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Hotel im Kolpinghaus_Bochum

April 8, 2014

Der Name klingt furchtbar spießig und altbacken. Dabei war Adolph Kolping eine wirklich interessante Persönlichkeit (Kurzbiografie), geprägt von dem Willen, Handwerker auf der Walz zu unterstützen. Die Begriffe „Wanderjahre“ oder „Wanderschaft“ sind noch heute geläufig, schließlich kann man nach wie vor während und nach Abschluss der Ausbildung durch Reisen Entscheidendes fürs Leben lernen, was ich für mich nur bestätigen kann. „Auf der Walz“ sein, „Tippelei“ und „Tippelbruder“ sind dagegen eher abwertende Begriffe geworden.

Das war nicht immer so. All diese Begriffe bezeichnen ursprünglich die Gesellenwanderung, also die Zeit der Wanderschaft zünftiger (also in Zünften organisierten) Gesellen in Europa nach dem Abschluss ihrer Lehrzeit. Sie war seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen der Zulassung zur Meisterprüfung. Die Gesellen sollten vor allem neue Arbeitspraktiken, fremde Orte, Regionen und Länder kennenlernen – und natürlich Lebenserfahrung sammeln. Heute ist die Wanderschaft freiwillig und eher Ehrensache. Sie soll nach wie vor neue Fähigkeiten, Methoden und Techniken vermitteln und allgemein den Horizont erweitern, um sein Handwerk zu vervollkommnen.

Wenn der Wandergeselle in eine fremde Stadt kam, hielt er Umschau, indem er die Werkstätten seiner Zunft aufsuchte und um Arbeit fragte. Die Lebensbedingungen waren allerdings sehr schwer. Wenn er keine Arbeit fand oder in Notlagen geriet, konnte ihm nur die Zunfte weiterhelfen. Um fahrenden Gesellen in Deutschland unter anderem Bildung zu bieten, gründete Adolph Kolping 1849 den ersten katholischen Gesellenverein und 1854 das Kolpinghaus. Der Kaplan und Domvikar zu Köln hatte das Elend der Gesellen durch die Industrialisierung und die Auflösung der Zünfte aus eigener Erfahrung kennengelernt. Mit seinem Verein wollte er den Handwerkern auf ihrer Wanderschaft neben Bildung auch eine Heimat bieten. Sie wurden eingebunden in Familien, was auch den späteren Namen der „Kolpingsfamilie“ begründete. Hier erhielten Gesellen Unterkunft, Verpflegung und sozialen Kontakt. Sie konnten sich so auch als „Fremder“ wie daheim fühlen.

Mit dem wachsenden Wohlstand ging in Deutschland jedoch die Motivation, für drei Jahre mit allen Entbehrungen auf die Straße zu gehen, rapide zurück, so dass schon in den 1970er Jahren die reisenden Handwerksburschen mit dem schwarzen Hut zur Seltenheit wurden. Die Kolpingfamilien haben aber überlebt. Wenn auch nicht mehr so wie früher gilt „Wer Handwerker und katholisch ist, ist bei Kolping“, so zählte man 2010 in Deutschland noch gut 450 Tippelbrüder (weltweit sind es etwa 10.000).

Einem Irrglauben zufolge sind nur Zimmerer auf der Walz. Aber auch Tischler, Maurer, Dachdecker, Betonbauer, Bootsbauer, Töpfer, Schmiede, Spengler, Steinmetze, Holzbildhauer, Buchbinder, Schneider, Goldschmiede, Instrumentenbauer, Kirchenmaler und viele andere Handwerker gehen noch immer auf Wanderschaft. Viele tragen allerdings ebenfalls die typische schwarze Zimmererkluft mit einem weißen, kragenlosen Hemd („Staude“), einer Weste, einer Hose i. d. R. mit Schlag, einem Jackett, einem schwarzen Hut und einem spiraligen Wanderstock („Stenz“).

Mit einem sehr groben Wissen davon im Hinterkopf war ich plötzlich wie elektrisiert, als  ich Mitte März ein Unterkunft in Bochum suchte und über das Kolpinghaus-Hotel stolperte. Ich habe sofort gebucht und war sehr gespannt, als ich spät abends vom Bahnhof kommend auf die Einrichtung zu ging.

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

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Aleaxandra hieß die Rezeptionist, die mich sehr freundlich begrüßte und gerne über Tippelbrüder und Wandergesellen erzählte. Neben dem Hotel, das bis heute Wandergesellen kostenlos aufnehme, befinde sich ein Wohnheim für „gescheiterte Existenzen“. Die typischen Gäste seien heute aber eher Monteure. Der Kollege von der Nachtschicht erzählte später, dass das Haus seit 1891 existiere, im 2. Weltkrieg zerstört und 1948 neu aufgebaut worden sei. Er erzählte stolz von den vielen Kolpinghäusern, die noch existieren, im Süden bis Meran, im Norden bis Hannover („danach gibt es nur noch Evangelische“). Das erste sei in Köln entstanden. In der Lobby gibt es einen kleinen offenen Bücherschrank, vor allem mit Krimis. Ich erstand  für 50 Cent  („für einen guten Zweck“) von Salman Rushdie „Harun oder das Meer der Geschichten“.

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Das Haus verfügt über 90 Betten in 53 Zimmern, die wie Lehrerzimmer in Jugendherbergen wirken. Mit einem Preis von 32,50 EUR für ein Einzelzimmer mit Etagendusche und TV ist es auch genauso billig (mit Dusche im Zimmer 46 EUR). Das Frühstück kostet allerdings, anders als in Jugendherbergen, 7,50 EUR extra.

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Am 29. April war ich wieder hier, diesmal in einem Doppelzimmer:

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Im Hinterhof schaut man auf jene Unterkunft für Tippelbrüder in heutiger Bedeutung sowie das lang gestreckte Gebäude der Kegelbahn des Kolping-Restaurants. Interessant zum Frühstück: Neben Monteuren kommen auch Gruppen wie die „Ukrainian Shooting Federation“, Schießsportler, die hier offenbar einen Länderkampf austrugen, bei Kolping unter. Ausgerechnet…

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

Kolpinghotels gibt es in Düsseldorf, Freiburg, Fulda und südwärts bis Italien (mehr hier). Ich kann sie empfehlen, wenngleich auch einige Luxusherbergen darunter seien, wie der Rezeptionist sagte.

Adresse: Hotel im Kolpinghaus Bochum, Maximilian-Kolbe Straße 14-18, 44793 Bochum, Tel.: +49 (0)234 60190, hotel-kolpinghaus-bochum@arcor.de, Homepage

Verwendete Quellen: Lokalkompass.de zum 200. Geburtstag von A. KolpingKolpingsfamilie Schweinfurt, Wikipedia: Wanderjahre

Hotel im Kolpinghaus_Bochum © Ekkehart Schmidt

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