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Kairo – City of Sounds

Januar 25, 2015

Wer das erste Mal in Kairo eintaucht, wird überwältigt von einer „Kakophonie aus Geräuschen und Lärm“ – so ein immer wiederkehrender Topos in Reiseerzählungen und Reportagen (neben den Topoi von Schmutz, Enge, Chaotik, Armut und Lebensfreude). Nach meiner über 25-jährigen Erfahrung in und mit der ägyptischen Hauptstadt reagieren Menschen aus dem Norden darauf entweder abwehrend mit einem Gefühl der Überforderung oder des diesen Kontext annehmender Begeisterung.

Man muss sich nicht entscheiden, es entscheidet über einen. Es – das ist vor allem der nur nachts wenige Stunden etwas abebbende Verkehrslärm mit selten unterbrochenem Hupen, das sind die fünf Mal am Tag über Lautsprecher krächzenden Gebetsrufe, die meist erhöhte Lautstärke der Gespräche in Bus oder Metro (in dieser Sprache, deren gutturale Laute in unerfahrenen Ohren unangenehm klingen), unterbrochen von den Rufen der Straßenhändler und anderen überraschend wirkenden Geräuschen wie dem geschäftigen Klackern der Wasserpfeifenkellner, den nervenden Lockrufen der Basarhändler oder den Maschinen der Handwerker in den Vierteln rund um den Basar, dem Hämmern der Automechaniker an den Ausfallstraßen oder dem Quietschen der bremsenden Metro – im Laufe eines durch die Stadt laufend verbrachten Tages sich parallel überlagernd und vermischend zu einem … Klangraum. Nur Musik hört man – außer im Taxi – kaum, was doch sehr erstaunt, ist die Stadt doch die wichtigste Musikproduktionsstätte der arabischen Welt.

Dass man Kairo auch als Klangraum positiv konnotiert sehen und hören kann, beweist Janek Romero mit seinem Dokumentarfilm „City of Sounds“, der beim diesjährigen Filmfestival Max Ophüls in Saarbrücken am 20. Januar seine deutsche Erstaufführung erlebte. Er sei auch zunächst von diesem „Lärm“ abgeschreckt worden, erzählte er beim Publikumsgespräch gestern im Kino achteinhalb. Aber dann habe er sich mit den einzelnen Klängen beschäftigt, nahm wahr, dass Kairo auch ein Klangmuseum für hierzulande ausgestorbene Geräusche gesehen werden kann, interessierte sich schließlich für die ägyptische Musik und machte sich an das Projekt eines Dokumentarfilms. Als Türöffner für ihn, dem bislang jeder Zugang fehlte, gelang es Romero, den Münchener Musiker Roman Bunka für sein Projekt zu begeistern. Bunka ist nicht nur ein hervorragender Gitarrist, sondern auch ein Virtuose auf der Oud, der arabischen Laute. Seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der arabischen Musik hat den ehemaligen „Embryo“-Gitarristen zu einer Art Mediator zwischen Orient und Okzident gemacht. So spielte er mit den deutschen Weltmusikern „Dissidenten“ und dem heutigen ägyptischen Megastar Mohamed Mounir.

Abdo Daghar, City of Sounds

In Romeros Doku übernimmt Bunka die Hauptrolle, indem er das Filmteam auf eine mehrwöchige Reise durch die vielfältige musikalische Szene Kairos mitnimmt. Vorwiegend in Privatwohnungen trifft er vielversprechende Nachwuchstalente wie Maryam Saleh, die in Europa bislang nur Insidern ein Begriff ist, in Kairo aber schon Ikonenstatus erlangt hat, ebenso wie etablierte Musikgrößen von Abdo Daghar (Foto) über den Grammy-Preisträger Fathy Salama bis Mohamed Mounir oder im „Makan“ auftretenden Sufi-Musikern. Wenn er auch etwas arrogant aufzutreten scheint, so kann man sich doch als westlicher Zuschauer mit ihm und seinen Fragen und Gefühlen angesichts der parallel zum Dreh 2013 sich abzeichnenden Konterrevolution identifizieren.

Die Kairener Musikszene scheint sich im Laufe der Revolution seit 2011 vergrößert zu haben. Auf Massendemonstrationen am Tahrir wurde gesungen (bekannt wurde Ramy Essam mit seinem Song „Irhal!‚), ebenso bei revolutionär-volkstümlichen Events wie dem „El-Fen Midan„. Manche Musiker wie Mounir bekamen auch eine politische Bedeutung, die ihnen Auftritte jetzt erschweren. Er erzählt von einem Auftritt in Ain Sukhna, zu dem 100.000 Besucher erwartet wurden. Es seien dann aber 300.000 gekommen – von denen viele aber nur noch das Massenevent suchen würden. Das sei so unkontrollierbar geworden, dass er auf weitere Auftritte verzichtete. Vor 2011 gab es in Kairo wenig öffentliche Konzerte, sieht man einmal ab vom Opernhaus, dem „Al Ghury Mausoleum“ mit seinen gelegentlichen und eher touristischen Aufführungen tanzender Derwische, dem Kulturzentrum „El-Sawy Cultural Wheel„, dem „Cairo Jazz Club“ oder Diskos wie dem „After Eight“. Anders als in den 1980er- und 90er-Jahren, als an jeder Straßenecke mobile Kassettenverkäufer  die neuesten Hits spielten, konnte man bis 2011 (fast ausschließlich sehr traditionelle) Musik nur bei Hochzeiten auf der Straße oder in Luxushotels, vielleicht noch in Bauchtanz-Etablissements in der Sharia Alfi Bey oder der Sharia al-Ahram, bei einem Moulid oder einer Zar-Zeremonie erleben. Falls man dazu Zugang hatte.

Einen solchen ermöglicht Bunka dem Filmteam. Dessen 1982 begonnene Suche nach dem Sound Kairos und seine bei diesem letzten Besuch während der „zweiten“ ägyptischen Revolution dominierende Frage „Was können wir Musiker tun?“ stellt nicht nur hartnäckige westliche Stereotypen vom Leben in muslimischen Ländern infrage, in denen keineswegs ständig bärtige Fanatiker jeden Ausdruck von Musik verdamen – fast beiläufig entsteht zudem ein in Bild und Ton sinnlich erfahrbares Psychogramm einer Megalopole, die sich zwar in revolutionärer Unruhe befindet, in der das Leben aber auch weitergehen muss.  „Wir ertragen es nicht, dass unsere Herzenswünsche sterben. Ich habe Angst um dich, geliebtes Ägypten“ ist ein mehrfach wiederholtes Gesangsstück. Die Menschen aller Schichten, egal ob gebildet oder nicht, waren und bleiben auf der Suche nach Freiheit. Die frustrierende Erfahrung, dass demokratische Wahlen ausgerechnet zum sieg der Muslimbrüder führen, die dann wiederum vom Militär gestürzt werden, lastet aber schwer auf diesen Begegnungen. Sie zeigt aber auch, wie unwichtig die Tagesaktualität von 2013 für die Entwicklung und das Überleben jahrhundertealter Musiktraditionen ist. Schon immer schwankte diese zwischen überschäumender Lebensfreude einerseits sowie Melancholie und Ohnmachtsgefühlen andererseits. Letzteres ist ein zeitloses Lebensgefühl in Kairo.

Im Film geht es nicht um die eine, fröhliche Seite, dieser Musiktradition, sondern letztlich um die Frage, inwiefern zeitgenössische Musik eine Verknüpfung zwischen althergebrachten musikalischen Traditionen und der aktuellen kulturell-gesellschaftspolitischen Entwicklung herstellen kann. Eine Antwort kann der Film nicht geben, zu frisch sind die Ereignisse, als dass sie schon verarbeitet werden können. Abgesehen von einem Experimentalmusiker, der Kairoer Geräusche – vom Plätschern des Nils zu den Winden in der Wüste jenseits der Pyramiden – sammelt und verarbeitet, um dann Bunka mit seiner Oud dazu improvisieren zu lassen, ist hier wenig Innovatives zu hören.

Maryam Saleh wird dennoch nicht müde, trotzig sehnsüchtig zu singen: „Tanz auf meiner Wimper… und gib mir einen Kuss“ (siehe: Arab Tunes).


City of Sounds, Deutschland 2014, 80 min

Regie, Buch: Janek Romero
Kamera: Jan Mammey
Schnitt: Hauke von Stietencron
Musik: Roman Bunka, Mohamad Mounir, Maryam Saleh, Abdo Dagher, Fathy Salama, Sebastian R. Fischer
Ton: Clemens Becker
Produzenten: Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger, Armin Hofmann
Produktion: Brave New Work Film Productions
Förderung: Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein
Verleih: Zorro Film

Präsentation durch den Produzenten

Trailer

From → Kairo, SaarLorLux

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