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Doha Relics

Februar 21, 2015

Der Reiz alter europäischer und orientalischer Städte liegt neben den architektonisch in der Reinform einer bestimmten Epoche erhaltenen Stadtteilen, beispielsweise des haussmann’schen Paris, des viktorianischen London oder des osmanischen Istanbul, auch in den Überprägungen solcher Stadtteile durch moderne Viertel. Dadurch entstehen starke Kontraste, vor allem, wenn in der Dynamik der Entwicklung moderner Metropolen solche Überprägungen aufeinander folgen und zwar kaum noch Relikte der alten Zeit überleben, diese aber exemplarisch anzeigen, wie es hier früher ausgesehen hat.

In Doha, wie auch in den anderen Boomtowns des Erdölzeitalters an der arabischen Golfküste von Kuwait bis Dubai, ging diese – anderswo Epochen dauernde – Entwicklung durch sich zwischen 1973 und 1982 verzehnfachende Preise für Rohöl sowie ähnlich sprunghaft ansteigende Grundstückspreise rasend schnell: Kaum eines der noch 1970 die Stadt dominierenden ein- bis zweistöckigen Gebäude hat überlebt. Sie wurden nahe der Corniche durch Hochhäuser von Banken und Hotels, sowie etwas weiter landeinwärts durch „Souq“ genannte Shoppingmalls und andere Großbauprojekte ersetzt. Aus Habenichtsen wurden innerhalb eines Jahrzehnts Petrodollarprinzen, die sich „Entwicklung“ extern gekauft haben, schrieb Eckhard Freyer schon 1990.

Wie in Dubai und Abu Dhabi wird auch die Skyline Dohas seit kurzem von ursprünglich meist solitär in der Einöde stehenden, jetzt aber zu Gruppen zusammen wachsenden Hochhäusern dominiert. Sie stehen jedoch nicht auf dem Boden der Altstadt, sondern einige Kilometer nördlich auf trocken gelegtem, ehedem versalztem Schwemmland der Bucht, weshalb sie von der Corniche aus eine beeindruckende Skyline bieten.

Diejenigen Profanbauten, die nahe der Innenstadt noch stehen geblieben sind, werden mangels Denkmalschutz in wenigen Jahren restlos verschwunden sein. Lediglich Moscheen, alte Forts und Stadtpaläste der herrschenden Emire haben bei dieser flächendeckenden Metamorphose eine Überlebenschance. Während Doha 1940 als Nest an der „Piratenküste“ gerade einmal 5000 Einwohner zählte, verdoppelte sich deren Zahl bis 1950 auf 10.000, bis 1960 auf 25.000 und bis 1970 auf 60.000. Das gesamte Land hatte 1980 erst 210.000 Einwohner und galt noch damals als das – mit Saudi Arabien – archaischste Gemeinwesen auf der Arabischen Halbinsel. Mir geht es hier um die Bauten aus dieser Zeit, ehe das Wachstum wirklich explosionsartig aus einem öden Nest eine stark globalisierte kosmopolitische großstädtische Agglomeration mit 800.000 Einwohnern und vielen Insignien einer künftigen Sport-, Tourismus- und Business-Metropole gemacht hat.

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Die karge Halbinsel mit ihrer markanten Bucht (arab.: ad-Dauḥa) ist wohl schon seit Jahrtausenden von nomadisierenden Beduinen durchwandert worden. Einen Suk hat es wohl schon Anfang des 19. Jahrhundets gegeben (den späteren Souq Waqif), aber erst 1850 entstand am Nordrand der heutigen „Altstadt“ eine Stadt namens „Al-bida“. Zwar kam die von nomadisierenden sunnitischen Wahhabiten genutzte daumenförmige Halbinsel Qatar 1871/72 unter osmanische Oberhoheit, doch wurden die Osmanen unter Führung der Briten 1882 bekämpft, womit das Volk Qatars den Grundstein zu seiner Unabhängigkeit legte – allerdings als britisches Protektorat (1916-1971). Als äußeres Zeichen der gewonnenen Macht wurde 1917 die Festung al-Kut im Zentrum der Stadt von Scheich Abdullah bin Qasim Al Thani erbaut. Neben einer Handvoll Moscheen ist sie mit dem kleinen Kamelstall davor die einzige bauliche Erinnerung an die Vergangenheit – sieht man einmal ab von den „Dhaus“, jenen traditionellen Handels- und Holzschiffen für Perlentaucher, die weitestgehend funktionslos, höchstens noch als Vergnügungsboote, ein nettes Fotomotiv vor der heutigen Hochhauskulisse der West Bay bieten.

Diese Bauten stehen heute wie prähistorische Überbleibsel zwischen modernsten Gebäudekomplexen. Das Stadtbild vermögen sie nicht mehr zu prägen. Der riesige, 1901 erbaute, ehemalige Herrscherpalast dagegen, in dem sich seit 1975  das Nationalmuseum befindet (zur zeit geschlossen, wahrscheinlich bis zum baldigen Umzug in ein modernes Gebäude am Flughafen) , ist mit dem Uhrturm und der benachbarten Al-Shoukh Moschee in einer Parkanlage städtebaulich harmonisch an die Corniche angebunden. Die ganze Architektur des Gebäudes spiegelt mit seinen Pavillons für jedes Mitglied des Herrscherhauses, separaten Empfangssälen, Höfen und Gärten die Großfamilie wider, für deren Bedürfnisse sie angelegt war, so Arnold Hottinger 1988: „Man kann nicht darin herumwandeln, ohne sich zu fragen, ob die Qataris je wieder eine eigene Kultur entwickeln werden, die so ihre eigene Schöpfung ist, wie dieser Palast es war. Für die nächsten Jahrhunderte scheint es eigentlich kaum vorstellbar.“ Sicher ist, dass der plötzliche Sprung in die technologische Neuzeit zu irreparablen soziologischen Veränderungen einer noch kürzlich im feudalen Stammesdenken verhafteten Beduinenkultur geführt hat. Diese war selbst für heute 50jährige Menschen, die als Kind noch von ihr geprägt wurden, schon als junge Erwachsener in den 1980er-Jahren dem Untergang geweiht. Doha ist „ein Ort, an dem Vorgestern und Übermorgen zusammentreffen“, schrieb Michael Böhm 2009 in der FAZ.

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Hinter der Altstadt entstanden international genutzte Kongresszentren und Sportanlagen, jenseits der West Bay erstrecken sich neue Luxuswohngebiete am Meer. Dazu werden kilometerweit niedrige Wohnbauten in die Fläche gebaut. Schon 1980 wurden Grundstückspreise von 1200 bis 1500 DM pro Quadratmeter Wüste am Stadtrand verlangt. Die ältere, historisch eher unbedeutende Bausubstanz wurde seitdem durch Neubautätigkeit zügig reduziert und wird bald verschwinden. Einige insulare Reste lassen sich aber über Google Maps noch finden. Das folgende Foto zeigt links die alte „Pigeon Mosque“, rechts den ultramoderne Fanar.

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Diese Bauten stehen heute wie prähistorische Überbleibsel zwischen modernsten Gebäudekomplexen. Das Stadtbild vermögen sie – abgesehen vom schon erwähnten ehemaligen Herrscherpalast – nicht mehr zu prägen. Wie in Dubai und Abu Dhabi wird auch die Skyline Dohas seit kurzem von Hochhäusern dominiert. Sie stehen jedoch nicht auf dem Boden der Altstadt, sondern einige Kilometer nördlich an der Bucht, weshalb sie von der Corniche aus eine beeindruckende Skyline bieten. Dazu werden kilometerweit niedrige Wohnbauten in die Fläche gebaut. Die ältere, historisch eher unbedeutende Bausubstanz wird durch Neubautätigkeit zügig reduziert und wird bald verschwinden. Es wäre jedoch ein völliger Trugschluß, sich darüber zu wundern, dass die Qataris vermeintlich ihr historisches Erbe dem Erdboden gleich gemacht haben: Die regierende Oberschicht besteht aus Beduinenstämmen, die nie städtisch organisiert gelebt haben. Doha war schon immer eine überwiegend von Zuwanderern bewohnte Stadt an einem Hafen. Arnold Hottinger zufolge waren viele der Bewohner dieser Fischerstadt freigelassene Sklaven, die als Perlenfischer gedient hatten.

Wigand Ritter betont, dass die Küstengebiete des Golfs von Nomaden sowie nomadenstämmigen Stadtbewohnern und Seefahrern dominiert wurden. Die Städte am Golf seien sozialgeographisch gesehen stets Fremdkörper in den traditionellen Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnissen gewesen, jedoch als Umschlagplätze des Handels und – mit der unendlichen und extrem lebensfeindlichen Wüste im Rücken – als „Kontaktstellen zur Welt“ unentbehrlich:

„Nomadenstämmige Stadtherren benützten sie für die Organisation der Perlenfischerei und der Seefahrt. Gewerbe und Dienste für ein agrares Umland spielten eine geringe Rolle. Die Stadtbevölkerung entstammte in ihrer Mehrheit nicht stammesgebundenen Gruppen, die der schiitischen Richtung des Islam anhängen. Dazu kamen ebenfalls schiitische Fischer und als Zuzügler indische und iranische Händler, einige Agenten europäischer Handelsfirmen und nicht wenige Negersklaven, deren letzte erst um 1970 die Freiheit erhielten. Die großen Kaufleute jedoch, die Schiffsführer, die Kapitäne der Perlenflotten, die Karawanenmeister und auch die regierenden Familien waren durchwegs sunnitische Araber, mit engen Verwandschaftsbeziehungen zu den Scheichs der Nomadenstämme (…) Die Städte am Golf waren sehr schlicht gebaut, ohne die Pracht der Metropolen des Orients. EbenerdigeLehmhäuser waren die Regel. Nur reiche Kaufmannsfamilien bauten sich mehrstöckige Häuser aus Korallenkalk, wobei auf luftige Bauweise der Oberstöcke und schattige Innenhöfe großer Wert gelegt wurde (…) Ärmere Schichten und die nur vorübergehend in der Stadt lebenden Nomaden begnügten sich mit einfachen Hütten aus Palmwedel…“

Heute sind auch in Doha diese Strukturen nur in kleinen Resten vorhanden. Man benötigt den Baugrund für andere Zwecke: Doha wurde zu einem Gebilde amerikanischen Charakters umgewandelt, einem importierten Konzept, das auf Vollmotorisierung der Gesellschaft und einem ungezügelten Energieverbrauch beruht, wie Konrad Schliephake schreibt. Doha ist ein klassischer Rentier-Staat, dessen erhebliches Einkommen „von außen ins Land einfließt und dem keine entsprechende Investitions- oder Arbeitsleistung gegenüber stehen, so daß diese Staatsrevenuen ohne Investitionszwang zur freien Disposition stehen“, wie Claudia Schmid und Peter Pawelka dieses Phänomen definieren.

Mich interessieren bei dieser frappierend schnellen Zerstörung vieler Wohn- und Geschäftsblocks selbst aus den 1970er- und 80er-Jahren vor allem Überbleibsel ziviler Gebäudekomplexe aus der Zeit vor dem Erdölboom. Der Gedanke, darauf zu achten, kam mir beim Besuch des Souq Waqif mit dem Bismillah Hotel, der genaueren Betrachtung der Bonn 1 Laundry in einem Bau aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und des wohl älteren ehemaligen Kaffeehauses und heutigen Jugendzentrums Majlis khas lashbab al-brahat südlich des Citykerns.

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Mit etwas Glück findet man noch einige wenige, meist einstöckige Häuserzüge aus dem frühen 20. Jahrhundert:

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

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Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Zwischen Innenstadt und Flughafen findet sich dieses Ensemble aus Moschee und altem Haus, in einem „Al Salata“ genannten Viertel, wohlsaniert und in einer Parkanlage (die es natürlich vor zehn bis 20 Jahren noch nicht gab). Alle anderen Gebäude dieses Stadtteils am Meer, in dem noch in den 1950er-Jahren die Clans der Al Maadidh Stämme wohnten, sind unter Asphalt (Schnellstraße an der Corniche sowie Parkplätzen der Bürohochhäuser und Hotels) verschwunden.

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

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Deutlich aufwändiger restauriert und mit abendlicher Beleuchtung effektvoll inszeniert ist der „Pigeon Masjid“ Moscheekomplex in der Al-Ahmed Street östlich des Souq Waqif:

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

So weit zu den doch sehr dörflichen Relikten des frühen 20. Jahrhunderts. Ein sehr profanes, aber doch interessantes Beispiel eines Überbleibsels einer schon fast kleinstädtischen Zeit ist ein Friseursalon mit in der Hitze verblichenem Ladenschild an der Ecke eines dem Abriss geweihten Wohnblocks am Ostende der Ali in Abdullah Street, vermutlich aus den 1970er-Jahren:

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

Doha Relics © Ekkehart Schmidt

So beeindruckend die Skyline der West Bay auch ist, mich faszinierten diese Relikte der Vergangenheit deutlich stärker. Schade, dass ich nur zweieinhalb Tage Zeit für Doha hatte und mich nicht gezielter auf die Suche machen konnte.

Verwendete Quellen: Böhm, Michael: Parallelgesellschaften im Orient, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.10.2009; Freyer, Eckhard: Externe Einflußnahme auf traditionelle Kulturen in der Golfregion am Beispiel Bahrain und Saudi-Arabien, in: Pawelka, Peter/ Aves, A. Maho: Arabische Golfstaaten in der Krise, Tübingen, Frankfurt 1990, S. 32-66, insbes. S.43; Hottinger, Arnold: 7mal Naher Osten, München, Zürich 1988. S. 357-362; Ritter, Wigand: Der Erdölgolf. Struktur- und Entwicklungsprobleme der Länder am Arabisch-persischen Golf, Aulis Verlag, Köln 1983, S. 7-8; Salama, Ashraf: Narrating Doha’s contemporary architecture: The then, the now – the drama, the theater, and the performance, in: digital architectural papers, 04.07.2012; Schliephake, Konrad: Natürliche Ausstattung und ressourcenorientiert Entwicklungskonzepte. Beispiele aus Saudi-Arabien und Qatar, in: Pawelka, Peter/ Aves, A. Maho: Arabische Golfstaaten in der Krise, Tübingen, Frankfurt 1990, S. 67-90, insbes. S.86; Schmid, Claudia/ Pawelka, Peter: Der moderne Rentier-Staat im Vorderen Orient und seine Strategien der Krisenbewältigung, S. 91-117, insbes. S. 91; Shehadeh, Hussein: Safeguarding the Spirit of history, in: The Middle East Nr. 215, September 1992, S. 47-48;Wiedemann, Erich: Kuwait, Qatar, Bahrain: Die Einzelgänger, in Merian, Juli 1981, S. 43.

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