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Café de la Paix_Paris

November 8, 2014

Interessiert man sich für die klassische Pariser Kaffeehauskultur, kommt man am Café de la Paix nicht vorbei. Leider kommen aber auch Touristen ständig vorbei, liegt es doch direkt an der Place de l’Opera. So hat sich das Etablissement, das wohl schon seit der Gründung 1872 auf ein nicht bourgeoises Publikum eher abschreckend edel und monumental gewirkt hat, weiter abgeschottet. Das spürt man schon von außen: Das Grand Hotel und das Café im Erdgeschoß ist mit seiner reich verzierten Fassade und den durch die Fenster sichtbaren Säulen, goldenen Lüstern, Lampen und Deckenmalereien ein historisches Monument der Belle Epoque, in dem Prominenz von Henry James bis Ernest Hemingway verkehrte. Während es im Sommer trotz Glaswänden zwischen Tischen und Bürgersteig optisch noch den Charakter eines Straßencafés hat, wirkt es jetzt im Herbst eher abweisend, denn offen.

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Es lohnt sehr, sich diese Filmaufnahmen von Jean Claude Vasseur aus dem Paris der 1920er-Jahre anzuschauen, in denen das Leben vor und am Café sehr prominent ab Sekunde 45 und noch einmal ab 3 Minuten 30 dokumentiert wird, will man verstehen, was es mit Blick auf die Besucher heißt, dass eine oder mehrere Epochen vergangen sind, während das Gebäude fast unverändert geblieben ist. Ich verstehe, dass das Haus als Kulisse in jeder Epoche durch seine Besucher anders mit Leben gefüllt wird.

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Tritt man, wie ich diesen Mittwoch, am späten Mittag in eher legerer Kleidung vor die Empfangstheke, bekommt man gleich das Gefühl vermittelt, froh sein zu können, wenn überhaupt von einem Notiz genommen wird. Man wird immerhin gebeten, einen Moment bei den anderen Leuten zu warten, die ebenfalls so frech waren, Einlass zu begehren, wenngleich man offensichtlich nicht „dazu“ gehört. An den meisten Tischen wird noch gespeist. Während ich mich frage, ob das eine gute Idee ist, hier nur einen Espresso trinken zu wollen, wo doch nichts die Atmosphäre eines kommunikativen Kaffeehauses ausstrahlt, sondern die zwischen einer Statue und einem Piano oder anderem edlem viktorianischem Mobiliar dezent, fast in Séparées versteckten Tische eher einen Gourmettempel für den Geldadel anzeigen. Jedenfalls keinen Ort, in dem man sich einfach einmal eine Stunde alleine hinter seine Zeitung zurückzieht. Man muss schon fast couragiert sein, nicht doch schnell von diesem wagemutigen Vorhaben Abstand zu nehmen, sich in etwas hinein zu begeben, das nicht für unsereinen gedacht ist.

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Großartig dann, wie ich dennoch nach wenigen Minuten von einer Dame ins Innere dieser prestigiösen Pariser Institution geleitet werde, wir durch einen kurzen engen Flur neben den Toiletten gehen und ich schließlich einen Tisch in einem Nebenraum angeboten bekomme: Mit anderen Touristen, Müttern mit Kinderwagen oder afrikanischen Geschäftsleuten und dem Flair eines Wartesaals im Bahnhof. Jedenfalls „draußen“. OK, denkt man sich demütig. Ist schon richtig, mich wieder hinaus zu komplementieren. Immerhin stilvoll… Das ist hier eben wie bei einer angesagten Disko, nur auf einem anderen Level: Die Türsteher haben den wichtigen Job, die Spreu vom Weizen zu trennen, damit drinnen die erwünschte Homogenität an Herkunft und Kaufkraft besteht. Ich bestelle trotzdem meinen Espresso für 6 Euro, während sich die Deutsche mit Kinderwagen diese Erniedrigung nicht bieten lässt und den Mut hat, sich auf dem Absatz wieder umzudrehen und zu gehen. Immerhin einen Vorteil hat der Nebenraum: Nur von hier aus blickt man, wie sonst von keinem Raum des Cafés, direkt auf die prächtige Fassade der Oper.

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

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Natürlich gehe ich noch ein wenig herum, also zurück ins eigentliche Café, dann verlasse ich das Nebenzimmer durch die doch überraschend große und edle Tür, nur um beim Blick von den Treppen der Oper zurück zu sehen, dass über der Tür das Schild „Café Opera“ prangt – ein Blick auf meine Rechnung bestätigt dies: Ich war gar nicht im „Café de la Paix“…

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Café de la Paix_Paris © Ekkehart Schmidt

Das Haus ist, wie ich in einem älteren Artikel in Le monde nachlese,  2006 durch neue Inhaber und einen neuen Küchenchef wieder zum früheren Standard zurück saniert worden, nachdem vor allem die Qualität der Speisen offenbar etwas, naja, heruntergekommen war. Genannt wird hier vor allem der Gastronomieprofi Eric Verdier: Ihm sei es zu verdanken, dass nicht nur der etwas vernachlässigte Weinkeller auf Vordermann gebracht wurde, sondern auch der Empfang: „… mettre l’accent sur les Points ou s’excerce le jugement de la clientèle : l’accueil d’abord, le service, et bien sûr la table“ (den Akzent auf die Punkte legend, bei denen das Urteil der Klientel zum tragen kommt: zunächst der Empfang, dann der Service und natürlich die Speisen). Jetzt verstehe ich auch, wie das ablief: Erst empfing einen eine edle Dame und bat zu warten, während eine andere sich versuchte, ein Urteil zu bilden und einen dann entsprechend in die passenden Räume geleitete. Kompliment: Ich bin genau richtig eingeschätzt worden als jemand, der wie ein Voyeur nur einmal kurz etwas erleben und fotografieren wollte, zu dem er nicht dazu gehört. Will man sich nicht über elitäre Arroganz ärgern, kann man eine solche Anekdote als Grenzsetzung verstehen, die nicht beleidigend ausgeführt wurde, sondern Übermut zügelt und Demut lehrt.

Ob die berühmten Stammgäste wie Henry James, George Gurdjieff oder Ernest Hemingway bei ihrem ersten Besuch Ähnliches erlebt haben, ehe sie ihre „Bedeutung“ demonstrieren konnten? Thomas Wolfe jedenfalls hatte sicherlich ab der ersten Visite das richtige Auftreten, sofort als „dazugehörig“ akzeptiert zu werden. Um nicht von Charles de Gaulle zu reden, der hier im August 1944 um die Mittagszeit seinen berühmten Marsch vom Arc de Triomphe über die Champs Élysées beendete, um ein Omelette zu bestellen.

Adresse: 5, place de l’Opéra (auch: 12, Boulevard des Capucines), 75009 Paris, Tel.: 01-40 07 36 36, http://www.cafedelapaix.fr

Verwendete Quellen: Fitch, Noel Riley: Die literarischen Cafés von Paris, Zürich 1993, S. 77-79; J.-C.RT: La Renaissance du Café de la Paix, Le monde 04.05.2006

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