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Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom

Januar 27, 2015

Vier Versuche: Während unseres Rom-Besuchs im Juli bin ich in der Mittagsschlafenszeit unseres Babies immer aus unserem B&B-Haus, das wir  im historischen Esquilino Viertel im toten Winkel der Touristenströme zwischen dem Bahnhof Roma Termini und dem Kollosseum gefunden hatten, auf der Suche nach meinem Stammcafé für vier Tage. Ich brauche bei Städtetrips, bei denen man täglich neue Welten entdecken will, dieses Gefühl, mich wenigstens etwas zu verorten. Ein Gefühl von Geborgenheit in einem langsam vertraut werdenden Kontext. Ich bin diesmal erfolglos geblieben. Das erste Caffè, das ich direkt an der nächsten Straßenecke ausprobierte, war viel zu dunkel, strotzte von kaltem Marmor und hatte keine Außenbestuhlung. Das zweite bestand eigentlich nur aus einem Tresen, hinter dem Chinesinnen standen, die schnell hinein hetzende Kunden mit Kaltgetränken bedienten – war also auch kein Ort, um das Tagebuch aufzuschlagen. Das Caffè Cottini, mein dritter Anlaufpunkt, war eher eine Konditorei, toll gelegen zwar an einem Platz mit einer wichtigen Basilika – leider war es für mich nach einem Beziehungsstreit zu stark mit Frustgefühlen verknüpft, als dass hier meine Ruhepol gesucht hätte.

Das vierte Lokal am Vorabend unserer Abreise war dann diese namenlose Caffè-Bar, in dem ich mich durchaus hätte wohlfühlen können. Es zog mich an aufgrund seiner Lage an der Ecke einer altehrwürdigen Arkadenpassage unter Stadtpalästen in einer an den Renaissancestil angelehnten Architektur an der Piazza Vittorio Emanuele II direkt an der gleichnamigen Metrostation: Wahrscheinlich existiert es hier schon seit Bestehen des Viertels, also den Jahren von 1882-87. Vor allem aber gab es anstelle eines Namensschildes ein umgedrehtes Schild „Bar Tabacchi“.

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Wie kommt es zu so etwas? Hatte es eben erst einen Besitzerwechsel gegeben? Wird das Lokal Opfer einer bevorstehenden Sanierung dieser Immobilie? Oder war das Lokal Konkurs gegangen, besetzt oder verboten worden? Nein, eher nicht – dafür wirkte der Barista zu betagt (aber wer weiss das schon heute, ob Alter eine Rolle spielt, wenn es um Widerstand geht?). Vom Abriss bedroht wird es auch nicht sein. Egal, es ist ein aus irgendwelchen Gründen schlecht gehendes Nachbarschaftslokal mit langer Geschichte, gutem Espresso, passablem Angebot an Gebäck sowie einer ruhigen, schattigen Terrasse mit Blick über die mit den Maßen von 315 x 175m größte Piazza der Stadt, in deren Mitte sich ein Park erstreckt, der mich an die Ezbekiya-Gärten in Kairo erinnerte.

Im Inneren faszinierte mich die authentische alte Einrichtung mit viel Patina.

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Auch im Inneren gibt es keinen Hinweis auf einen Namen. Ich fand später bei einer Recherche über Google Earth an dieser Ecke den Eintrag „Foffo Claudio“ – wohl der Name des Inhabers. Unter den über 3000 Caffè-Bars in Rom gibt es sicherlich einige ähnliche, die Fremde und Einheimische gerne übersehen. Aber die Nachbarn werden hier, wie überall anders auch, auf dem Weg zur Arbeit morgens zu einem Cornetto einen Cappucino oder eine Caffelatte trinken. Natürlich im Stehen, weshalb es auch nur draußen Stühle gibt. Gemütlich muss es drinnen nicht sein, um eine „battuta“ zu führen – eines jener kurzen, oft ironisch-tiefsinnigen Gespräche im Dreieck zwischen Barista, der Frau an der Kasse und dem Kunden, einem vom Zaun gebrochenen Wortwechsel, bei dem es darum geht, jedes Thema auf den passenden und kürzesten Nenner zu bringen. Die Terrasse ist eher etwas für Touristen. Sie taugt allerdings auch nicht wirklich als Ort zum Sehen-und-Gesehen-Werden. Ich hätte sie aber angenommen, wäre unsere Zeit in Rom nicht zu Ende gegangen.

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

Zuhause in  Saarbrücken habe ich herausgefunden, was hier wohl passiert ist: Das Viertel ist einerseits in den vergangenen Jahren immer zunehmend zum Standort arabischer, pakistanischer und indischer Lebensmittelgeschäfte und Internetcafés, vor allem aber chinesischer Textilienläden geworden, während der Park mit seinen historischen Ruinen und einem neuen Freiluftkino zunehmend auch zum Ruheort von Obdachlosen wurde und verschmutzte. Dann wurde der berühmte Mercato di Piazza Vittorio mit seinen offenen Marktständen und einer Halle, dessen Wurzeln ins 19. Jahrhundert zurückreichen und der als der vielleicht römischste aller Märkte der Stadt galt, von hier weg verlegt. An der Piazza Vittorio hatten vor allem „preisbewusste Römer“ ihr Gemüse, ihre Früchte und andere Lebensmittel gekauft, längst war das Angebot auch um afrikanische und asiatische Stände erweitert worden, was durchaus ebenfalls viele Touristen anzog, aber offenbar auch zu Konflikten führte. Dann entschied die Stadt, den Markt zu verbieten, da er angeblich das Stadtbild störte. Etwa seit der Jahrtauendwende, mindestens aber seit 2009/10 gibt es einen Nuovo Mercato Esquilino zwei Parallelstraßen weiter in einem Gebäude am Bahnhof, der längst auch „International Market“ heißt. Wahrscheinlich waren es diese Entwicklungen im Wandel der Kundschaft, unter denen das Caffè leidet. Falls es leidet.

Adresse: Piazza Vittorio Emanuele II, 1, 00185 Roma, Italien, Tel.: +39 06 446 6597

Quelle zur „battuta“: Koppel, Esther: Das Glücksgefühl als Gratisbeilage, in: Uesseler, Rolf (Hg.): Rom. Stadtreisebuch, VSA-Verlag, Hamburg 1990, S. 13-16.

Bar e Caffè Foffo Claudio_Rom © Ekkehart Schmidt

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