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Le Relax, rue de Strasbourg

Februar 6, 2015

Ob es die italienische Rancilio-Espressomaschine ist? Oder der Kaffee der Torrefacçâo Camelo ? Dass man hier bis Anfang Januar 2014 noch rauchen durfte? Oder weil mich die Portugiesinnen hinter der Theke immer so nett grüssen, seitdem ich auch mal mit unserem Sohnemann vorbei geschaut habe? Jedenfalls gehe ich hier seit über einem Jahr in der Mittagspause meinen früheren luxemburgischen Stammcafés Café2go,  Chez Julie und Casa Fabiana fremd. Das seit 1998 von der Portugiesin Fernanda Batalau geführte Café liegt sehr prominent an einem kleinen Platz im luxemburger Bahnhofsviertel, das mit einem Ausländeranteil von 83 %, allerdings dabei auch keiner wirklich dominierenden Gruppe, weltweit etwas wirklich Besonderes, vielleicht sogar einmaliges ist.

Räumlich und in Bezug auf die Klientel trennt und eint der Platz vor dem „Relax“ denkbar unterschiedlichste Welten, die sich hier überschneiden, aber nicht zwingend berühren: Rotlichtviertel, Hotels für Businessreisende mit bescheidenerem Budget (also unter 100 EUR die Nacht), einen von italienischen und portugiesischen Migranten geprägten Kiez mit den beiden billigsten Hotels der Stadt (den italienischen Familienbetrieben Bella Napoli und Auberge de Reims, in denen ich insgesamt schon drei Dutzend mal übernachtet habe), die zwei chinesischen Supermärkte Mangoo und Happy Go, ein Halal-Metzger, die Drogenszene mit vielen westafrikanischen Dealern, der Beginn des Straßenstrichs, das Steuerbüro in dem sich multinationale Unternehmen mit so genannten Tax rulings extrem günstige Steuersätze genehmigen lassen, eine große Schule und schließlich die edlere Klientel der kosmopolitischen Avenue de la Liberté mit ihren Bankhäusern. Und meinem Arbeitsplatz.

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Vielleicht bin ich hier einfach Stammgast geworden, weil es hier immer der gleiche Ablauf ist, der meinen Bedürfnissen entspricht: Ich grüße, hole mir im Idealfall von der Ablage über der Kellertreppe zu den Toiletten die Zeitungen „Le quotidien“ und „Luxemburger  Wort“, während ich „L’essentiel“ und das portugiesische „Contacto“ liegen lasse (manchmal muss ich warten, weil mir der grantige Herr mit Schnauzbart oder der wie ein Bürodiener wirkende jüngere Franzose zuvorgekommen sind), der Espresso wird mir schon ohne Aufforderung gebracht und wenn ich gerade meine Frittiergier- oder eine Sparsamkeitsphase habe und täglich etwas dazu esse, wird nachgefragt, ob ich Pataniscas de bacalhau (ausgesprochen klingt das etwa wie patanischkasch de bakalau) möchte:  Sehr saftig schmeckende frittierte Kabeljauküchlein, die ich immer s/pâo nehme (na pâo wäre mit Brot). Sie kosteten 2014 je 1,50 bzw. 2,50 Euro, jüngst wurden aber die Preise um 30 cent erhöht. Wenn ich eine Weile keine Pataniscas gegessen habe, wird nicht mehr gefragt – was mich immer etwas betrübt, weil es schön ist, als Gast in seinen Präferenzen erkannt zu werden. Manchmal habe ich mir noch ein bis zwei Rissois Leitao à 1,50 dazu genommen – bis ich heute herausfand, dass diese frittierten Teigtaschen mit Spanferkelfleisch gefüllt sind. Dann werden die Zeitungen durchgeschaut, so dass ich diese Zeit in legitimer Weise beruflich als „Presseschau“ werten kann und es mir erlauben kann, einen Bus früher als üblich zurück nach Saarbrücken zu fahren.

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Es gibt keine Gespräche, dazu leben wir in zu unterschiedlichen Welten. Seitdem in den Medien so viel über das Viertel und die Probleme der Anwohner mit problematischen Gruppen geschrieben wurde, frage ich mich öfters, ob die Kellnerinnen und manche Gäste sich nicht fragen, ob ich ein Polizeispitzel oder ähnliches bin. Mit mir sitzen fast ausschließlich portugiesische, brasilianische, kapverdianische und andere westafrikanische Männer hier, die seltenst etwas essen. Es wird jedenfalls fast ausschließlich Portugiesisch gesprochen. Die Kellnerinnen sind alle höchstens 1,60 groß, unter 35 und sprechen kaum Französisch (Deutsch sowieso nicht). Wenn hier eine Frau an einem Tisch sitzt, schaut man sie sich genauer an, ob sie zum Milieu gehört. Manche einzeln hier sitzende ältere Männer sind vielleicht Dealer, die sich hier aufwärmen oder warten (die Zwanzigjährigen mit ihren Kapuzensweatshirts stehen draußen am Aschenbecher und vor dem geschlossenen Nachbarladen oder laufen draußen die Straße auf und ab).

Sicherlich die Hälfte der Kunden spielt gerne an einem der drei Glücksspielautomaten „Euromillions“, „Lotto“ oder „Zubito“, während die portugiesischen Sendungen auf dem großen Flachbildschirm kaum beachtet werden. Zubito hat eine sehr hohe Spielfrequenz und ein hohes Suchtpotenzial: Anders als beim Lotto weiß man innerhalb kurzer Zeit, ob man gewonnen hat oder nicht und bekommt das Geld direkt an der Theke ausgezahlt. Viele Gäste sind aber auch einfach Handwerker, die hier eine Pause einlegen, um ein Sagres zu trinken. Ein auffälliges Faktotum ist ein kleiner Asiate von undefinierbarem Alter, der scheinbar, aber in unklarer Funktion, zum Lokal gehört. Leider kann ich außer diesen puren und banalen Fakten nicht wirklich die Geschichte des Lokals erzählen bzw. muss das nachholen.

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Der grantige Herr erzählte mir heute, dass er im „Wort“ immer nur zügig die Todesanzeigen durchschaut, um zu sehen, ob ein Bekannter oder dessen Frau dabei ist. „Naja, so lange Du noch selbst hineinschaust und Dich nicht findest, ist ja alles OK“, scherzt eine Kellnerin. Wir stehen ein wenig im Wettstreit, wer sich zuerst die Zeitung holen kann. Wenn die Zeitungen vergriffen sind, merke ich, dass ich sonst eigentlich keinen Grund habe, hier zu sein. Bekannte zu treffen, erwarte ich ja – anders als in meinen früheren Stammcafés – nicht. Vielleicht ist es genau das, was mich anzieht: Hier habe ich völlig meine Ruhe. Irgendwie gehöre ich offenbar längst dazu, mit meinen eigenen Marotten, bleibe aber ein Außenseiter. Aber vielleicht ist es genau das, was mich mit allen anderen verbindet?

Nachtrag: Im Februar 2015 hat im Nachbarlokal in der früheren „Cabana Bar“ eine Sandwicherie aufgemacht, deren Name „Saveurs du Coeur“ mit fast dem gleichen, sich zu einem Herz formenden roten Band, geschmückt ist. Das ist kein Zufall: Fernanda Batalau hat hier ein zweites Lokal eröffnet, in dem man auch portugiesischen Käse und Wurst bekommt. Seitdem bekommt man im „Le Relax“ auch Sandwichs und portugiesische Tagessuppen. Ich habe jetzt ein paar Mal eine Suppe mit Käsesandwich genommen, was gut passt. Mit Espresso ergibt das ein gutes Mittagessen für 8,20 EUR, was hier unschlagbar günstig ist. Die Speisen gab es im Mai 2016 immer noch, aber aus der eigenen Küche des Relax: Das Lokal nebenan hatte nicht genug Kunden und wurde wieder geschlossen (dort findet sich seitdem ein Friseur). Stattdessen steht nun im Relax auch ein Kühlregal mit portugiesischem Käse und Wurst. Ebenfalls im Mai wurden die charakteristischen Tische und Stühle aus Metall durch hölzerne Möbel ersetzt.

Nachtrag 2: 2017 hat die Sandwicherie wieder zugemacht, ein Friseursalon hat ihn ersetzt. Es gab zu wenig Kunden. Die Inhaberin scheint aber auch noch ein Lokal um die Ecke zu betreiben: Die „Boogy Boogy Brasserie“ in der rue Joseph Junck 6, ein schmales, lang gestrecktes Lokal, das mir eher wie eine Bar erscheint. Meine Suppe für 3 Euro wird aber im Lokal „Good Friends“ nebenan gekocht, das ebenfalls zum Imperium der Inhaberin gehört, und im Schnellkochtopf hierher gebracht: Meist auf Kartoffelbasis mit hineingeschnippelten Spinat-, Kohl- oder Spargelstücken, ab und an auch einer Scheibe deftiger portugiesischer Wurst.

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Nach mittlerweile sicher mehreren Hundert Besuchen gefällt mir hier zunehmend auch dieser schmale Raum vor der Tür unter der Pergola, wo die Raucher stehen. Ich komme immer vom Büro und zerdrücke hier meine Zigarette im Aschenbecher. Meist stehen da mehrere Portugiesen, vor allem an regnerischen Tagen eng beieinander. Das kann schon etwas sehr melancholisches haben. Wenn ich dann gehe, mache ich hier meine zweite Mittagspausenzigarette an und laufe die Straße hoch zurück zur Avenue de la Liberté.

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

Mit einem Freund habe ich mich 2018 zwei Mal zu Fotosessions getroffen, es entszanden zwei Serien: Rainy days und Coming on stage. Dann schlief es vorerst ein. Ende 2018 kam es für einen Monat zu einem Austausch der bisherigen „Camelo“-Zuckertüten durch Zucker der „Loterie Nationale“. Das war konsequent, wenn mir auch ein Glücksspiel-Warnhinweis fehlte… Danach gab’s wieder die Camelo-Tüten.

Nachtrag vom 1. März 2019: Ich habe eine mir vertraute Kellnerin (die über die Jahre wechselten) endlich einmal auf das „Faktotum“ angesprochen, jenen Asiaten mit unklarer Aufgabe: Er komme oft vorbei, wolle gerne helfen und tue das auch gelegentlich, sei aber kein Angestellter. Man gebe ihm dann etwas zu essen, als „Dank“. Also als kleine Unterstützung einer Person, die irgendwie überlebt, verstand ich. Ja, das sei für sie selbstverständlich, sagte sie. Stimmt: So sollte das sein.

Adresse: 27 rue de Strasbourg, 2561 Luxemburg, Tel.: 26 18 78 38

Karte von StreetDir.com mit Lokalen und Geschäften in der rue de Strasbourg

Verwendete Quelle (zu Zubito): Block, Christian: Spielfreudig. Eine Studie des Suchtpräventionszentrums CePT zeigt erstmals, welche Glücksspiele in Luxemburg unter Jugendlichen verbreitet sind, in: Letzebuerger Journal, 13.02.2015

Brasserie Le Relax_Luxembourg © Ekkehart Schmidt

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