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Die blinden Masseure von Quezon City

Mai 18, 2014

Metropolitain Manila ist an jeder Straßenecke für eine Überraschung gut. So auch am Rathaus von Quezon City, als sich ein Brasilianer aus unserer Gruppe plötzlich zu einigen Männern in gelben T-Shirts setzt, kurz mit einem spricht und sich dann wie selbstverständlich ausgiebigst massieren läßt. Das allein war für mich bei meinem ersten Besuch in Südostasien im Oktober 2013 ungewöhnlich genug. Für ihn scheinbar etwas sehr bekannes. Beim Nähertreten verstand ich, dass es sich bei dieser Gruppe von Männern um blinde Masseure handelt, die hier offenbar nicht zum ersten Mal auf Kunden für ihre Dienste warten, sondern Teil eines Projekts sind.

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

Bei Gesprächen und späteren Recherchen lerne ich, dass Massagedienste offenbar die Haupteinnahmequelle für Blinde und Sehbehinderte auf den Philippinen sind. Die Masseure hier verdienen im Rahmen eines von der Stadtverwaltung 1992 initiierten Projekts namens “MaSahe mo, KaBuhayan ko” etwa 180 – 250 Pesos pro Stunde, also etwa 800 – 1000 Pesos am Tag.

Eine halbe Million Blinde gibt es im Inselreich nach offiziellen Zahlen, davon 60.000, die beschäftigungsfähig sind. Von ihnen sind weniger als 10% beschäftigt. Etwa 3.000 arbeiten im Bereich Massage, davon mehr als die Hälfte in Metro Manila und den Vororten. Sie sind in Kliniken beschäftigt, arbeiten an Massageständen wie diesem, können über Buchungsagenturen engagiert werden oder arbeiten freiberuflich (hier ein Portal mit Angeboten).

Massagestände wie dieser hier finden sich seit einigen Jahren zunehmend an Flug- und Seehäfen, in Shopping Malls und anderen Orten, wo viele Menschen zusammen kommen. Sie bieten ihren Kunden seltenst Massagesessel an, sondern ganz einfache Stühle und bieten sehr spezifische Massagen – des Kopfes, der Füße oder der Schultern. Die meisten Masseure sehen ihre Arbeit als Unterstützung oder Therapie zur Behandlung von Verspannungen, Muskelbeschwerden oder Erkältungen, verstehen sie aber auch als Dienst über die Heilung körperlicher Beschwerden hinaus.

Auf den Philippinen gibt es einige Ausbildungsstätten für sehbehinderte und blinde Masseure, doch gibt es offenbar noch Verbesserungsbedarf. Manche lernen ihr Handwerk, für das sie durch eine besondere Sensibilität besonders geeignet zu sein scheinen, auch von blinden Tutoren, die ebenfalls in dieser Branche arbeiten.

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

Hier am Rathaus arbeitet eine von zwei Dutzend solcher  in der „Federation of Quezon City Blind Masseurs“ organisierter Gruppen. Es gibt hier zudem noch die „Balikatan Therapeutic Massage Clinic of the Blind in Quezon City“ und einige andere Vereine und Verbände wie die „Tanglaw Blind Association Of Masseurs and Musicians INC“ und das Netzwerk „HiMAS Blind Massagist Network“.

Blinde Masseure scheint es auch in Shanghai und vor allem thailändischen Touristenzentren zu geben, zum Beispiel in Pattaya und Chiang Mai. Für unseren weitgereisten Brasilianer war die Szenerie hier in Quezon City wohl von daher etwas Vertrautes. Für mich bleibt diese Idee, Menschen mit einer Behinderung in dieser Weise eine befriedigende und halbwegs gut bezahlte Arbeit zu geben, eine der bleibenden Eindrücke meiner Stippvisite in Manila.

Es soll auf den Philippinen auch viele blinde Musikanten geben, die in Restaurants auftreten. Und auch bei Institutionen wie der Kirche sind sie integraler Bestandteil des öffentlichen Lebens: Als Verkäufer von Lotterielosen, Kränzen oder Gebetsbüchern. Angesichts der auch auf den Philippinen existierender unsensibler Umgangsformen gegenüber ihnen und anderen Behinderten, scheinen sie sozial relativ gut integriert zu sein und spielen im Gemeinwesen bestimmte Rollen, für die sie akzeptiert werden und durch die sie ihre Selbstachtung bewahren, schreibt Mary Lou U. Hardillo. Als Masseure sicherlich in sozialer und ökonomischer Weise.

Verwendete Quellen: Will Fernandez and Eunice Rodriguez: Quezon City Hall provides livelihood programs for citizens, the blue prophet.wordpress.com, 01.02.2011; Mary Lou U. Hardillo: Krüppel tanzen, Stumme singen. Vom Umgang mit Behinderten, in: , S. 175-178; Niklas Reese, Rainer Werning (Hg.): Handbuch Philippinen, Bad Honnef 2006; Daylinda B. Taleon: Country Report of Philippines, in: Blind Massage International 18.06.2009

Die blinden Masseure von Quezon City © Ekkehart Schmidt

From → Anders leben, Manila

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