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Café da Silva Soares_Wintringen

Januar 13, 2015

Bei einer Radtour mit Vélosophie im vergangenen September kam ich zum dritten Mal durch Wintringen, einem kleinen Weindorf an der luxemburgischen Mosel zwischen Remich und Remerschen (Schengen). Diesmal hielt ich kurz an, um dieses Kleinod eines gut 100 Jahre alten Cafés mit Kegelbahn zu fotografieren: Das „Café E. Goehler-Schumacher“, wie man auf den ersten Blick glauben mag. Der Schriftzug dominiert den, für dieses Dorf von 400 Einwohnern, überraschend imposanten Bau – sieht man einmal ab von einem in Privatbesitz befindlichen, verwunschenen Renaissanceschlösschen aus dem frühen 17. Jahrhundert um die Ecke nebenan.

Der Bau verfügt, wie man auf Französisch lesen kann, über Räumlichkeiten für „Jeu de Quilles“ – auf Luxemburgisch eine „Keelebunn“ (also eine Kegelbahn). Ein kleiner Schriftzug über der Werbung für eine portugiesische Kaffeemarke, den man leicht übersieht, nennt noch einen anderen Namen, ebenfalls eindeutig auf einen Inhaber portugiesischer Herkunft verweisend: Café da Silva Soares. Möglicherweise stand das Lokal viele Jahre leer, ehe sich ein neuer Pächter gefunden hat. Dass es ein Portugiese ist, erstaunt nicht bei einem Bevölkerungsanteil von 16,4 % (88.000 von 550.000 Einwohnern des Landes).

Café da Silva Soares_Wintringen © Ekkehart Schmidt

Eine alte Postkarte ohne Datum zeigt die frühere Bezeichnung: Restaurant – Épicerie P. Goehler-Kariger. Nicht nur der Name Kariger ist später durch Schumacher ersetzt worden, auch an die Stelle des Wortes „Épicerie“ (dtsch.: Lebensmittelgeschäft) ist „Jeu de Quilles“ getreten.

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Das heutige Café hat also schon ganz andere Zeiten gesehen, wahrscheinlich befand sich neben einem vielleicht bis in die 1980er-Jahre das ganze Dorf versorgenden „Tante Emma Laden“ ein Ausflugslokal mit gutbürgerlicher Küche. Heute findet sich online kein Nachweis des aktuellen Cafés, wenngleich es mindestens seit 2010 existiert. Auch in einer Auflistung der Fédération Luxembourgeoise des Quilleurs findet sich in der Gegend lediglich ein „Café Wentrenger Stuff“ mit Kegelbahn. Wahrscheinlich ist dies der Name eines Vorgängerbetriebs im gleichen Haus. Für die Familie da Silva Soares lohnt es sich wohl weder, viel Werbung zu machen, noch alle Räume des Hauses zu bewirtschaften, wie man wegen der verschlossenen Fensterläden vermuten könnte. Aber das sind alles Spekulationen.

Ich frage also besser bei Monique Goldschmit von Vélosophie nach, die hier im Ort aufgewachsen ist. Sie erzählt, dass der Bau früher ein Hotel mit etwa zehn Zimmern gewesen sei. In der Zeit vor dem 1. Weltkrieg sei die luxemburgische Mosel ein sehr beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel der Belgier gewesen, auch die Gegend hier unter dem für seine Weissweine und den Pinot renommierten Felsberg. Schon seit einigen Zeiten befindet sich hier aber kein Hotel mehr, die ehemaligen Zimmer sind vermietet, unter anderem an Portugiesen. So gibt es seit der Schliessung des Château de Schengen Ende August 2014 auf dem Territorium der Gemeinde kein Hotel mehr (immerhin noch eine sehr gute Jugendherberge).

Das Café freilich habe nie leer gestanden. Herr Goehler-Schumacher, der letzte Besitzer der ursprünglichen Inhaberfamilie, sei der Sohn der Gründerfamilie Goehler-Kariger. Er lebt noch, erzählt Monique. In ihrer Kinderzeit hat ihre Familie immer in der Epicerie eingekauft – bis in einem Nachbarort ein Cactus-Supermarkt aufmachte. Die Epicerie befand sich schon immer im Vorderteil des Hauses. Um zur Kegelbahn zu gelangen, musste man durch einen langen Flur gehen. Damals war das Lokal aber von anderen Luxemburgern aus dem Süden gepachtet, anschliessend von verschiedenen portugiesieschen Pächtern. Die Kegelbahn laufe noch, so weit sie wisse. “Früher war dort immer der lokale Kegelverein ansässig und hat da seine ‘Matches’ gespielt”, erinnert sie sich. Man traf sich dort auch auf einen Schoppen Elbling und tauschte sich aus. Als nicht-frankophone Leute seien die meisten Dorfbewohner dann nicht mehr dort hin gegangen, sondern in ein anderes Café vor Ort. Aus rein sprachlichen Gründen, weil die wenigsten älteren Portugiesen Deutsch sprechen. So wird das Lokal zurzeit wohl fast nur noch von ortsansässigen Portugiesen oder Ausflugstouristen genutzt.

Nächstes Mal muss ich also unbedingt anhalten und drinnen nachschauen, ob man nicht nur außen dem Denkmalschutz Rechnung getragen hat. Und natürlich, ob man hier auch noch einen Schoppen Wein bekommt – denn das würde ich hier am Fusse imposanter Weinberge eher erwarten, als einen guten Espresso. Es muss ja kein Elbling sein. Aber wahrscheinlich ist es umgekehrt.

Adresse: Waistrooss 46, L-5495  Wëntreng (an der Kreuzung von Antesgaass und Waistross Brekelter), Tel.: 621721161

Quelle der historischen Postkarte

Café da Silva Soares_Wintringen © Ekkehart Schmidt

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