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Le Tabac de la Sorbonne_Paris

Mai 30, 2014

Am Haupteingang zur Sorbonne hat es wohl schon immer diesen Tabakladen gegeben. So etwa seit 1653, meinte unser Kellner jedenfalls vorgestern. Und vielleicht gab es da auch schon einige Jahrzehnte später einen Kaffeeausschank. Schließlich liegt das Café Procope, das als ältestes Pariser Kaffeehaus gilt, nur wenige hundert Meter entfernt, hier im Quartier Latin. Uns hat es eher zufällig an diesen ruhigen Platz verschlagen, auf der Flucht vor überteuerten oder touristifizierten Lokalitäten an den Boulevards Saint Michel und Saint Germain: Wir hatten zu arbeiten und brauchten dafür einen halbwegs breiten Tisch für zwei Laptops plus Wifi. Wir fanden ihn hier in dieser ersten überdachten Erweiterung des winzigen Etablissements auf den Bürgersteig (eine weitere war dann die Terrasse unter den Bäumen, die irgendwann schließlich auch überdacht wurde).

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

Man könnte meinen, in den drei Cafés und Brasserien an diesem stillen Platz direkt vor dem Haupteingang der Sorbonne fänden sich besonders viele Studenten und Professorinnen, doch dem ist nicht so. Rund um die Universitätsgebäude finden sich erstaunlicher Weise so gut wie keine Geschäfte für studentische Bedürfnisse, wie wir es aus Deutchland kennen: Copyshops, Schreibwaren- und Buchhändler oder eben Studentencafés. Das liegt wohl an der Nähe des Pantheon und anderer mietpreistreibender Institutionen. Man macht hier jedenfalls kein großes Ding daraus, so altehrwürdig zu sein und sicherlich so manchen berühmten Stammgast gehabt zu haben. Abgesehen von den Namen großer Literaten, die den oberen Rand der Fenster- und Innenraumumrandung säumen, von denen die meisten nur noch Literaturexperten etwas sagen. Die Blickflucht zwischen innerer und äußerer Terrasse führt exakt auf den Rundbogen des Haupteingangs der Sorbonne neben der Universitätskapelle Ste. Ursule. Kaum vorstellbar, dass Marie Curie, Simone de Beauvoir, Claude Lévi-Strauss, Gilles Deleuze, Michel Foucault, Francois Perec oder Francoise Sagan und all die anderen berühmten Absolventen der Sorbonne hier nicht öfters gesessen haben oder sich ihre Schachtel Gitanes gekauft haben.

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

So fühlt sich das Café auch an: ein Tabac, ganz unspektakulär und unprätentiös. Vor allem innen. Für manche symbolisiert das Haus genau das, was man an Pariser Cafés so furchtbar findet: „Tout ce qu’on déteste à Paris en termes de café, pourtant sur une place admirable où l’on a envie de se poser au soleil. Le mobilier est laid, le service inexistant, vieillot et ringard, la déco à refaire du sol au plafond….“. Uns gefällt’s, wir haben an diesem wunderschönen Ort keine falschen Ansprüche, nehmen einen double café mit Croissant für je 6 EUR und sind fleissig, bis erneut Hunger aufkommt. Ein Blick in die kleine Kochnische, in der ein Topf dünne Bolognesessosse köchelt, während ein Kellner ein Baguette noch dünner mit Käse belegt, ist jedoch ein klares Signal, anderswo zu Mittag zu essen. Die Touristinnen nebenan hatten ihr spätes Frühstück und widmen sich nun ihren  Pariser Geschichten, die sie für ihre Freunde in Tokio oder Peking posten. Ohne Blick für die Sorbonne oder andere Realitäten drumherum, wie es scheint. So gehen wir dann auch nach drei Stunden Arbeit.

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

Le Tabac de la Sorbonne_Paris © Ekkehart Schmidt

Man konnte das früher natürlich auch anders photographieren und als Poster für 22 EUR verkaufen, als Idylle und Traum von einem Arbeitsleben mit solchen Pausen zwischendurch. Der Teasertext dazu: „French cafe life. Classic Paris photograph for your home decor. Imagine a parisian afternoon at Tabac de la Sorbonne. Sipping coffee, dappled in sunlight.“ Aber hat man in Paris nicht schon seit einem halben Jahrhundert nur noch Illusionen verkauft?

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Aber so sieht es eben nicht mehr aus, weil man die Terrasse unbedingt mit einem Pavillon regenfest machen zu müssen glaubte. Wie die Nachbarn auch. Vielleicht, um die Auslastung zu erhöhen? Schade. Aber für diesen einen langen Morgen durfte ich diesen Traum mal wieder ausleben – durchaus dankbar.

Tabac de la Sorbonne, 7, place de la Sorbonne, 75005 Paris, Tel.: 01 43 54 52 04

Weitere Kaffehaus-Originale

© Ekkehart Schmidt

From → Cafés, Paris

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  1. Starbucks widerstehend: Kaffeehaus-Originale | akihart

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