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Schoko Café Mirabelle_Bonn

August 18, 2014

Bei einem Besuch in Bonn Mitte Juli blieb mir am Bahnhof noch etwas Zeit vor der Geburtstagsfeier einer Freundin aus Bonner Studentenzeiten. So gab es erstmals seit Jahren wieder einen Anlass, etwas ziellos ein wenig die vertraute, aber veränderte Gegend am Rand der Nordstadt und des Alten Friedhofs zu erkunden. Am anderen Ende einer hässlichen Hinterhofpassage fiel mir ein schöner Altbau mit Café-Schild ins Auge – er stand in der Münsterstraße. „Schoko Café Mirabelle“ stand golden auf einem Fenster. Davon hatte ich noch nie gehört. Der Eingang so privat wirkend, dass mir nicht klar war, ob das hier nicht eine Art Schokoladenclub ist. Hinter der Tür öffnete sich jedoch ein weiter Raum mit großen Vitrinen voller Schokoladen und Pralinen, eine freundliche Inhaberin um die 40 begrüßte mich nett. Im Angebot hat sie natürlich heiße Trinkschokolade in 45 Sorten, dazu verschiedenste Varianten Schokolade von Zotter und anderen Anbietern, mit sehr hohen Kakao-Anteilen. Ich fragte, ob es ein schlimmer fauxpas sei, trotzdem einfach einen Espresso zu bestellen? Nein, ganz und gar nicht. Sie habe edlen Biokaffee, den sie aus dem Direktverkauf einer Bonner Kaffeerösterei, dem Kaffeekontor in der nahen Maxstraße, erhalte. Sehr empfehlenswert. Aber auch Tee, Lassies, Frappés oder Smoothies. Auf dem Speiseplan findet sich neben Kuchen und Bratäpfeln auch ein Schokoladenfondue für mehrere Personen.

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

SchokoCafe Mirabelle © Ekkehart Schmidt

SchokoCafe Mirabelle © Ekkehart Schmidt

SchokoCafe Mirabelle © Ekkehart Schmidt

SchokoCafe Mirabelle © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Ich blieb also ein halbes Stündchen, schaute mir die Einrichtung genauer an, die etwas merkwürdig gemischt wirkt: Über Thonetstühlen, eisernen Barhockern und Ledersofas neben klassischem Mobiliar aus Holz hängt das eine oder andere eher kitschige Bild. An den Vitrinen kamen wir ins Gespräch, auch weil ich noch ein Geburtstagsgeschenk suchte und nach dem einen oder anderen fragte. Dabei machte ich eine interessante Entdeckung.

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Andrea Engels verkauft auch einen Kräuterlikör, der ehedem im Haus produziert wurde. Oder, um korrekt zu sein: Der Likör wurde ab 1859 von Philipp Greve-Stirnberg in einem Vorgängerbau gebraut, das heutige Haus stamme von 1872, erzählt sie und zeigt mir ein Schwarzweiß-Foto einer Brauereikutsche, auf der das Gebäude im Hintergrund zu sehen ist. Das alte Etikett ist faszinierend: „Eingeführt den 12. März 1859“ steht noch heute auf den Flaschen dieses Magenbitters namens „Alter Schwede“, die auch noch immer die 16 Medaillen zeigen, die auf den großen Weltausstellungen von London 1862 Paris 1867, Wien 1873 und Antwerpen 1885 verliehen worden sind.

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Von hier also stammt dieser berühmte Kräuterschnaps! Ja, aber heute werde er von J.W. Wolff in Leer/ Ostfriesland gebraut, erzählt die Inhaberin. Sie entdeckte dies eines Tages und bestellt dort seitdem kleine Miniaturfläschchen, aber auch Literflaschen. Die Rezeptur sei sehr speziell , 40 Kräuter würden verarbeitet. Diese natürliche Kräutermischung sei sehr würzig und wohlschmeckend, zudem mit 35% vol. sehr milde und ungezuckert. „Junge Schwedin“ sei die liebliche Variante „und mit seiner feinen Süße einfach unwiderstehlich“, las ich später auf der offiziellen Herstellerseite.

A propos jung: Schon ihre Oma habe immer davon geträumt, in diesem alten Herrschaftshaus ein Café einzurichten, erzählt Frau Engels. Später gehörte das Haus ihrer Mutter und war jahrelang an eine Edel-Secondhand-Boutique vermietet, in der die Damen aus dem Regierungsviertel ihre Abendkleider ein- und verkauften, die sie nur einmal tragen wollten. Im Dezember 2011 eröffnete sie das Café. Der Name „Mirabelle“ ist übrigens nicht von Schnaps inspiriert worden, ihr gefiel einfach der Klang.

Noch einmal zum „Alten Schweden“: Auf dem Blog „Schwedenstube“ läßt sich nachlesen, auf welchen Wegen der Magenbitter nach Norddeutschland kam:

„Philipp Greve-Stirnberg verkaufte seine Marke „Alter Schwede“ und das Geheimrezept im Jahre 1881 an Josef Haag. Der baute im Keller und in der Küche neue Herstellungsräume für den Magenbitter. Die nächsten Besitzer von Marke und Geheimrezeptur waren seit 1888 die Bonner Familie Bachem, die schließlich beides im Jahre 1932 an die Firma I.W. Wolff in Leer verkaufte. In Norddeutschland und in Westfalen war der „Alte Schwede“ zur damaligen Zeit sehr beliebt und weit verbreitet. Der Magenbitter wurde vor allem als Mittel gegen allerlei körperliche Beschwerden gepriesen. Er sollte auf Magen und Unterleib erwärmend und beruhigend wirken. Der „Alte Schwede“ war sozusagen ein Wundermittel in einer Zeit, als die Medizin noch nicht so weit fortgeschritten war und es für viele kleinere und auch größere Wehwehchen keine geeigneten Mittel gab. Das original Rezept des „Alter Schwede“ von Philipp Greve Stirnberg wird bis heute hinter dicken Tresortüren aufbewahrt und nur an die nächste Generation der Familie Wolff weitergereicht.“

Der Begriff „Alter Schwede“ in Form eines erstaunten Ausrufs hat dagegen eine ganz andere Quelle, wie Wikipedia weiß: Ohne sich auf eine konkrete Person zu beziehen, benutze man „Alter Schwede“ demzufolge als Ausdruck des Erstaunens, etwa wie „Donnerlittchen“. Bezogen auf eine konkrete Person drücke „Alter Schwede“ eine nicht ganz ernst gemeinte Empörung aus, so ähnlich wie „mein lieber Schwan“ oder „Freundchen“. Die Redewendung werde auch unter Freunden im Sinne von „Kumpel“ oder „Kamerad“ gebraucht: „Na, Du alter Schwede!“. Der Begriff stammt aus der Zeit nach  Ende des Dreißigjährigen Krieges. Damals ließ Friedrich Wilhelm bewährte und erfahrene schwedische Soldaten für sein Heer als Ausbilder anwerben. Da diese sich besonders gut auf den Drill verstanden, wurden sie meist als Unteroffiziere eingesetzt – und in der Soldatensprache  kurzer Hand „die alten Schweden“ genannt.

Spannend, was man so entdeckt, wenn man sich nur einmal etwas Zeit nimmt, seiner Neugierde nachzugehen. Und ein nettes Geburtstagsgeschenk – mit Story dazu – hatte ich auch.

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

Adresse: SchokoCafé Mirabelle, Münsterstraße 7 , 53111 Bonn Innenstadt, Tel.: 0228-69 77 33, Email: info@schokocafe-mirabelle.de, homepage

Schoko Café Mirabelle_Bonn © Ekkehart Schmidt

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  1. Starbucks widerstehend: Kaffeehaus-Originale | akihart

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