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Wo sich Afropariser/innen stylen

Juni 9, 2014

Seit 300 Jahren leben Schwarzafrikaner in Paris, eine stadtteilprägende Wirkung entwickelte sich jedoch erst ab den 1960er und 1970er-Jahren durch die Zuwanderung aus den in die Unabhängigkeit entlassenen Kolonien. Und zwar dort, wo sich für die Schwarzafrikaner Konzentrationen von Geschäften derjenigen Branchen entwickelten, die Konsumbedürfnisse befriedigten, welche von denen der Franzosen abweichen. Heute leben die meisten der circa 1 Million Afropariser in der Banlieue und prägen Orte wie St.Denis. Innerstädtisch gibt es zwei Viertel, die in auffälliger und dominanter Weise durch Spezialbedarf geprägt wurden.

Da sind zum einen die Viertel Barbès und La Chapelle im 18. Arrondissement, rund um die Metrostationen Chateau Rouge und La Chapelle, wo sich neben dem schwarzafrikanisch geprägten Markt der Rue Déjean viele Lebensmittelläden mit spezifischem Angebot von Igname-Wurzeln bis zu schwarzen Kochbananen, sowie viele kleine Boutiquen finden. Hier kann man „Wax“ kaufen: phantasievoll bedruckte Afro- Stoffe, die aus Holland oder der Schweiz stammen und nebenan von senegalesischen Schneidern zu Kleidern verarbeitet werden).

Grand Hotel Barbes_Paris © Ekkehart Schmidt

An der gleichen Metrolinie 4, gerade einmal vier Stationen näher an der Innenstadt im 10. Arrondissement, hat sich mindestens seit Anfang der 1980er-Jahre rund um die Metrostation Chateau d’Eau auf dem Boulevard de Strasbourg und dessen Seitenstraßen eine andere Branche angesiedelt: Afro-Schönheitssalons, Friseure und Kosmetikläden. Für Damen und Herren, wohlgemerkt. Sie haben sich so stark vermehrt, dass sie einige der hier ebenfalls ansässigen afrikanischen und indischen  Restaurants, Kebabbbuden und Kleidungsgeschäfte verdrängt haben.

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Verlässt man abends die Metro Chateau d’Eau, ist man zunächst befremdet und irritiert: Die Straße ist voller Menschen, die sich hier in Ruhe aufhalten, statt zielgerichtet irgendwohin zu streben: Gruppen schwarzer Männern, die vor Läden warten und Gespräche führen, seltener Frauen mit Kindern oder Kinderwagen. Die Frauen erinnern alle ein bisschen an Rihanna, die Männer sind entweder wie Dandys angezogen oder haben sich gestylt, als wären sie Kanye West. Es ist, als wäre man mitten in Paris in der Bronx ausgestiegen. Der Boulevard wird aber auch Champs-Elysées der afrikanischen Community genannt, was edler klingt und auch angemessener ist. Über 150 Kosmetik- und Friseurgeschäfte soll es hier im Faubourg Saint-Denis auf wenigen Quadratkilometern geben. Schwarze werden hier beim Heraustreten aus den Metroschächten lautstark umworben: „Madame, möchten Sie eine Maniküre?“, oder „Monsieur, einen neuen Haarschnitt? Ich mache einen guten Preis!“ Das Ansprechen potenzieller Kunden ist der Arbeitsalltag der so genannten „Rabatteurs„, die hier seit einigen Jahren zum Straßenbild gehören. Sie sind selten übel aufdringlich, sprechen Frauen eher gentlemanlike an, sind aber eben deshalb auch nicht so leicht abzuschütteln. Gelingt es den jungen Männern, Kundschaft in die umliegenden Friseursalons zu locken, bekommen sie eine Prämie zugesteckt.

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich afropariser/innen stylen (c) Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen (c) Ekkehart Schmidt

Die Läden bieten „Défrisage“, „Postiche“, das Erstellen von „Meches ondulés“ (wellenförmige Strähnchen), „Tresse“ (Zöpfe, meist angeflochten), „Gaufres tressés“ (ethymologisch per Waffeleisen erstellte glatte Haare, auch zum Zopf gepresst). Einer nennt sich „Tondeuse magique“ (Magischer Haarschneider) … Wem für das langwierige Flechtwerk von Zöpfchenwellen und -türmen die Zeit fehlt, hat überall dauch die Wahl zwischen Perücken, die fast immer glatte Haare haben, dafür gerne in schrillen Farben gehalten sind.

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

„Wenn man nur lange genug wartet, wird irgendwann jedes heruntergekommene Pariser Viertel Avantgarde“, schreibt die Journalistin Tanja Kuchenbecker. Genau das sei auch hier passiert. Wie vor 20 Jahren an der Bastille und vor 15 Jahren in der Rue Oberkampf im Osten der Stadt „schießen die Trendläden wie Pilze aus dem Boden“. Die trendigen Pariser haben sich ein neues Mekka gesucht, konstatiert sie und speist im edlen Restaurant Lucky Luciano, wo sich die Knoblauchschwaden der provencalischen Küche mit Gerüchen der Friseurchemie verquirlen – nichts für empfindliche Nasen.

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

Aber wie kam es dazu? Wo begann diese Entwicklung? Wahrscheinlich Anfang der 1970er-Jahre mit dem Kosmetikladen MGC International, der so erfolgreich Afropariserinnen anzog, dass er sich zum veritablen Kaufhaus in mehreren Etagen und Häusern in 23-29 Boulevard de Strasbourg ausdehnen konnte.

Das Thema ist viel tiefer gehender, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Es geht nicht nur um Schönheit. Zum einen ist die afrikanische Frisurkunst weit mehr als ein Handwerk, sondern wirklich eine Kunst, mit der soziologisch enorm viel ausgedrückt wurde. In Schwarzafrika werden Frisuren mit großer Sorgfalt kunstvoll gefertigt und sind nicht nur Ausdruck eines lebendigen Schönheitskultes, sondern auch der Lebensfreude, Mode und manchmal auch Provokation. Früher gab es einen starken Zusammenhang mit dem sozio-kulturellen Hintergrund und der magisch-religiösen Welt der jeweiligen Ethnien. Frisuren gaben neben Narben und Körperschmuck zum Beispiel Auskunft über die soziale Stellung einer Frau, ob sie verheiratet war etcetera. Davon ist viel verloren gegangen. Was aus anthropologischer Sicht zu bedauern ist, aber auch positiv bewertet werden kann, denkt man an den einengenden Charakter dieser Traditionen.

Zum anderen gibt es den psychologischen Aspekt der früher manchmal fast schon verzweifelt anmutenden Versuche, sich von dem Kräuselhaar zu befreien, diesen in oftmals nicht nur indirekten, sondern offen rassistischen Stereotypisierungen bis in die 1960er-Jahre als primitiv verbrämten Frisuren der „Neger“. Zivilisiert zu sein hieß, sich vom gelockten Haar zu befreien, die Haare so zu bearbeiten, dass sie so glatt und platt wie nur möglich wurden. „Auch Michelle Obamas Haare wachsen nicht so glänzend und gerade vom Kopf“, sagt die Literatin Chimamanda Ngozi Adichie und fährt fort:

„Überall auf der Welt vergewaltigen schwarze Frauen ihre Haare mit krebserregenden Mitteln und glühenden Eisen, weil glattes Haar aus unerfindlichen Gründen als Standard akzeptiert wird. Afros gelten als ungepflegt und unprofessionell.“

Und mit viel Chemie versuchen, die Hautfarbe zu bleichen, ist leider noch zu ergänzen. Zumindest in Frankreich scheint das aber schon wieder vorbei zu sein: „Seit einigen Jahren gibt es offenbar einen regelrechten ‚Afro Boom‘. Immer mehr schwarze Französinnen tragen stolz ihre Kraushaar-Frisur. Sie wollen sich so zeigen, wie sie sind, und wie sie in der allgemeinen französischen Presse nicht vorkommen“, heißt es in einer Reportage des Deutschlandfunk.

Wo sich Afropariser/innen stylen © Ekkehart Schmidt

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Die Entwicklung hier hat mehrere Probleme produziert:

  • Das Viertel Château d’Eau ist neben dem Viertel Château Rouge für viele Einwanderer aus Schwarzafrika die erste Anlaufstelle in Paris, um nach einem Schlafplatz und einer Arbeit zu suchen. Für die Salonbetreiber sind die Neuankömmlinge, die anfangs mangels gültiger Papiere kaum andere Möglichkeiten finden, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, als „Rabatteure“ billige Arbeitskräfte.
  • Da dass Viertel zugleich ein neues Pariser “Boboland” geworden ist (wie  man solche Viertel nennt, abgeleitet von den zugezogenen “Bourgeois Bohemian”), leben hier plötzlich auch Leute, die mit der alteingesessenen Bevölkerung des Viertels nichts gemeinsam haben.

Beide Gruppen werden eher misstrauisch betrachtet. Die Journalistin Romy Strassenburg hat Ende 2011 über die Reaktionen der Anwohner recherchiert, die sich zu einer Bürgerinitiative zusammen geschlossen haben: „Einige stören sich gewaltig an den rabatteurs und den afrikanischen Schönheitstempeln. Sie klagen über Ruhestörungen, Verschmutzung der Straßen und Schwarzhandel. ‚Wir, die Anwohner haben genug von den Belästigungen durch die einseitige wirtschaftliche Aktivität, insbesondere der Friseurbranche und haben entschieden, mit unserem unpolitischen, republikanischen Verein zu handeln‘. Mit dieser Kampfansage wirbt der Verein Stop aux nuisances 10 um Mithilfe. Seine Mitglieder klagen über die Laisser-faire-Politik seitens der Behörden.“

Wer sich für diese Welt im Dreieck zwischen Château Rouge, Château d’Eau und Châtelet/Les Halles interessiert, dem sei der Roman „Black Basar“ von Alain Mabanckou wärmstens empfohlen.

Verwendete Quellen: Erika Dörr (Hg.), Thomas Bauer, Gerhard Göttler: Westafrika. Band 1, Sahelländer, Bielefeld, 6. Aufl. 2003, S. 173; Encres Noires: „Black Bazar“ d’Alain Mabanckou, 20.04.2009; Angela Fisher: Africa Adorned, London, Glasgow u.a., 1984, S. 164, 168; Rainer Holbe: Die Haare schwarzer Frauen. Chimamanda Ngozi Adichies wunderbarer Roman „Americanah“ (Luxemburger Wort, 17.05.14); Bettina Kaps u.a.: 300 Jahre gemeinsame Geschichte. Schwarze in Frankreich, Deutschlandfunk, Reihe Gesichter Europas, 6.10.2012; Tanja Kuchenbecker: In-Viertel Faubourg-Saint-Denis: Zwischen afrikanischen Friseuren und indischen Restaurants, Styleranking 2.11.2011; Günter Liehr: Paris. Anders Reisen, Reinbek bei Hamburg, Neuausgabe 1994, S. 106; Romy Strassenburg: PARIS BERLIN. Multikulti auf Messers Schneide/ Les rabatteurs du Château d’Eau,  Institut Francais Deutschland, November 2011; Weber, Anne: Ach, Paris (DIE ZEIT, 30.12.2015).

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