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Wo indische Pariser shoppen

April 16, 2014

Natürlich ist Paris in Bezug auf seine indischstämmige Bevölkerung nicht mit der ehemaligen Kolonialzeit-Metropole London zu vergleichen. Dennoch gibt es hier im Übergang vom 10. zum 18. Arrondissement eine lang gezogene Einkaufsstraße mit einer überraschenden Dichte indischer und tamilischer Geschäfte, genauer gesagt einen Straßenzug von gut 300 m Länge im Winkel zwischen Gare du Nord und Gare de l’Est, auf dem es beiderseits fast ausschließlich Geschäfte mit Namen wie „Litttle India“ oder „Bollywood Design“ gibt: Das Teilstück der Rue du Faubourg St. Denis zwischen der Ecke Rue de Dunkerque am Gare du Nord und der Metrostation „Chapelle“. Als ich hier am vergangenen Donnerstag vom „Hotel Bristol Nord“ entlang lief (eigentlich mit dem Ziel „La goutte d’or“, dem arabischen Einwandererviertel), mußte ich sofort an die Brick Lane, Green Street und Whitechapel Road im Londoner East End denken. Doch während erstere sich zu einer hippen, rein kulinarischen Adresse entwickelt hat, sind letztere doch stark durchmischt mit Geschäften eines spezifischen Angebots für die Bedürfnisse verschiedener Einwanderergruppen. Der obere Teil der Rue du Faubourg-St.­Denis ist insofern eher mit der rein türkischen Keupstraße in Köln-Mülheim oder der Weseler Straße in Duisburg-Marxloh zu vergleichen (ganz zu schweigen von Chinatowns in New York und Manila oder der Gerrard Street in London, die nicht durch das freie Spiel der Marktkräfte, sondern durch obrigkeitsstaatliche Festlegungen ihren Standort fanden), als hier das komplette Warenangebot auf eine einzige kulturelle Gruppe ausgerichtet ist.

Die zwei großen Sackbahnhöfe schieben sich mit ihren mächtigen, in wenigen hundert Meter Abstand von Norden her ins Zentrum strebenden, mächtigen Gleisanlagen in das Viertel. Die rue du Faubourg-St.Denis, schlängelt sich zwischen beiden Gleiskomplexen in Nord-Süd-Richtung hindurch. Mit ihren Seitenstraßen war sie etwa bis Anfang der 1990er-Jahre eine „Hochburg der Türken“, schrieb Günter Liehr 1991/94 und setzt seine Beschreibung des 10. Arrondissements fort: „Fest in indischer Hand hingegen ist die leicht angeschmuddelte passage Brady“. Seitdem scheint viel passiert zu sein: Die Türken wurden seit Mitte der 1980er-Jahre allmählich verdrängt, wahrscheinlich weil durch den Bau eines Hindutempels weiter nördlich in der Rue Philippe de Girard enorm viele Inder angezogen wurden, sich hier niederzulassen.

Little India_Paris © Ekkehart Schmidt

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Hier am Knick der Straße ändert sich das Bild etwas, die edlen Boutiquen werden durchsetzt von einem Juwelier, einigen Musik- und Lebensmittelgeschäften, zwei Metzgern, zwei Friseuren, einem Internetcafé, einem halben Dutzend Restaurants und der Café-Bar Dishny sowie Verkäufern von hinduistischem Nippes. Offenbar nähern wir uns in Richtung der Metrostation „Chapelle“ den Wohngebieten vieler Inder und Tamilen, die hier ihren Alltagsbedarf decken.

Little India_Paris © Ekkehart Schmidt

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Little India_Paris © Ekkehart Schmidt

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Neben Mangos, Passionsfrüchten, Jackfruits, Ingwer und Chillies gibt es hier mir völlig unbekannte Gemüse, Gewürze, Chutneys, Ghee und was sonst so  in der bengalischen Küche gebraucht wird. Frisch natürlich.

Little India_Paris © Ekkehart Schmidt

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Während sich linkerhand – bis auf zwei Immobilienmakler und eine arabische Metzgerei – exakt 52 indische oder tamilische Läden aneinander reihen, sind es rechterhand nur etwa 25, weil ein Großteil der Straßenfront durch ein Krankenhaus belegt wird. Hier finden sich weitere Restaurants, Cafés und Lebensmittelläden. Erst einmal habe ich jedoch etwas scharfes gegessen, linkerhand im „New Pondicherry“ (das eigentliche Ziel dieses kurzen Abendspaziergangs).

Little India_Paris © Ekkehart Schmidt

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In der Nähe liegt das Sentier-Viertel, wo viele Inder als Lieferfahrer arbeiten, wie es heißt. Bei dieser kleinen wirtschaftgeographischen Kurzstudie zum Thema „Warum ist eine ökonomische Aktivität hier und nicht anderswo?“ habe ich einen ersten Einblick bekommen, beim nächsten Besuch werde ich weiter hineinschnuppern. Vielleicht sind es gar nicht die Passantenströme zum Tempel, die zur Entstehung des Viertels beigetragen haben? Irgendwie war ich jedenfalls dokumentarisch gestimmt, als könnte das Viertel sich bald schon wieder wandeln… Nicht viel weiter nordwestlich beginnt ein chinesisches Viertel … Bei einem zweiten Besuch im November 2014 schaute ich mich im Quartier zwischen rue de Cail und rue Philippe de Girard um: Hier gibt es eine Vielzahl weiterer indischer Geschäfte und insbesondere Restaurants, aber nicht mehr in dieser Dominanz. Es gibt einen kleinen Tempel in der rue Philippe de Girard sowie einen 2010 eingeweihten neuen indischen Ganesha-Tempel in der rue de Pajol. Doch beide liegen nahe der Metro-Station Marx-Dormoy, daher ist eher unwahrscheinlich, dass sie so starke Passantenströme ab der Gare du Nord anziehen. Es sei denn die aus der Banlieue und anderen Städten anreisenden Inder würden sich das Metroticket sparen wollen.

Das einzige mir in Deutschland bekannte „Little India“ befindet sich übrigens im Frankfurter Bahnhofsviertel an der Ecke Münchner- und Weserstrasse.

Zitierte Quelle: Liehr, Günter: Paris. Ein Reisebuch in den Alltag. Reihe Anders Reisen, Reinbek bei Hamburg 1991, überarb. Neuausgabe 1994, S. 302

Mehr zum Thema: Wikipedia-Liste von „Little Indias“ weltweit, Spaziergang durch das indische Paris, Little India in Paris

Little India_Paris © Ekkehart Schmidt

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  1. Hotel Bristol Nord_Paris | akihart

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