ihrem „Tempel“ traf. Ab dem 12. Oktober 2012 hatten Street Art Künstler aus verschiedenen Ländern 48 Stunden lang freie Hand, ja sogar den Auftrag, sich auszutoben bzw. die weiten Räume zu „bomben“, wie es in der Street-Art-Sprache heißt: also vollständig mit Graffitis zu besprühen (Artikel im Wort, Fotos bei grrrr mit vorher/ nachher). Der Originalzustand ist bei den meisten Werken noch vorhanden, aber durch die weitgehend bereits abgerissene Deckenverkleidung wirken sie jetzt völlig anders, zumal längst auch andere Graffitis und Plakate dazugekommen sind. Hier unten ist es erstaunlicherweise geleckt sauber, abgesehen von einer abgestellten Palme und der Ecke eines Obdachlosen.

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Während man an der Frau in Blau nordwärts zum Boulevard Royal gelangt, kommt man, vorbei am alten Kassenhäuschen, zum Ausgang in Richtung Avenue Monterey, einem Teil der Passage, in dem die Deckenverkleidung noch intakt ist.

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

In der nordöstlichen Ecke führt dagegen keine Treppe hoch zum Boulevard Royal, dafür ist hier ein Ausgang der Tiefgarage, neben der sich eine von weitem nicht einsehbare Ecke befindet, in der Obdachlose auf Holzverkleidungen übernachten, die sie von ehemaligen Ladenfassaden abgebrochen haben.

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen (c) Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Die ehemaligen Läden sind seit mehreren Jahren geschlossen, stattdessen gab es Kurzzeit-Neuansiedlungen eher provisorischer Art, die jetzt auch nur notdürftig mit Holz verkleidet sind. Nostalgie stellt sich da nicht wirklich ein.  An diesem Ort der Gegensätze wirken sie eher trostlos. die Toiletten sind allerdings noch in Betrieb.

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Jetzt, wo die Abrissarbeiten beginnen, sind die Tage dieser „Exposition d’Art Urbain“ gezählt.

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Rauf zu David Beckham in eine künftig auch in Luxemburg wirklich globalisierte Welt, in der man froh sein wird, das wenigstens die 1907 erbaute alte Post nicht großen Immobilienprojekten hat weichen müssen.

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

Bei den Abrissarbeiten wird man sich von Norden nach Süden vorarbeiten, also mit denen an der Grand-Rue beginnen und erst am Schluss diejenigen am Rande des Busbahnhofs abreissen. Am 7. April wird die unterirdische Passsage endgültig gesperrt, ab dem 1. Juni soll der Busverkehr umgeleitet werden und bis Ende 2015 soll von den alten Gebäuden nichts mehr übrig bleiben, sodass ab 2016 der Wiederaufbau beginnen kann. Anstelle der Passagen soll ein Supermarkt entstehen, darunter ein auf 630 Plätze dreifach vergrössertes Parkhaus, während der Platz darüber trapezförmig gestaltet und deutlich verkleinert wird, ohne Bushaltestelle – stattdessen wird am ausgangs des zum Boulevard Royal verengten Platzes eine Tramhaltestelle eingerichtet.

Am 13. Juni soll mit „Good Bye Hamilius“ ein letztes Fest der Hip-Hop-Szene stattfinden.

Verwendete Quellen: Bouchafra-Hennequin, Ismail: Par amour de la „vibe“, Le quotidien, 20. Mai 2015; Ernst, Jean-Claude et al: Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Fotoessay (Tageblatt, 27.02.2015); grrrr: Exposition de Street Art – Lux. Une galerie d’Art Urbain provisoire !, Oktober 2012; Lecorsai, Diane: Bauvorhaben der Königsklasse (Luxemburger Wort, 30.12.2014); Lecorsai, Diane: Ein Blick in die Vergangenheit (Luxemburger Wort, 30.12.2014); Matgé, Pierre/ Karaba, Cris: Out of Aldringen. Nostalgische Eindrücke von einem Ort der Gegensätze, (Luxemburger Wort, 17.02.2015); Nonet, Erwan: Les grands manoevres, Le quotidien, 06.03.2015; Paperjam: Royal Hamilius: ça démarre!, 06.03.2015; Stauch, Sammy: Was macht einkaufszentren anziehend? (Luxemburger Wort, 30.03.15); Tageblatt: Keine Busse am Centre Hamilius (Tageblatt, 16.03.2015).

Fotos von den Graffitis im frischen Zustand (Januar 2013) finden sich auf dem Blog „Flussperle„.

Endzeitstimmung unter Aldringen © Ekkehart Schmidt

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  1. Underground Maidan Nesaleschnosti | akihart

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