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Salons de thé à la bruxellois

April 3, 2014

Ein „Salon de thé“ ist im französischen Sprachraum normalerweise ein eher spiessiges Lokal für ältere Damen. In Brüssel sind mir jedoch letzte Woche im arabisch geprägten Viertel rund um den Gare du Midi derart viele solcher Teesalons begegnet, dass ich neugierig wurde und mich genauer gefragt habe, welche Klientel dort ihren Tee trinkt: Es sind fast ausschliesslich ältere Herren und sie nehmen keine Kuchen zum Tee.

Zunächst fand ich bei meinem Rundgang spät abends als Gast des Hotels Stalingrad in der gleichnamigen Avenue ein sehr traditionelles Lokal, dass noch seinen originären Namen trug: Étoile du Nord.

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Praktisch alle anderen Teestuben nennen sich „Salon de thé“ und ich denke mir, dass dies eine neue Entwicklung ist. Das „Al Hoceima“ fällt ebenso aus dieser Kategorie heraus, weil es ein Snack ist (wenn auch an einem so schön sonnigen Morgen wie letzten Mittwoch vor allem Tee getrunken wird: Pfefferminztee in einem hohen Glas, den man mit einem Bier verwechseln könnte). Bei allen anderen Lokalen, ob sie nun Salon de thé „El Massirat“, „Le jardin du Midi“, „Andalousia“, „El Manama“ oder „Marhaba“ heißen wird offensichtlich, dass das Viertel hier, direkt unterhalb des berühmten Immer-noch-Kleineleuteviertels Marolles, offensichtlich aufgepeppt wird. Die meisten „Salons de thé“ sind geradezu edel aufgemacht, tragen aber eindeutig marokkanische Namen. So wird klar, dass es für die mittlerweile etablierten Araber ein Anliegen ist, aus der bisherigen „Segregations-Schmuddelecke“ heraus zu kommen.

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Die typischen schlichten Einwanderer-Teehäuser der 1980er- bis 1990er-Jahre namens „La lune de Tanger“, „Salon de thé  Damascus“ oder „Cafeteria Tetouan“ (die ich bei einer Kartierung 2006 rund um die Avenue Stalingrad antraf) hat man scheinbar versucht, zu „besseren“ Lokalen aufzupeppen – ein Wandel, der  für ein anderes Selbstverständnis der maghrebinischen Community in Brüssel steht. Besonders deutlich wird dies bei den Bäckereien (in denen man natürlich auch einen Tee bekommt) namens „Patisserie Marrakech“ oder „Boulangerie Tazaghine“:

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Genauer angeschaut habe ich mir nur den Salon de thé El Manama, der für mich als Frühstücksraum des Hotels diente:

Hotel Stalingrad_Brüssel © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Als Café existiert das Lokal schon seit sicherlich 40 Jahren, als marokkanischer Ort der Kommunikation in dieser orientalisierten Aufmachung mindestens seit Mitte der 1990er-Jahre, wurde mir gesagt. 2006 habe ich mir das Lokal allerdings noch als Restaurant notiert.

Eher im british style sind andere „Tea time spots“ in Brüssel, die wohl eher eine EU-Funktionärselite zur Zielgruppe haben. Aber das ist eine andere Geschichte. Frustrierend ist aber, dass man im Internet auf die Frage, wo man in Brüssel schön Tee trinken kann, bei Foursquare zwar zwei Dutzend Lokale beschrieben bekommt, sich darunter aber keines der hier benannten findet. Zielgruppe waren wohl auch eher die EU- und NATO-Migranten. Wenn zwar die Maghrebiner deutlich integrationswillig sich ihre heimatlichen Orte schaffen, sie im Zeitablauf auch schön gestalten und nach außen öffnen, so scheint doch seitens der Mitteleuropäer vor Ort kein Interesse vorhanden zu sein, diese Einladung auch anzunehmen. Man tut sich seitens der Mehrheitsgesellschaft mit der Integration noch sehr schwer. So jedenfalls meine Schlußfolgerung. Schade.

Dennoch: Dieses Viertel lohnt unbedingt einen Besuch, hat es doch noch eine Moschee, eine spezialisierte Buchhandlung namens „Orient et vous“, Restaurants und einen Markt im großen „Palais du Midi“ zu bieten.

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

Salons de thé à la bruxellois © Ekkehart Schmidt

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